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StartseiteMusikjournalHeimatliches Hojotoho?28.06.2016

"Novoflot" untersucht den Mythos der NationaloperHeimatliches Hojotoho?

Es gibt viele freie Opernensembles in Deutschland, zumal in Berlin. Mit immer neuen Ideen zu alten Stücken streben sie danach, die Stadttheater-Routine des Opernlebens aufzumischen. Kaum ein Ensemble hat dabei in den letzten 15 Jahren so starke, aber auch verrätselte Inszenierungen gezeigt wie die Berliner Operntruppe Novoflot.

Von Matthias Nöther

Der Komponist Carl Maria von Weber in einem historischen Stich (imago / United Archives International)
Schöpfer des "Freischütz" - und der deutschen Nationaloper: Carl Maria von Weber (imago / United Archives International)

Für seinen Abend zum Thema Nationaloper hat Novoflot zusätzlich Produktionen aus Ungarn und der Schweiz eingeladen. Deshalb hat die Gruppe für ihre eigene Freischütz-Bearbeitung nur neunzig Minuten zur Verfügung und verliert keine Zeit. Als das Publikum die alte Fabrikhalle betritt, sind Musiker und Sängerdarsteller schon in Aktion.

Novoflot hat hier so etwas wie eine Freischütz-Installation aufgebaut. Die Ereignisse werden nicht chronologisch nacherzählt. Das Original aus dem Jahr 1821 ist nur noch in Ansätzen erkennbar, und dies ausschließlich durch die Musik.

Dass sich Novoflot für die Intonation der Freischütz-Musik ausgerechnet ein Posaunenquartett ausgesucht hat, soll wohl den erratisch-steifen Charakter des Konzepts Nationaloper deutlich machen. Zu diesen Klängen sieht man ein Wettbüro. Max, Agathe und Samiel seien im kollektiven Gedächtnis der Deutschen so fest gefügt, dass es sich lohnen würde, sein letztes Geld auf sie zu setzen, so liest man von Seiten des Novoflot-Teams. Das Wettbüro ist als Assoziation weit hergeholt – zumal, wie Novoflot-Dramaturg Malte Ubenauf selbst betont, die Verankerung des Freischütz im nationalen Bewusstsein der Deutschen sich ja nicht auf die Figuren, sondern auf die Musik bezieht:

"Ausschlaggebend muss sein die musikalische Kraft dieser Partitur, in der es ja ich würde mal sagen mindestens zehn Stücke gibt, die auch Leuten, die diese Oper vielleicht gar nicht so besonders gut kennen, in denen ein Gefühl wach ruft, wenn sie das hören. Und das macht vermutlich das Gefühl aus, dass es sich bei dieser Oper um etwas handeln muss, was eine Gesellschaft irgendwie auch miteinander verbindet. Über ein emotionales Gefühl der Musik gegenüber."

Die Klischees von deutschem Wald und deutschem Sang werden musikalisch gekonnt verfremdet: Die Sopranistin Yuka Yanagihara darf Ännchens Arie in ihrer Muttersprache Japanisch singen. Die berühmten Tenorarien des Schützen Max werden von einem schmalbrüstigen Schlagersänger dargeboten, andere Arien vom bestens disponierten Mädchenchor der Sing-Akademie zu Berlin.

Freibier beim Freischütz

Novoflots szenische Assoziationen zum Freischütz, vom Wettbüro über Kühlboxen für das Freibier des Schützenkönigs bis zu elaborierten Texten von Einar Schleef werden im Akkord ausgerollt. Die musikalische Verfremdung der Hits ist sprechender als die Bilder, und schließlich ist es ja die Musik, die in der Oper die Heimeligkeit erzeugt – und eventuell auch nationale Gefühle:

"Da geht’s in der Präsentation dieser drei Arbeiten eigentlich um die Frage, wieviel kritische Auseinandersetzung ist möglich angesichts eines artifiziellen Zusammenhangs, dem man sich eigentlich sehr positiv verbunden fühlt? Das ist glaub ich das Experiment, was hier alle drei Gruppen unternehmen, das unternimmt Novoflot mit dem Freischütz, das unternimmt Árpád Schiliing und die Krétakör Stiftung auf sehr spezifische Weise, indem es eine Gruppe von jugendlichen Aktivisten aus Ungarn, die für eine starke Zivilgesellschaft kämpfen, sich mit dieser Oper auseinandersetzen lässt und die Handlung dieser Oper parallel schaltet mit den Fragen dieser Jugendlichen an den Stand des Nationalismus in ihrem Land und ihr Verhältnis zu Europa."

Die Nationaloper schlechthin ist in Ungarn ein Werk von Ferenc Erkel aus dem Jahr 1861. Anders als im "Freischütz" wird in Bánk Bán tatsächlich die Nation zum Thema: ein mythisches Ungarntum wird beschworen, Erkel propagiert die Abgrenzung gegen alles Fremde. Bei Árpád Schilling singt zunächst in einem Video ein älterer Herr in seinem getäfelten Wohnzimmer eine Heldenarie aus der Oper.

Kein Schweizer Nationalwerk

Im Folgenden erläutert die junge politische Gruppe aus Budapest die bedenklichen politischen Entwicklungen in Ungarn, immer mit ironischen Rückbezüge zur pathetischen Handlung der Oper. Die Produktion zeigt neben Aufklärungsarbeit vor allem, dass die Sprachen des traditionellen Opernapparats und der jüngeren Generation so grundverschieden sind, dass man allein aus diesem Nicht-Verständnis füreinander eine Inszenierung machen kann. In der Schweiz wiederum liegt die Sache mit der Nationaloper ganz anders. Malte Ubenauf:

"Man musste gar nicht lange forschen: Es gibt in der Schweiz keine Nationaloper. Was ja auch viele interessante Fragen aufwirft – warum es so ein diesen Vielregionenstaat verbindendes Musiktheaterwerk nicht gibt. Das einzige, was in dieser Richtung existent ist, ist die Nationalhymne, die in der Schweiz Der Schweizerpsalm heißt."

Das Team von kraut_produktion aus Zürich lässt die Zuschauer auf Bierbänken Platz und an einer Tombola teilnehmen. Es werden schweizerische Devotionalien verlost. Musiktheater wird daraus fast nebenbei durch die zahllosen Rollenwechsel der Darsteller vom Schlagerduo Sändy und Wändy bis zu Nutzern einer überfüllten Latrine, auf der alle Pinkler gemeinsam den Schweizerpsalm trällern.

Wenn alle gleichzeitig pinkeln wollen, hat die Schweiz ein Problem, so das Fazit. Es geht auch bei dieser sogenannten "Exkursion in die Mitte des Volkes" um irrationale Angst vor Überfüllung und Überfremdung. Patriotismus, aber vor allem Nostalgie wird als das Schmiermittel sichtbar, das die unverständliche neue Zeit für viele vermeintlich verständlicher macht. Und Nostalgie ist auch jenseits der nicht vorhandenen Nationaloper immer etwas sehr Musikalisches – zum Beispiel in den alten schweizerischen Heimatfilmen. In sie werden die Darsteller mit ironischer Melodramatik hineinmontiert.

Die Idee einer Nationaloper scheint sich schnell mit Ideologie zu paaren und Widersprüche kultureller Identität zu verschweigen. Das Interessante an diesem Novoflot-Abend ist die Verschiedenartigkeit der künstlerischen Reaktionen auf ein und dasselbe merkwürdige Phänomen.

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