Archiv


Notruf per Kamera

Viele allein lebende ältere Menschen sind dem Risiko ausgesetzt, dass sie bei einem Unfall selbst keine Hilfe mehr rufen können. Ein neuartiges Notrufsystem könnte diese Lücke schließen, meinen Ingenieure der Technischen Universität Braunschweig.

Von Detlev Karg |
    Ein Raum im Institut für Robotik und Prozessinformatik der Technischen Universität Braunschweig. Spartanisch eingerichtet mit einem Sofa, einem Tisch, einer Schrankwand. Alles atmet den Geist der 50er und 60er Jahre, so sieht es bei vielen Menschen daheim aus. Aber das ist nicht die Wohnung der Großeltern, sondern ein Labor. Das fällt eigentlich erst beim zweiten Blick auf. An der Decke, genau in der Mitte, sitzt eine Fischaugenkamera. Das war es auch schon. Erst im Büro nebenan, bei Diplomingenieur Jens Spehr, lässt sich am Monitor sehen, wozu die gute Stube nebenan gut ist. Hier testet ein Team von Studenten und Wissenschaftlern, wie zuverlässig ein PC in einer möglichst alltäglichen Umgebung erkennen kann, ob ein Mensch wohlauf ist, oder ob er hilflos in der Wohnung liegt und Hilfe benötigt. Jens Spehr hat dafür eine erste Lösung entwickelt. Er modelliert den menschlichen Körper symbolisch:

    "Dieses Modell ist in diesem Fall recht einfach, das ist einfach nur eine Linie, jetzt rot dargestellt. Und wenn eine Person steht, dann zeigt die Linie zum Bildmittelpunkt, das sieht man hier sehr schön. Dagegen, wenn ich jetzt stürze, dann zeigt es jetzt nicht mehr zum Mittelpunkt. und das benutze ich als Indiz dafür, ob eine Person steht oder liegt. Und ich kann hier mal so ein Video ablaufen lassen, da sieht man das recht schön."

    Und auf dem Bildschirm sieht man, wie ein Mensch im Raum umherläuft. Senkrecht zu der Person verläuft die rote Linie. Dank der Fischaugenkamera ist es so, wie beschrieben: Die Linie, die die Körperachse des Menschen abbildet, läuft immer zur Bildmitte hin – alles in Ordnung. Dann legt sich die Person hin. Sofort schlägt der Computer Alarm, in diesem Fall wird der Bildschirm rot. Denn nun ist die Körperachse waagerecht. Das interpretiert die von Jens Spehr entwickelte Software als Sturz. Das ganze System beruht letztlich auf dem Vergleich von farbigen zu weißen Pixeln in einem Bild. Diese Relation wertet der Computer aus. Derzeit arbeiten die Braunschweiger Forscher daran, ihr System alltagstauglich zu machen. Alle möglichen Haltungen muss das Computerauge erkennen können, um Fehlalarme zu vermeiden und gleichzeitig eine Hilfe im Alltag zu sein. Auch die Medizin zeigt Interesse, wie etwa die Forschungsgruppe Geriatrie an der Berliner Charité-Klinik. Denn das Auswerten der Flächen in Bezug auf den menschlichen Körper steht laut den Braunschweiger Forschern noch am Anfang. Mediziner etwa können aus dem Gang eines Menschen auf viele Gebrechen schließen.

    "Dann kann man nämlich auch die Bewegungen über den Tag hinweg analysieren, das heißt also, wir haben das Kamerasystem installiert, bei jemandem zu Hause, und nehmen das dann über Monate und Jahre hinweg auf und stellen fest, der Mensch wird immer unsicherer im Gang, so dass wir da auch präventiv Maßnahmen ergreifen können."

    15 Bilder pro Sekunde verarbeitet das Programm, das Jens Spehr geschrieben hat. Es ist nur 120 Kilobyte groß und benötigt Ressourcen schonende ein bis zwei Megabyte Arbeitsspeicher. Bisher funktioniert das visuelle Notrufsystem im Labor zu über 90 Prozent, doch muss diese Quote noch gesteigert werden, soll daraus ein marktfähiges Produkt werden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie das Ganze einmal datenschutzrechtlich gelöst werden kann. Ziel der Forscher ist es nicht, Millionen Wohnungen mit Kameras auszurüsten und unendlich viele Terabyte an Filmdaten aufzuzeichnen. Auch sollen die Kameras keine menschliche Hilfe ersetzen, aber im Falle des Falles warnen. Das ließe sich mit dem Braunschweiger System auch ohne den Big-Brother-Effekt realisieren, wie Jens Spehr erläutert:

    "Letztendlich ist da eine Kamera, ein Computer dahinter, vielleicht irgendwann einmal eine SmartCam, wo der Computer gleich in der Kamera mit drin sitzt, und da kommt gar kein Bild mehr heraus. Und wenn man das Ganze dann verkauft als eine Art Sturz-Sensor, so wie es heute bei Bewegungssensoren ist, könnte man das Problem gut umgehen. Wobei wir schon viele Anfragen von Personen haben, die sagen: Ich würde ganz gerne mal bei meiner Großmutter in den Raum schauen und gucken, ob da alles in Ordnung ist – das ist letztendlich nicht unser Forschungsinteresse!"