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StartseiteEine WeltMit Ballonbotschaften zur Flucht ermuntern30.08.2014

NordkoreaMit Ballonbotschaften zur Flucht ermuntern

Nordkorea gilt als abgeschottete Diktatur, in die nur zensierte Informationen gelangen. Machthaber Kim Jong-un herrscht uneingeschränkt. Ein geflohener Nordkoreaner versucht aus dem benachbarten Südkorea mittels Ballonbotschaften diese Zensur zu umgehen.

Von Jürgen Hanefeld

Weiterführende Information

Autor Christian Eisert - "Es ist schwer, mit Nordkoreanern zu diskutieren" (Deutschlandfunk, Bücher für junge Leser, 16.08.2014)
Papst Franziskus in Südkorea - "Bemühungen um Versöhnung und Stabilität" (Deutschlandfunk, Aktuell, 14.08.2014)
Flüchtlinge aus Nordkorea - Alles andere als willkommen (Deutschlandfunk, Tag für Tag, 15.07.2014)

Im Grenzabschnitt von Imjingak plärrt alle zehn Minuten derselbe Schlager aus rostigen Lautsprechern, ein Lied, das die Teilung Koreas beweint.

Doch so laut das Lied auch tönt, es kann niemals den vier Kilometer breiten Todesstreifen überbrücken, die am schärfsten bewachte Grenze der Welt. In Nordkorea kommt die Musik einfach nicht an.

Ganz anders die Ballons von Park Sang-hak. Sie nämlich überfliegen die mörderische Grenze, und das bereits seit zehn Jahren.

"Seit 2004 haben wir etwa 60 Millionen Flugblätter nach Nordkorea geschickt, bis zu 100.000 Zettel pro Sack. Die Säcke hängen an großen Luftballons. Der Wind ist kein Problem. Südkoreas Wetterdienst ist sehr zuverlässig. Die Windvorhersagen sind auch für kleinere Regionen sehr genau."

Der 46-Jährige sieht die politische Aufklärung seiner Landsleute im Norden als Lebensaufgabe an. Er selbst flüchtete aus Nordkorea im Jahre 2000, und zwar mit seiner Familie. Sein Vater war ein hoher Funktionär der nordkoreanischen Arbeiterpartei mit der Erlaubnis, hin und wieder ins Ausland zu reisen, nach Japan oder Südkorea. Daraus ergab sich die Gelegenheit, sich ganz in den Süden abzusetzen. Auf welchem Umweg, das verrät Park Sang-hak nicht. Aber für ihn ergab sich daraus eine moralische Verpflichtung:

"Die Menschen in Nordkorea wissen nichts. Sie haben keine Informationen über dieses anachronistische Regime mit seinen drei Generationen von Diktatoren. Sie kennen auch nicht die Wahrheit über andere Länder. Deswegen schicke ich ihnen Informationen durch die Luft. Manchmal sind USB-Sticks dabei, manchmal CD-ROMs, manchmal kleine Transistorradios. Gelegentlich legen wir auch etwas Geld dazu, 1-Dollar-Noten oder zehn chinesische Yuan. Aber das Wichtigste sind die Flugblätter."

Hardliner behindern Aussöhnung

Finanziert wird die Aktion aus Spenden zwischen fünf und hundert US-Dollar. Wie häufig Luftballon gen Norden fliegen, hängt eben auch vom Kassenstand ab. Aber es wird immer mehr, sagt Park Sang-hak. Seine Methoden sind nicht unumstritten. Er gilt als Falke, als Hardliner und Provokateur, der, wie manche sagen, einer friedlichen Aussöhnung, der beiden Koreas im Wege steht. Die Argumente ähneln entfernt denen, die vor der Wiedervereinigung Deutschlands ausgetauscht wurden. Wandel durch Annäherung wollten die einen, eiserne Härte die anderen. In Südkorea war es Präsident Kim Dae-jung, der vor der Jahrtausendwende die sogenannte Sonnenschein-Politik erfand. Das brachte ihm zwar den Friedensnobelpreis ein, sagt Park Sang-hak, aber in der Sache habe sich nichts bewegt:

"Die Sonnenscheinpolitik ist doch komplett gescheitert. Sonnenschein kann man am Strand genießen, aber nicht im Umgang mit Diktatoren. Kim Dae-jungs Politik hat Südkorea 450 Millionen Dollar gekostet und zehn Jahre fruchtloser Verhandlungen. Aber gebracht hat sie nichts."

Mit ständiger Bedrohung leben

Sein Blick ist unruhig, seine Augen auch im Interview überall. Die Grünanlage, in der wir uns getroffen haben, ist gut zu überschauen. Der kleine, zierliche Mann trägt einen beinahe schon auffällig unauffälligen Anzug, mausgrau. Nur wenige Schritte entfernt sitzt ein aufmerksamer Hüne, ein Schatten werfendes Muskelpaket: Parks Bodyguard.

"Ich habe schon ein Attentat des nordkoreanischen Geheimdienstes überlebt, darüber hat sogar CNN berichtet. Ständig bekomme ich Drohungen per Fax oder Telefon aus China. Aber wir wissen natürlich, dass sie aus Nordkorea kommen. Man hat auch die Brieftauben umgebracht, mit denen ich früher Botschaften verschickt habe. Es ist eine ständige Bedrohung. Damit muss ich leben."

Oder sterben. Lohnt es denn, ein solches Risiko einzugehen, um seine Landsleute im Norden aufzuklären?

"Wissen Sie, es leben zur Zeit etwa 27.000 nordkoreanische Flüchtlinge hier im Süden. Jeden Jahr kommen etwa 2000 hinzu. Und jeder Zweite sagt, er sei durch unsere Ballon-Aktionen zur Flucht ermuntert worden. Nordkorea ist eine perfekt aufgebaut Lüge. Wir wollen ja nur, dass die Leute aufwachen. Wenn sie erkennen, wie sie belogen werden, ändern sich die Verhältnisse von ganz allein. Das Lügengebäude Nordkoreas soll zusammenbrechen. Das ist unser Ziel."

 

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