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Noch ein Tor!

Beim WM-Testspiel der Nationalmannschaft geht es heute Abend gegen den FSV Luckenwalde aus der Regionalliga Brandenburg. Möglich wurde dies durch die DFB-Aktion "Club 2006". 4200 Vereine hatten sich für das Match gegen die Klinsmann-Elf beworben. Am Ende hatte Luckenwalde das Losglück. Mit dabei ist auch der Potsdamer Informatik-Student Martin Lorenz. Eigentlich ein Kopfarbeiter, heute Abend vielleicht aber ein Ballkünstler.

Von Christoph Richter |
    Das Hasso Plattner Institut in Potsdam hat absolut nichts mit einer Massen-Uni zu tun. Es liegt direkt auf dem früheren Todesstreifen, und alles wirkt wie geleckt.

    Der parkähnlich angelegte Rasen ist frisch geschnitten, in das rot geklinkerte Haus kommen die Studierenden nur mit einer Chipkarte. In den Pausen sonnen sie sich auf Liegenstühlen. Die Hörsäle sehen aus wie topmoderne Konferenzräume, und jeder Prof kennt seine Zöglinge persönlich. Einer der Studierenden ist der 23-jährige Martin Lorenz.

    Mit der Luckenwalder Verbandsligamannschaft spielt er in genau zweieinhalb Stunden gegen die WM Elf. Sein direkter Gegenspieler wird der ein Jahr jüngere Bastian Schweinsteiger vom frisch gekürten deutschen Meister Bayern München sein.

    Seine Kommilitonen sind begeistert.

    "Ja, das find ich super, der Student ist vom HPI, der hat bestimmt viel Spaß dabei, wär ich auch gern dabei.

    Geil! Super! Können beide bestimmt was voneinander lernen. Die Superspieler können lernen, dass die Kleinen auch was können, und der Kleine kann sich Kniffe von den ganz Großen abgucken.

    Na ich hoffe, dass er noch mal der Nationalmannschaft zeigt, dass sich die Nationalmannschaft anstrengen muss, um über die Vorrunde zu kommen."

    Seit dem 6. Lebensjahr spielt der gebürtige Luckenwalder Martin Lorenz beim FSV Luckenwalde Fußball. Ein ein Meter siebzig großer Mann, von ähnlicher Statur eines Berti Vogts.

    Bisher ging’s immer nur gegen Orte wie Schöneiche, Velten oder Fürstenwalde. Jetzt kommt die große Stunde. Jetzt darf Lorenz, und das ist wirklich nicht vielen gegönnt, gegen die Nationalmannschaft spielen. Möglich wurde dies durch die DFB-Aktion 'Club 2006'. 4200 Vereine haben sich drum beworben, um gegen die Klinsmann Elf zu spielen. Am Ende hatte Luckenwalde das große Losglück. Ein 20.000 Einwohner großes Städtchen. 50 Kilometer südlich von Berlin gelegen, und durch Rudi Dutschke bekannt geworden, der hier seine Jugend verbracht hat.

    Wer allerdings jetzt Angst um seine WM-Stars bekommt, weil möglicherweise ein in Potsdam studierender Fußballamateur aus Übereifer, den Stars die Beine wegkloppt, den kann Martin Lorenz beruhigen.

    "Wir wollen danach noch ne WM mit der deutschen Mannschaft sehen, mit der kompletten Mannschaft und nicht mit einem zerstückelten Mittelfeld oder so nur weil Herr Lorenz dazwischen gehauen hat. Das ist für uns Spaß. Man wird sicherlich nicht stehen bleiben, und rennen. Man wird aber nicht tackeln oder zu irgendwelchen fiesen Aktionen greifen um ein Tor zu schießen. Das liegt uns allen fern."

    Seit zwei Jahren studiert Student Lorenz in Potsdam am Hasso Plattner Institut - einem An-Institut der Uni Potsdam - den deutschlandweit einzigartigen Studiengang IT Systems Engineering.
    Lange schwankte er zwischen der glamourösen Karriere eines Profifußballers und der trockenen universitären Ausbildung.

    "Also Fußballprofi war sicherlich mal mit 14, 15 ein Wunsch, das man gedacht hat, das wär ein schöner Beruf. Aber irgendwann muss man realistisch an die Sache rangehen. Die Zeit war nach dem Abitur, als man sich entscheiden musste: Was mach ich? Versuch ich Fußball so weiter zu betreiben, dass es irgendwann mal zum Geld verdienen reicht? Aber man muss es realistisch sehen, es hat nicht gereicht."

    Dem schüchtern wirkenden Martin Lorenz schien letzten Endes eine universitäre Karriere doch sicherer zu sein. Obwohl das nicht immer so aussah.

    "Also die Studienberatung, als ich der mal gesagt habe, das ich gerne am Hasso Plattner Institut studieren will, und gesagt habe, dass ich einen Durchschnitt von 1,8 habe, da hat man mit den Augen gerollt und gesagt, ich sollte mich vorsichtshalber woanders bewerben, weil es nicht aussieht als würde ich ankommen."

    Doch seit vier Semestern scheint es ganz gut zu gehen. Und: Wer hier die akademischen Hürden passiert, dem werden glänzende Berufsaussichten versprochen.

    Heute allerdings kommt es für den Kopfmenschen auf seine Ballkünste mit den Füßen an. Sein Trainer Frieder Andrich, ein frührer DDR-Nationalspieler, wünscht sich von seinem Spieler:

    "
    Er könnte noch ein bisschen mehr aus sich rausgehen, bisschen mehr Temperament zeigen. Das ist mir noch ein bisschen zu ruhig. Er macht sich schon viele Gedanken, vielleicht macht er sich manchmal zu viele Gedanken, und da geht dann manchmal einiges nicht so wie er es sich vorstellt."

    Martin Lorenz findet es großartig, dass er heute gegen Schweinsteiger spielen darf. Und sich mit so einem begabten Fußballspieler sportlich messen darf.

    Aber wenn ihm sein Institutsstifter Plattner, der SAP Gründer, nach dem Spiel die Hand drücken würde, das wäre allerdings für Martin Lorenz ein richtig großes Ding.

    "Naja natürlich, wenn man von so einem Mann beglückwünscht wird, von so einem die Daumen gedrückt bekommt, das kann man nicht beschreiben. Ist schon ein sehr erhebendes Gefühl, wenn man so eine Widmung zu stehen hat."

    Eins ist dem Potsdamer angehenden Informatikspezialisten allerdings klar: Luckenwalde wird verlieren. Denn wenn’s andersrum passieren würde, sagt er leise, dann hätte die Deutsche Elf wirklich ein großes Problem.