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StartseiteEine WeltNotizen über Chinas dunkle Seiten15.03.2008

Notizen über Chinas dunkle Seiten

Ein Blogschreiber beschäftigt Pekings Internetpolizei

China ist auf dem Weg, die größte Internetnation der Welt zu werden, doch politische Meinungen sind wenige Monate vor Olympia im chinesischen Internet besonders unerwünscht. Bis zu 30.000 Internetpolizisten kontrollieren nicht nur die Webseiten, sondern auch die Blogs. Lao Humiao ist einer von 60 Millionen Blogschreibern. In seinem elektronischen Tagebuch schreibt er vor allem über die dunklen Seiten des neuen Chinas.

Von Sybille Rothe

Kurz vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking hat China eine mächtige Internetpolizei aufgebaut.   (AP)
Kurz vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking hat China eine mächtige Internetpolizei aufgebaut. (AP)

Schon seit dem Morgengrauen sitzt er vor seinem Rechner. Lao Humiao raucht Kette. Wie immer, wenn er seine Texte ins Internet schreibt. Die Brille ist ihm auf die Nasenspitze gerutscht, doch Lao Humaio hat keine Zeit, sie wieder zurechtzurücken. Er tippt wie besessen.

"Ich habe mich von klein auf für Nachrichten interessiert. Wenn man in China Journalist werden will, dann muss man Mitglied der Kommunistischen Partei sein. Da habe ich keinen Sinn drin gesehen und meinen Berufswunsch aufgegeben. Doch dann habe ich das Internet und die Blogs entdeckt. Jetzt kann ich endlich meine Beobachtungen aufschreiben."

Lao Humiao war einer der ersten Internetblogger Chinas. Berühmt wurde er durch eine ungewöhnliche Recherchereise. 8000 Kilometer ist der Internetjournalist auf dem Fahrrad durchs Land gefahren, um Bauern, Viehzüchter und Bergleute zu besuchen.

"Ich habe nicht geglaubt, was die Regierung immer sagt; dass alles bestens läuft ohne Probleme. Ich war sehr neugierig. Jetzt steht die Wahrheit in meinen Berichten."

Jeden Tag schrieb er während der Reise seine Erlebnisse auf, machte Fotos und drehte kleine Videofilme. Berichte über bittere Armut, lebensgefährliche Bergwerke, verseuchte Umwelt - das alles stellte Lao Humiao ins Netz.

"Was mir auf der Reise besonders aufgefallen ist: Die chinesische Presse lügt! Die Provinzbeamten sind sehr korrupt und das Volk ist aufgebracht und unzufrieden."

Ein Internetvideo über einen Umweltskandal in der Provinz. Eine braune dreckige Brühe ergießt sich durch ein Rohr direkt in einen Fluss. Der Blogger hat am Ufer einen alten Bauern getroffen und die Begegnung gefilmt.

Das sind die Abwasser der Kreisstadt Dingbian, kommentiert Lao im Video. Wie lange fließen die schon in den Fluss, fragt er den Bauern. Schon zehn Jahre, sagt der. Das Abwasser hat alle Brunnen verseucht, das Trinkwasser ist vergiftet, die Leute im Dorf sind krank, erzählt Lao. In der Kreisstadt kümmert sich keiner. Auch die Dorfregierung tut nichts.

Skandalen wie diesem ist der Internetjournalist ständig auf der Spur. Ohne Bezahlung, aus reiner Passion.

Mit einem Umzugskarton neben sich sitzt Lao in einem Taxi. Sein Ziel: Ein Abrissviertel mitten in Peking. Nur einen Steinwurf weit vom Platz des Himmlischen Friedens entfernt herrscht nacktes Elend.

Lao Humiao schleppt seinen Karton durch die Trümmerlandschaft. Und schon kommen sie aus ihren mit Pappe und Lumpen ausgestopften Verstecken: Die Obdachlosen Pekings sind das aktuelle Thema des Internetjournalisten:

"Alter Zhang, nur du allein? Ach, da sind ja auch die anderen, auch der alte Liu. Seid mal leise und schreit nicht so rum. Hier ist es immer gefährlich. Wir brauchen keine Neugierigen."

Fünf zerlumpte schmutzige Gestalten drängeln sich um Lao. Monate hat er gebraucht, um das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen. Sie sind keine Bettler, sie sind Müllsammler. Alte Leute, gestrandete Wanderarbeiter, Behinderte. Tag für Tag sammeln sie weggeworfene Plastikflaschen ein. Damit verdienen sie im Monat ungefähr 200 Yuan, umgerechnet 20 Euro. Das reicht für ein wenig Reis, nicht aber für eine Wohnung.

"Guckt mal hier die Sachen im Karton. Das sind Spenden von Leuten, die Eure Geschichte im Internet gelesen haben. Kekse, Nudeln, Waschsachen. Ich organisier Euch noch eine Waschgelegenheit."

Der alte Liu weint hemmungslos. In Chinas korruptem Sozialsystem fallen Menschen wie er sofort durchs Netz.

Vor Jahren ist der alte Mann Hunderte Kilometer zu Fuß nach Peking gelaufen, auf der Suche nach einem Job. In seinem Dorf gab es keine Arbeit, keine Hoffnung. Nun ist er fast 70 Jahre alt und sammelt noch immer Plastikflaschen. Die letzten Wochen waren hart; eiskalte Nächte und kaum Müll auf der Strasse.

"Ohne Dich hätten wir die letzten Tage nicht überstanden. Vorgestern ist die Polizei gekommen und hat uns alles weggenommen, unsere Sachen, unser Geld. Das soll man wirklich anprangern. Das ist das Mindeste!"

Lao Humiao hört aufmerksam zu, erfährt, dass die Polizei Liu seinen im Müll versteckten Notgroschen gestohlen hat. 700 Yuan waren es - 70 Euro. Dafür hat der alte Mann lange gespart.

Menschen wie Liu sollen vor Olympia aus dem Straßenbild verschwinden. Die Polizei und ihre Schergen räumen erbarmungslos auf. Lao Humiao wird später in seinem Blog darüber berichten.

"Ich kritisiere die Polizei, weil sie nicht nur das Gesetz verletzt hat. Sie hat auch ihre Menschlichkeit verloren. Die werden bestimmt wütend auf mich sein und mich im Auge behalten. Ich habe früher oft über mein eigenes Risiko nachgedacht. Aber das ist mir mittlerweile egal."

Seine Internetartikel werden immer politischer, kritisieren auch die Führung. An Ministerpräsident Wen Jiabao hat der Internetjournalist unlängst eine besondere Botschaft ins Netz gestellt:
"Genosse Wen, immer besuchst Du die Leute in Katastrophengebieten, bei Überschwemmungen und Bergwerksunglücken. Aber kümmere dich doch erstmal um Deine Nachbarn. Ich sag Dir auch die Adresse; erst links, dann rechts, und nochmal links - da sind die Obdachlosen. Was Du machst, das ist doch nur Show. Genau das habe ich im Netz geschrieben. Klar, dass sie meinen Artikel gelöscht haben."

Dass die Internetpolizei seine Beiträge ständig zensiert, daran hat sich Lao gewöhnt. Deshalb stellt er sensible Themen auch auf internationale Plattformen wie YouTube.

"Natürlich hoffe ich, dass sich durch meine Arbeit etwas verändert. Aber meine Kraft allein reicht nicht, ich bin zu schwach. Trotzdem muss es doch einen geben, der was sagt. Es kann doch nicht sein, dass in diesem großen China keiner Mut hat, den Mund aufzumachen."

Wie besessen tippt er weiter, um den Rechtlosen im Internet eine Stimme zu geben.

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