Mittwoch, 30. November 2022

Archiv


Norman G. Finkelstein , The Holocaust Industry. Reflections on the Exploitation of Jewish Suffering

Das Interesse der amerikanischen Juden am Schicksal ihrer europäischen Glaubensgenossen war weder in den Zeiten des Holocaust noch in den zwei Jahrzehnten, die dem systematischen Morden folgten, sonderlich ausgeprägt. Erst nach den Nahostkriegen von 1967 und 1973 sollte sich das ändern. An Schulen und Universitäten wurden fortan überaus intensiv "Holocaust studies" betrieben, das Land wurde mit einem Netz von Gedenkstätten überzogen, die die Erinnerung an den Mord an den europäischen Juden in die amerikanische Kultur implantieren sollten. Dass diese verspätete Entdeckung der Shoah auch Unterstützung für die Politik Israels mobilisieren sollte und dass sie sich in vielfältiger Weise kommerzialisieren ließ, darauf hat zuletzt Peter Novick in seinem vor einem Jahr erschienenen Band "The Holocaust in American Life" verwiesen. Von Fachzirkeln abgesehen, ist diese Studie in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen worden. Nun hat Norman Finkelstein in seinem Pamphlet "The Holocaust Industry" Novicks Analysen zu einer Polemik gegen das amerikanisch-jüdische Establishment verschärft, und das deutsche Feuilleton gerät in Aufruhr. Finkelstein liefere den Antisemiten ideologische Munition, sei womöglich selber einer, heißt es, und im Spiegel versucht sich Leo de Winter gar als Psychiater. Finkelstein gehöre in eine Therapie, befindet der hochgelobte niederländische Autor und diagnostiziert, den Amerikaner trieben familiäre Neurosen und Frustrationen. Reinhard Rürup schließlich, der Direktor der Stiftung "Topographie des Terrors", nimmt Finkelsteins an ein amerikanisches Publikum gerichtete kleine Polemik gar zum Anlass, die gesamte deutsche Gedenkkultur präventiv gegen nicht geäußerte Kritik zu immunisieren. Bei all dem gerät aus dem Blick, was Finkelstein tatsächlich geschrieben hat, vor allem aber, in welchem politisch-historischen Kontext sein Pamphlet angesiedelt ist. Karin Beindorff:

Karin Beindorff | 04.09.2000

    Das Interesse der amerikanischen Juden am Schicksal ihrer europäischen Glaubensgenossen war weder in den Zeiten des Holocaust noch in den zwei Jahrzehnten, die dem systematischen Morden folgten, sonderlich ausgeprägt. Erst nach den Nahostkriegen von 1967 und 1973 sollte sich das ändern. An Schulen und Universitäten wurden fortan überaus intensiv "Holocaust studies" betrieben, das Land wurde mit einem Netz von Gedenkstätten überzogen, die die Erinnerung an den Mord an den europäischen Juden in die amerikanische Kultur implantieren sollten. Dass diese verspätete Entdeckung der Shoah auch Unterstützung für die Politik Israels mobilisieren sollte und dass sie sich in vielfältiger Weise kommerzialisieren ließ, darauf hat zuletzt Peter Novick in seinem vor einem Jahr erschienenen Band "The Holocaust in American Life" verwiesen. Von Fachzirkeln abgesehen, ist diese Studie in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen worden. Nun hat Norman Finkelstein in seinem Pamphlet "The Holocaust Industry" Novicks Analysen zu einer Polemik gegen das amerikanisch-jüdische Establishment verschärft, und das deutsche Feuilleton gerät in Aufruhr. Finkelstein liefere den Antisemiten ideologische Munition, sei womöglich selber einer, heißt es, und im Spiegel versucht sich Leo de Winter gar als Psychiater. Finkelstein gehöre in eine Therapie, befindet der hochgelobte niederländische Autor und diagnostiziert, den Amerikaner trieben familiäre Neurosen und Frustrationen. Reinhard Rürup schließlich, der Direktor der Stiftung "Topographie des Terrors", nimmt Finkelsteins an ein amerikanisches Publikum gerichtete kleine Polemik gar zum Anlass, die gesamte deutsche Gedenkkultur präventiv gegen nicht geäußerte Kritik zu immunisieren. Bei all dem gerät aus dem Blick, was Finkelstein tatsächlich geschrieben hat, vor allem aber, in welchem politisch-historischen Kontext sein Pamphlet angesiedelt ist. Karin Beindorff:

    Zwei Ereignisse stehen im Zentrum des jüdischen Bewußtseins im 20. Jahrhundert: die Vernichtung der europäischen Juden und die Gründung des Staates Israel. Für beides ist der Antijudaismus eine entscheidende Voraussetzung. Die Massenmorde in den Vernichtungslagern waren der Höhepunkt eines in Europa tief verwurzelten Judenhasses, in der Staatsgründung Israels sollte die 2000-jährige Geschichte der Vertreibung, Verfolgung und Vernichtung aufgehoben, der erzwungenen Assimilation Einhalt geboten werden.

    Die jüdische Gemeinschaft in der Weltmacht USA, größer als sonstwo auf der Welt und noch heute größer als die israelische, war in besonderer Weise in die Ereignisse dieses Jahrhunderts verwickelt. Sie war, trotz antijüdischer Vorurteile auch in den Vereinigten Staaten, niemals ernsthaft bedroht, war zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs Teil eines Landes, das ebenso wie die deswegen häufig angegriffene Schweiz jüdische Flüchtlinge zu Tausenden abgewiesen hat, ohne dass sie dem nennenswerten Widerstand entgegengesetzt hätte. Für die erfolgreiche und ungewöhnlich mächtige Minderheit war das Motiv, nach Israel auszuwandern, zudem schwach ausgeprägt. Der Zionismus war vielen us-amerikanischen Juden suspekt, drohte er doch die eigene Loyalität zu spalten, und war es doch weitaus attraktiver, an der Politik der Supermacht teilzuhaben, als im heißen und beschwerlichen Israel ständig mit der Waffe über der Schulter im Schweiße seines Angesichts Zitrusfrüchte anzubauen.

    Über die Frage, was denn jüdische Identität sei, wie man es mit Israel halte oder welche Bedeutung die Massenvernichtung für die jüdische Geschichte hatte, ist in der jüdischen Gemeinschaft Amerikas mit anderen Untertönen als anderswo in der Diaspora gestritten worden - doch meistens hinter verschlossenen Türen oder wenigstens hinter vorgehaltener Hand. Mit dem auch aus kommunistischen Parteien und der Katholischen Kirche sattsam bekannten Argument, offener Streit stärke nur die Feinde, hat man die schmutzige Familienwäsche in der dafür vorgesehenen Truhe begraben. Norman Finkelstein hat nun den Deckel geräuschvoll abgehoben und ein bißchen in der schmutzigen Wäsche herumgestochert. Aus seinen, nicht immer überraschenden Funden hat er ein Pamphlet verfertigt, das direkt auf die Magengrube der etablierten jüdischen Organisationen in den USA zielt.

    Der jüdische New Yorker Politikwissenschaftler, dessen Eltern das Warschauer Ghetto und verschiedene KZ überlebt haben, hatte sich schon zuvor als linker jüdischer Dissident unbeliebt gemacht und wird von seinen Widersachern wie ein Paria behandelt. Er hatte die chauvinistische Politik Israels gegen die arabischen Nachbarn, vor allem gegen die palästinensischen Flüchtlinge, offen angegriffen und Daniel Goldhagens Vorwurf des eliminatorischen Antisemitismus als demagogisches Konstrukt gewürdigt und, ebenso wie übrigens Raul Hilberg, als wertlos verworfen.

    Nun bezichtigt Finkelstein, was er die jüdische Elite der USA nennt, vertreten in der Jewish Agency, der Claims Conference, der Anti Defamations League und wie sie sonst noch heißen, aus dem Holocaust in mehrerlei Hinsicht Kapital zu schlagen, ja geradezu eine Holocaust-Industrie geschaffen zu haben, die Karrieren befördert (etwa Goldhagen auf einen Harvard Lehrstuhl), Macht zementiert, (in Israel und den USA ) und Geld eintreibt, (in der Schweiz und Deutschland, zukünftig in Osteuropa) - und dies alles unter schamloser Ausbeutung jüdischen Leidens während der nazistischen Massenvernichtung. Die organisierte Judenheit der USA habe, ihren ganzen politischen Opportunismus unter Beweis stellend, den Holocaust erst nach dem Sechstagekrieg 1967 entdeckt und für sich nutzbar gemacht, als nämlich die militärische Überlegenheit Israels das strategische Bündnis mit den USA gestiftet habe. Seither würden Ermordete und Überlebende in falsche Umarmung genommen, um Israels fragwürdige Politik zu unterstützen, um Klasseninteressen in den USA zu schützen und die Bedeutung der vor sich hin dümpelnden jüdischen Organisationen aufzupolieren. Das funktioniert aber nur, wenn man sich eine möglichst unangreifbare ideologische Legitimation verschaffen kann, die jede Kritik schon im Keim erstickt. Zwei Dogmen wurden deshalb laut Finkelstein zur Geschäftsgrundlage:

    Erstens: Der HOLOCAUST markiert ein kategorial einzigartiges historisches Geschehen. Zweitens: Der HOLOCAUST stellt den Höhepunkt eines irrationalen und ewigen Hasses der Nichtjuden auf die Juden dar. Keines dieser Dogmen spielte im öffentlichen Diskurs vor dem Juni 67 eine Rolle; und obwohl sie Kernstücke der Holocaust-Literatur geworden sind, haben sie in der ursprünglichen wissenschaftlichen Literatur keine Bedeutung. Auf der anderen Seite wurden beide Dogmen wichtige Stränge des Judaismus und des Zionismus.

    Keinen geringeren als Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, selbst ein Überlebender, hat sich Finkelstein auserwählt, um ihn zur Nummer Eins der ideologischen Hütchenspieler zu küren. Wiesel habe den Holocaust zur sakralen Angelegenheit mystifiziert, behaupte, der Massenmord an den Juden stünde außerhalb der Geschichte, könne weder erklärt noch beschrieben werden.

    Nur der Überlebens-Priester (sprich: nur Wiesel) ist fähig, das Mysterium zu entschlüsseln. Dieses Mysterium, das Wiesel beschwört, ist nicht kommunizierbar, ‘wir können nicht einmal darüber sprechen’. Für ein Standard-Honorar von 25.000 Dollar plus Limousine mit Chauffeur lehrt Wiesel, dass das Geheimnis der Wahrheit von Auschwitz im Schweigen liege.

    Alte jüdische Kontroversen gewinnen neue Brisanz, nachdem sie in der Geschichte der Judenheit bereits zu erbitterten Auseinandersetzungen, zu Bannstrahl und Ausgrenzung geführt hatten. Sind die Juden das auserwählte Volk, werden sie von einem ewigen Haß verfolgt, der jedes Mittel der Verteidigung letztlich rechtfertigt? Ist Antijudaismus mit anderen xenophobischen Leidenschaften verwandt, ist z.B. die Ausrottung von Millionen Schwarzen im Kongo durch die belgischen Kolonisatoren im Kontext der Menschheitsgeschichte vergleichbar mit dem industriell organisierten Mord der deutschen Faschisten? Darf man über den Judenmord reden, aber über die Vernichtung der amerikanischen Ureinwohner schweigen?

    Die .... Frage ist doch, warum haben wir ein von der Bundesregierung erbautes und unterhaltenes Holocaust-Museum in der Hauptstadt? Seine Anwesenheit auf der Washington Mall ist eigentlich unvereinbar mit der Abwesenheit eines ähnlichen Museums, das an die Verbrechen der amerikanischen Geschichte erinnert. Man stelle sich den anklagenden Aufschrei der Heuchelei in den USA vor, wenn Deutschland mit einem nationalen Museum in Berlin anstelle an den Völkermord der Nazis an die amerikanische Sklaverei oder die Ausrottung der Urbevölkerung erinnern würde.

    Im letzten Kapitel seines Buches nimmt sich Finkelstein die Entschädigungsverhandlungen mit der Schweiz und Deutschland vor. Er kritisiert, dass mit falschen Opferzahlen und moralischer Erpressung gearbeitet und dass das Geld nicht an die tatsächlich Bedürftigen ausgezahlt oder zweckentfremdet werde. Das mag polemisch überspitzt sein, Aspekte unberücksichtigt lassen, wie ihm nun vorgeworfen wird, doch Pamphlete sind nun einmal nicht ausgewogen, weswegen sie im Kern doch Wahres enthalten. Wie wenig die praktische Politik, entgegen den Feiertagsreden ihrer Hauptdarsteller, aus Verfolgung und Massenvernichtung tatsächlich zu lernen bereit ist, zeigt Finkelstein an einem aktuellen Beispiel:

    Im Januar 2000 trafen sich Offizielle aus nahezu 50 Staaten, unter ihnen Israels Premier Ehud Barak, in Stockholm zu einer Konferenz über Lehren aus dem Holocaust. Die Schlusserklärung unterstrich die ‘ernste Verantwortung’, Völkermord, ethnische Säuberungen, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen. Ein schwedischer Reporter befragte anschließend Barak zu den palästinensischen Flüchtlingen. Prinzipiell, so Barak, sei er dagegen, dass auch nur ein Flüchtling nach Israel komme... Die Konferenz war schlichtweg ein großer Erfolg.

    Ähnlich wie in der Goldhagen-Debatte sind auch im Falle Finkelsteins die Reaktionen aufschlußreicher als das Buch selbst. In den USA wird der Autor vorwiegend angegiftet, bis hin zum völlig ins Leere laufenden, abgedroschenen Vorwurf, er sei ein Antisemit und liefere den Auschwitz-Leugnern Argumente. Hierzulande überschlagen sich die Feuilletons mit abwehrender Ausgewogenheit, meist aus der Riege einschlägig bekannter Wissenschaftler. Man spürt den nächtlichen Albtraum zwischen den Zeilen, auch hier könne es einer wagen, die Motive und Interessenlagen der Deutungshüter des Holocaust zum Gegenstand politischer Polemik zu machen.

    Karin Beindorff über Norman G. Finkelstein, "The Holocaust Industry. Reflections on the Exploitation of Jewish Suffering", Verso Verlag, London, New York (16 Pfd. bzw. 23 Dollar). Im Frühjahr soll im Münchener Piper Verlag die deutsche Übersetzung von Finkelsteins Pamphlet erscheinen, aber dann dürfte hierzulande das Interesse an diesem Beitrag zur jüdisch-amerikanischen Selbstfindung längst erloschen sein. Damit sind wir am Ende unserer heutigen Revue politischer Literatur. Für Ihr Interesse dankt Hermann Theißen.