Sonntag, 29. Mai 2022

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Nouveau Réalisme

Einer - Christo - stand auf Verpackungen, ein anderer - Arman - auf Mülltonnen, ein dritter, der früh verstorbene und berühmteste, Yves Klein, liebte nur die Farbe Blau. Es war eine muntere Truppe, die Ende der Fünzigerjahre unter dem Namen Nouveau Réalisme die Herrschaft der Abstraktion herausforderten. Eine Ausstellung im Pariser Museum Grand Palais erinnert an nun sie.

Von Björn Stüben | 30.03.2007

Das zu Beginn der Ausstellung "Le Nouveau Réalisme" eingespielte Gedicht ergibt zweifellos keinen rechten Sinn, doch was François Dufresne hier Anfang der 60er Jahre vorträgt, ist dennoch nicht unsinnig. Einzelne Worte wie Nazi, Napalm oder Palm Beach sind aus ihrem gewohnten sprachlichen Zusammenhang gerissen und, da sie ähnlich klingen, neu arrangiert worden. Deutlicher könnten die Kunstprinzipien der Gruppe der "Neuen Realisten" nicht umschrieben werden, von der jetzt knapp 160 Werke im Pariser Grand Palais zu sehen sind.

Die Bezeichnung "Neuer Realismus" prägt der einflussreiche Kritiker Pierre Restany, um den sich im Oktober 1960 einige junge Künstler zur Unterzeichnung eines Gründungsmanifests versammeln. Der "Neue Realismus" bezeichne jedoch eigentlich gar keine Gruppe von Künstlern, sondern eher eine Art Bruderschaft, wie sich Raymond Hains später erinnern wird. Sie seien alle kleine Cäsaren gewesen, die sich die Welt wie einen Kuchen aufteilten.

Für Yves Klein habe es nur die Farbe Blau gegeben, für César zusammen gepressten Autoschrott, für Arman Mülltonnen, für Christo Verpackungen und Mimmo Rotella und ihm selbst, gesteht Raymond Hains, hätten es abgerissene Werbeplakate angetan. So sei es ihnen schließlich gelungen, den Weg aus der Welt der Malerei hinaus in die Wirklichkeit zu finden.

Die Auflehnung der selbsternannten "Neuen Realisten" richtet sich im Paris der 60er Jahre vor allem gegen die den Kunstmarkt völlig beherrschende und an amerikanischen Vorbildern geschulte abstrakte Malerei. Die Neuen Realisten verlassen ihre Ateliers. Ihr Kunstschaffen beginnt auf der Straße. Jacques Villeglé betitelt 1965 die auf Leinwand geklebten Plakatfetzen nach ihrem Fundort "122, rue du Temple". Mimmo Rotella erhebt die Überreste eines Marylin Monroe-Werbeplakats zu realistischer Kunst.

Arman sortiert Gliedmaßen von Spielzeugpuppen in einer Holzschachtel, die er mit Glas abdeckt und mit "Massaker an Unschuldigen" betitelt. Die Überreste eines zertrümmerten Pianos auf eine Holzplatte geleimt nennt er humorvoll "Chopin's Waterloo". Neben den berühmten monochromen Leinwänden von Yves Klein, der 1962 überraschend im Alter von 34 Jahren stirbt, tauchen in der Schau auch die bekannten bunten Figuren von Niki de Saint Phalle auf, die sich mit ihrem Lebensgefährten Jean Tinguely ebenfalls den Neuen Realisten angeschlossen hat. Eine Fernsehreportage zeigt sie als Akteurin bei einer spektakulären Kunstaktion in Mailand 1970: Niki schießt mit einem Gewehr auf Farbbeutel, die an einem nachgebauten Altarretabel vor dem Mailänder Dom hängen und unter dem Beifall des Straßenpublikums zerplatzen. Kunst hat für die neuen Realisten vor allem etwas mit Aktion und Animation zu tun.

Daniel Spoerris abgegessene Teller, die anschließend auf Holzplatten befestigt und als Kunstwerke an die Wand gehängt werden reihen sich hier ebenso ein wie Tinguely's "Hommage an New York". Die Schau zeigt den gefilmten Mitschnitt der ungewöhnlichen Aktion, bei der sich im März 1960 eine von Tinguely's eisernen Maschinen dröhnend vor dem Museum of Modern Art selbst zerstört. Bei Martial Raysse‘s "Strand"-Installation geht es allerdings heiterer zu.

Fast ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Spoerri und der befreundete Robert Rauschenberg den von Raysse aufgeschütteten Sandboden, der eigens für die Pariser Ausstellung rekonstruiert wurde, im Rhythmus der Jukebox zur Tanzfläche erklären. Fotos verdeutlichen die spielerischen und humorvollen Elemente in der Kunst der "Neuen Realisten".

Die Pariser Schau zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie die künstlerischen Ideen der französischen "Nouveaux Réalistes" in ihrem historischen Kontext vorführt. Wer etwa César's aus Polyuretan gegossene Großplastiken bisher nur als Einzelstücke in bedeutenden Museumssammlungen kennengelernt hat, der verfolgt staunend in Filmausschnitten wie der Künstler zu Beginn der 70er Jahre diese Werke in Stücke zersägen und ans Publikum verteilen ließ. Im Grand Palais scheint die Kunstströmung der "neuen Realisten" für die Dauer der Ausstellung wieder lebendig zu werden.