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Noch vor der Geburt wieder trächtig

Biologie. - Nicht nur an Ostern leistet der Hase Erstaunliches. Tatsächlich können Häsinnen schon während einer Trächtigkeit erneut schwanger werden. Tiermediziner vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin haben das im Tierreich ziemlich einzigartige Phänomen bei Feldhasen nun erstmals genauer untersucht.

Von Philipp Graf | 09.04.2009

"Die typische Beobachtung war, dass vor allem Jäger in den Gebärmüttern von tragenden Häsinnen Jungtiere verschiedener Größe gefunden haben, und da hat man angenommen dass die Häsin während der Trächtigkeit wieder gedeckt wird und sich deswegen Jungtiere aus verschiedenen Würfen gleichzeitig entwickeln."

Diese Vermutung stand am Anfang der Doktorarbeit von Kathleen Röllig. Am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung ist sie den Fortpflanzungstricks von Feldhasen auf der Spur. Die zentrale Frage: Können Muttertiere erneut trächtig werden, wenn sie bereits trächtig sind ? Bei Säugern sind solche sich überlagernden Trächtigkeiten eigentlich ausgeschlossen. Denn Schwangerschaftshormone unterdrücken einen erneuten Eisprung, eine Befruchtung ist somit nicht möglich. Doch einzigartig im Tierreich satteln Feldhäsinnen ganz regelmäßig eine zusätzliche Schwangerschaft auf die bestehende drauf. Diese Besonderheit nennen Mediziner Superfetation. Kathleen Röllig hat das Phänomen nun erstmals systematisch untersucht. Drei Jahre lang hat sie dazu Feldhasen gezüchtet. Wenn sie dafür in großen Holzboxen eine trächtige Häsin und einen Rammler zusammensetzte, galt es mithilfe einer Art Hasen-Big-Brother genau aufzupassen:

"Diese Hasenboxen waren ausgestattet mit Kameras für die Überwachung, dass man Deckakte und Geburten beobachten konnte. Und gerade bei den Deckakten ist es halt sehr wichtig zu wissen, wenn man Forschung über den Trächtigkeitsverlauf macht, dass man genau weiß, wann hat ein Deckakt stattgefunden hat und wann nicht."

In der Folge hat die Tiermedizinerin die Häsinnen betäubt und mit hochauflösenden Ultraschallgeräten eine schonende Schwangerschaftsdiagnostik durchgeführt. Ihre Messungen belegen: Superfetation kommt bei den Tieren äußerst häufig vor. Doch eine erneute Befruchtung der Feldhäsin ist nur in einem Zeitfenster von etwa drei bis vier Tagen vor der Geburt möglich. Im Ultraschall fanden sich in den Eierstöcken klare Hinweise auf einen neuen Eisprung. Thomas Hildebrandt, Leiter der Forschungsgruppe Reproduktionsmanagement am IZW:

"Der große Vorteil den der Hase eben einsetzt ist, dass die Eileiterpassage beim Menschen wie bei den meisten Säugetieren zwischen vier bis sieben Tagen dauert und diese Zeit will er nicht verstreichen lassen, die nutzt er schon. Das heißt, wenn das Baby geboren ist, plumpst direkt aus dem Eileiter der fast fertige Embryo, um dann direkt in die Gebärmutter sich einzunisten."

Durch die Überlappung gewinnt die Hasenmutter etwa vier Tage zwischen zwei Würfen. Über eine komplette Saison gesehen sind das immerhin knapp drei Wochen. Aber warum haben einzig die Feldhasen die Superfetation in der Evolution entwickelt? Thomas Hildebrandt:

"Eine Erklärung ist, dass der Feldhase ja das kleinste Säugetier ist, das ohne Bau lebt, und damit sehr den Wetterunbilden ausgesetzt ist, und durch diese Superfetation schafft er es in seiner begrenzten Fortpflanzungsperiode mehr Babies zu gebären. Obwohl seine Trächtigkeitslänge nicht veränderbar ist, ist er in der Lage kürzere Wurfintervalle zu haben."

Die Forscher konnten durch ihre Studien auch mit zwei Theorien aufräumen. So haben die oft extrem unterschiedlichen Baby-Größen in einem Feldhasen-Wurf gar nichts mit Superfetation zu tun- sondern mit Wachstumsschwankungen. Auch die so genannte Spermienspeicherung ist eine Legende. Bislang war vermutet worden, dass trächtige Häsinnen Sperma lange in der Gebärmutter aufbewahren, um damit noch vor der Geburt die frischen Eizellen zu befruchten. Doch Vaterschaftstests durch Kathleen Röllig belegen: Der Rammler vom Deckakt vor der Geburt ist auch immer der Vater der danach gezeugten Jungtiere.

"Das bedeutet vor allem dass es möglich ist, dass die Samen durch den trächtigen Uterus an den vollausgewachsenen Hasenbabys vorbei in den Eileiter zum Ort der Befruchtung gelangen, was man bis dahin auch nicht wirklich geglaubt hat weil das ein mechanisches, immunlogisches und hygienisches Problem darstellt."

Die Berliner Wildtierforscher rätseln, wie die Häsinnen das hohe Risiko meistern, sich hochträchtig noch mit keimbelastetem Sperma zu verunreinigen. Deshalb fahnden sie bei den Tieren nach infektionsverhindernden Wirkstoffen. Auch wie die Feldhasen das Hormonsystem austricksen, um während der Trächtigkeit einen neuen Eisprung auszulösen, wollen die Tiermediziner noch besser verstehen. Der Feldhase hat jedenfalls –nicht nur an Ostern- noch eine Menge an Überraschungen zu bieten.