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Noch offene Sicherheitsfragen

Umwelt. - Nach monatelangem Streit hat sich die Bundesregierung auf ein Gesetz zur unterirdischen Speicherung von Kohlendioxid geeinigt, das die Erprobung der neuen CCS-Technologie im industriellen Maßstab bis 2017 ermöglichen soll. Im brandenburgischen Ketzin wird seit zweieinhalb Jahren versuchsweise Kohlendioxid verpresst. Ob dieses europäische Projekt wesentliche Fragen beantworten kann, wird von Kritikern jedoch bezweifelt.

Von Maren Schibilsky | 14.04.2011

    Am Rande von Ketzin im Havelland. Zwei weiße zylinderförmige Tanks ragen aufrecht in den Himmel. Darin befindet sich CO2. Die ländliche Ruhe stören täglich Lastkraftwagen, die Kohlendioxid auf dem Forschungsgelände anliefern. Über Rohrleitungen gelangt es zu einer 700 Meter tiefen Bohrung, um dort mit einem Druck von 80 bar in den Untergrund verpreßt zu werden. In Ketzin wird das CO2 in eine poröse salzwasserführende Sandsteinschicht eingelagert. Die Wissenschaftler des Geoforschungszentrums Potsdam nutzen zwei zusätzliche Bohrungen, um das CO2 in der Tiefe zu beobachten. Regelmäßig schicken sie Kameras und Messsonden hinunter. Damit überwachen sie die Bohrungen und Nebengesteine. Alles muss dicht sein, damit kein CO2 zurück an die Oberfläche gelangt. Mithilfe seismischer Untersuchungen spüren die Geoforscher die Ausbreitung des CO2 auf und mögliche Risse im Tiefengestein. Sie müssen sich ein genaues Bild vom Untergrund verschaffen. Ketzin sei bisher sicher – betont Michael Kühn, Leiter des CO2-Zentrums im Geoforschungszentrum Potsdam.

    "Wir haben große Erfolge in den letzten Jahren erzielt, dass wir das CO2 wirklich sichtbar machen können. Die von uns sogenannte Tomografie des Untergrunds funktioniert. Wir können die sehr kleinen Mengen, die wir in Ketzin einsetzen, beobachten und können so einen wichtigen Beitrag dazu leisten zur Überwachung von größeren Projekten."

    Rund 45.000 Tonnen CO2 wurden bisher in Ketzin versenkt. Zuwenig, um wichtige Sicherheitsfragen zu beantworten – bemängeln Kritiker. Zum Beispiel gibt es Brüche im Gestein unter Ketzin. Ob sie dem hohen Druck standhalten, mit dem das Kohlendioxid verpresst wird, lasse sich nur mit größeren CO2-Mengen erforschen – meint der Geochemiker Ralf Krupp aus Hannover. Er arbeitet als unabhängiger Gutachter für die brandenburgische Gemeinde Neutrebbin. Dort plant Vattenfall, die CO2-Versenkung im industriellen Maßstab zu erproben. Ralf Krupp bezweifelt die Belastbarkeit der Ergebnisse von Ketzin als Grundlage für solche Versuchsprojekte.

    "In Ketzin wurden in den letzten zweieinhalb Jahren etwa 45.000 Tonnen CO2 versenkt. Das Kraftwerk Jänschwälde liefert an einem einzigen Tag 65.000 Tonnen CO2, das heißt, man hat hier Größenordnungen unterhalb von realistischen Werten für ein CCS-Projekt."

    Neben den geringen Mengen werde in Ketzin außerdem nur reines CO2 aus der Lebensmittelindustrie versenkt. Zwar hätten die Potsdamer Geoforscher gern Kohlendioxid aus Kraftwerken gehabt. Aber die Industrie konnte bisher keine ausreichenden Mengen liefern, weil die Abscheidungstechnologie nicht ausgereift war. Doch Kraftwerks-CO2 reagiere anders im Untergrund. Es enthält zahlreiche Verunreinigungen aus Verbrennungsgasen – meint der Geochemiker Ralf Krupp.

    "Das sind Gase, die sehr starke Säuren bilden. Da reichen Spuren im versenkten CO2-Strom, um den pH-Wert sehr sauer werden zu lassen. Wenn wir einen sauren pH-Wert haben, funktionieren viele Mechanismen nicht mehr."

    Das CO2 reagiert im Speichergestein mit dort fließendem Wasser zu Kohlensäure. Über Jahrtausende soll es sich fest im Gestein einlagern. Krupp bezweifelt, ob das aufgrund des sauren pH-Wertes tatsächlich geschieht. Den kritischsten Punkt bei der CO2-Verpressung sehen deutschlandweit vor allem Wasser- und Bodenverbände in der Frage, was mit einem Teil des salzhaltigen Wassers geschieht, das im Speichergestein durch das Kohlendioxid verdrängt wird. Auch darauf haben die Wissenschaftler noch keine Antwort – gesteht Michael Kühn vom Geoforschungszentrum Potsdam.

    "Man muss natürlich sicherstellen, dass das verdrängte Salzwasser nicht über mögliche Wegsamkeiten umsteigt in flachere Formationen und dann gegebenenfalls das Grundwasser versalzen kann. "

    Das wollen die Geoforscher künftig bei industriellen Versuchsprojekten abschätzen, die das CCS-Gesetz jetzt ermöglicht. Ketzin liefert wichtiges Überwachungs-Know-How für die CO2-Verpressung. Doch viele Sicherheitsfragen bleiben offen.