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StartseiteFussballreportageNoch immer im Schatten der Männer03.06.2006

Noch immer im Schatten der Männer

Frauen-Fußball gewinnt nur allmählich an Popularität

Frauen und Fußball - das war lange Zeit nicht unter einen Hut zu bekommen. Erst 1970 hob der Deutsche Fußball-Bund das bis dahin geltende Fußballverbot für die Frauen auf. Doch trotz aller Erfolge der Nationalmannschaft stehen die Spielerinnen immer noch im Schatten der Männer.

Von Astrid Rawohl

Ein kleines Mädchen wartet am Rande des Spielfeldes auf seine Einwechselung. (Stock.XCHNG / Julie Elliott)
Ein kleines Mädchen wartet am Rande des Spielfeldes auf seine Einwechselung. (Stock.XCHNG / Julie Elliott)
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Frankfurt, 14. Oktober 2003, die Stadt am Sitz des Deutschen Fußball-Bundes feiert begeistert die Rückkehr der deutschen Frauen-Fußballnationalmannschaft aus Kalifornien. Durch einen 2:1-Erfolg im WM-Finale über Schweden ist die DFB-Auswahl um Torfrau Silke Rottenberg erstmals Weltmeister:

"Wir haben alles das erreicht, was wir uns eigentlich erträumt haben, und es gibt kein Halten mehr."

Die Euphorie kennt keine Grenzen, auch weil dieser WM-Titelgewinn vielmehr ist als der sportliche Ritterschlag. Er markiert zugleich das Ende eines langen, dornenreichen Weges gegen Vorurteile. Als Frauen um 1900, dem Gründungsjahr des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), eine erste Variante des Fußballs erproben, schreibt die Sportjournalistin Beate Fechtig:

"Spreiz- und Grätschbewegungen, Hiebe und Stöße der Beine galten als 'indecent'. Die Hüter der Moral befürchteten außerdem, daß die weiblichen Geschlechtsorgane aus ihrer Lage gebracht werden könnten.”"

Und der Mitbegründer des ersten deutschen Männer-Fußballvereins in Braunschweig, August Hermann, ist überzeugt,

""dass Fußball wohl niemals von Mädchen oder Frauen bei uns gespielt wird."

Dass sich der Fußballpionier und Turnlehrer in diesem Punkt irren sollte, ist der Hartnäckigkeit einer Metzgertochter zu verdanken. Als sich in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg gravierende politische und soziale Veränderungen einstellen, nutzt die 19-jährige Lotte Specht den gesellschaftlichen Wandel, der die Rolle der Frau nur als Mutter und Hausfrau in Frage stellt. Sie gründet 1930 in Frankfurt am Main den Ersten Deutschen Damenfußball Klub:

"Meine Idee, die kam nicht nur aus Liebe zum Fußballsport, sondern vor allen Dingen frauenrechtlerisch. Und da hab ich eine Annonce in die Zeitung gesetzt, und es haben sich auch viele Mädchen gemeldet. Und dann haben wir uns einen Trainer engagiert und haben gespielt."

Doch die Zeit ist noch nicht reif für die 40 jungen Frauen, die ihre Mannschaften mit Hilfe angehefteter brauner und weißer Lappen unterscheiden:

"Die haben sogar Steine nach uns geworfen. Also es wehte da schon der braune Wind 1930: Die deutsche Frau raucht nicht, die deutsche Frau spielt auch kein Fußball. Und dann haben wir nur ein Jahr existiert."

Auch der Fußballverband signalisiert: Bei uns ist für Spielerinnen kein Platz. Die unausgesprochene Angst vor der weiblichen Konkurrenz ist sogar so groß, dass der DFB-Bundestag noch 25 Jahre später einstimmig Frauen-Fußball verbietet. Dr. Hubert Claessen war im Juli 1955 als Delegierter in Berlin dabei.

""Dass die Mädchen da mit einem wackeligen Busen übers Feld liefen, das waren ja alles Vorstellungen für alten Herren, die sagten, das ist unmöglich, weil eine Frau weder physisch noch psychisch noch seelisch für einen solchen Kampfsport geeignet ist."

Ungeachtet des Verbots kicken die Frauen weiter. Ihr unermüdliches Engagement und die Angst vor einer selbstständigen Frauenliga zwingen den DFB im Oktober 1970 zur Aufhebung des Frauen-Fußball-Verbots. Dr. Hubert Claessen ist zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Jahre DFB-Vorstandsmitglied:

"Wenn wir die Dinge nicht in die Hand genommen hätten, mussten wir natürlich befürchten, dass die Frauen ihren eigenen Verband gründen würden. Das hätte unter Umständen dem Männerfußball erhebliche Konkurrenz machen können."

Absurde und undurchsetzbare DFB-Regelbeschränkungen begleiten die offiziellen Anfänge des Frauen-Fußballs. Doch die Auflagen, Brustpanzer und Schuhe ohne Stollen zu tragen, nimmt der DFB nach und nach zurück. 1974 wird der erste deutsche Frauen-Fußball-Meister gekürt.

"Sie sind sich bewusst, dass sie derzeit nicht nur den Gegner, sondern auch viele Vorurteile besiegen müssen. Jetzt also haben sie es geschafft, auch auf dem Rasen hat das angeblich schwache Geschlecht endlich seinen Meister TUS Wörrstadt."

Als sieben Jahre später ein deutsches Damen-Nationalteam zur ersten inoffiziellen Weltmeisterschaft nach Taiwan eingeladen wird, gerät der DFB in arge Bedrängnis. Eine Auswahlmannschaft gibt es nicht, und in der Not entsendet der DFB die aktuelle Meisterelf der SSG Bergisch-Gladbach. Das Team von Spielführerin Anne Trabant kommt überraschend als Sieger des Weltturniers zurück:

"Da merkte der DFB, also da ist doch was, die Damen spielen ja wohl anscheinend nicht so schlecht. Und da wurde ich angesprochen, ob ich bereit bin, die Nationalmannschaft so mit aufzubauen."

Als Co-Trainerin übernimmt Anne Trabant gemeinsam mit dem erfahrenen DFB-Trainer Gero Bisanz die Verantwortung für die erste deutsche Damen-Auswahl des DFB.

Bisanz: "Mir war mulmig, weil auf mich ein Stoff zukam, der mir unbekannt war, in den ich mich erst einarbeiten musste."

Am 10.11.1982 kommt es für das Team mit Spielführerin und Co-Trainerin Anne Trabant in Koblenz zum ersten Länderspiel gegen die Schweiz.

Trabant: ""Es war was besonderes, so als Kind habe ich immer davon geträumt, auch mal in der Nationalmannschaft zu spielen, und es war schon ein erhebendes Gefühl, als Spielführerin in der ersten Damen-Nationalmannschaft aufzulaufen."

Mit 5:1 gewinnt die Damen-Auswahl ihre erste Bewährungsprobe. Der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger und Bundestrainer Jupp Derwall erleben mit, wie die Fußballerinnen in Trikots der männlichen Jugendnationalspieler den Grundstein einer kommenden Erfolgsgeschichte legen. Für den ersten EM-Titelgewinn 1989 spendiert der DFB den Fußballerinnen ein Kaffee- und Teeservice: zarte blaue, gelbe und rote Blüten auf weißem Porzellan, 1-b-Ware aus dem Hause Villeroy und Boch für einen Triumph, der historisch ist.

"'89 war wirklich ein Durchbruch. Für die, die das miterlebt haben im Frauenbereich, wird es immer das tollste Erlebnis sein","

erinnert sich Hannelore Ratzeburg, sie ist bis heute Vorsitzende des Ausschusses für Frauenfußball, den der DFB 1989 nach dem EM-Titelgewinn einrichtete. Bei der olympischen Premiere 1996 in Atlanta allerdings scheitern die DFB-Damen in der Vorrunde im Team sind keine Profifußballerinnen. Nur Amateure, die neben Beruf oder Studium noch Fußball spielen.

Bisanz: ""Auf der einen Seite fehlt das Geld, um die Spielerinnen von ihrer Arbeit freizustellen damit sie trainieren können. Auf der anderen Seite ist die Leistung nicht so hoch, dass man sie eben dafür bezahlt. Wir brauchen vielleicht den semi-professionellen Bereich."

DFB-Trainer Gero Bisanz hat dabei auch das Beispiel der amerikanischen Olympia-Gastgeber vor Augen, wo Frauen-Fußball eine Domäne bei den Fans und bei den Medien ist: 2001 wird hier die erste Profiliga gegründet. Deutsche Spielerinnen sind dabei gefragt, Abwehrspezialistin Doris Fitschen beispielsweise wechselt zum Abschluss ihrer aktiven Fußballkarriere für 100.000 Mark pro Saison zu den Philadelphia Charges:

"Wir haben ein-, zweimal am Tag trainiert, und dann konnten wir ja noch sehr viel taktisch arbeiten, also deshalb waren die Spielerinnen athletischer, das Spiel war schneller und attraktiver. Es wurden alle Spiele dort im Fernsehen live übertragen, man war in aller Munde, und das war Klasse."

Heute selbstverständlich: Frauen im DFB-Trikot (AP Archiv)Olympisches Fußballturnier: Deutschland gegen Mexiko 2004 in Athen. (AP Archiv)Einen kleinen Schritt in die Richtung amerikanischer Verhältnisse markiert in Europa die Einführung des UEFA-Pokals 2001, eine Art Champions League der Frauen. Doch selbst heute - nach insgesamt sechs Europameistertitel, zwei dritten Plätzen bei Olympischen Spielen und jenem einschneidenden Weltmeisterschaftsgewinn 2003 - kann hier in Deutschland nur ein geringer Teil der Nationalspielerinnen vom Fußball leben. Birgit Prinz beispielsweise, die dreimalige Weltfußballerin des Jahres oder auch Nia Künzer, die mit ihrem golden goal im WM-Finale 2003 auch für die Werbung interessant wurde:

"Birgit Prinz, Steffi Jones und ich auch können natürlich mit Veranstaltungen, die es um den Fußball ab und zu drumrum natürlich gibt, uns schon nicht beschweren, aber der Großteil der Frauen betreibt es wirklich finanziell gesehen noch als Hobby."

Erfolge steigern die Akzeptanz, die erhöht den Werbe- und Marktwert, und das wiederum sorgt für mehr Öffentlichkeit. So registriert der DFB inzwischen über 870.000 weibliche Mitglieder, davon spielen über 630.000 Frauen und Mädchen aktiv Fußball. Nicht nur an diesen Zahlen erkennt DFB-Präsident Theo Zwanziger, der erklärtermaßen Fan der DFB-Frauen-Auswahl ist, die steigende Akzeptanz der Fußballerinnen:

"Wenn sie heute mit der Bundeskanzlerin sprechen oder mit Ministerpräsidenten, haben die sofort eine Frage: Wie geht es weiter mit dem Mädchen- und Frauenfußball? Es macht sich weiterhin deutlich bei den Sponsoren und auch wenn man das noch sagen kann, gerade jetzt in der Integrationsdebatte, die wir jetzt in Deutschland wieder haben, Fußball in den Schulen und damit auch Fußball für ausländische Kinder eine große Rolle spielen kann und damit auch für die Mädchen, die an Selbstbewusstsein gewinnen können. Also wir sind auf einem guten Weg."

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