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NS-Stätte Ausbau des Museums am Obersalzberg

Der Obersalzberg war einst Hitlers zweiter Regierungssitz. Hier inszenierte sich der Führer ganz privat mit Schäferhund und Entourage. Heute steht auf dem Gelände ein Dokumentationszentrum. Seit Jahren wird um eine Erweiterung gestritten. Nach langem Zögern stimmte der Bayerische Landtag nun zu.

Von Susanne Lettenbauer | 29.07.2016

Eine Besucherin in der NS-Dokumentationsstelle Obersalzberg
Eine Besucherin in der NS-Dokumentationsstelle Obersalzberg (picture-alliance/ dpa - Peter Kneffel)
Im Ausstellungsgebäude der Dokumentation Obersalzberg herrscht schlechte Luft, unangenehme Enge verhindert, dass man die Fotos, Landkarten und Beschreibungen überhaupt lesen kann:
"Ja, wir hoffen auf viel mehr Ruhe, Sie haben das ja heute gesehen, dieses Gedränge und die Leute werden sehr nervös und unnachgiebig. Wenn wir mit einer Führung durchwollen, dann wollen sie nicht weggehen."
Rund 1.500 Besucher täglich zählt die Dokumentation Obersalzberg. Im Jahr kommen mittlerweile 175.000 Menschen, Tendenz steigend. Bei der Eröffnung des Hauses 1999 rechnete man mit 30 – 40.000 Interessierten, das hat sich nahezu versechsfacht. Gerade jetzt im Sommer sind Mitarbeiter wie Tibor Legrady am Limit. Der Erweiterungsbau wie auch die Neukonzeption der 15 Jahre alten Dauerausstellung sei zwingend. Dokumentationsleiter Axel Drecoll:
"Das jetzige Dokumentationsgebäude auf den Grundmauern dieses ehemaligen Gästehauses Hoher Göll, das war ein Gästehaus und Verwaltungssitz von Bormann, das wird das Bildungszentrum und die neue Dauerausstellung zieht sich an dieser alten Wand entlang, geht also hier hoch. Da wird ein Stück vom Hügel abgetragen, dann wieder aufgefüllt."
Blick auf das Ausstellungsgebäude von 1999
Blick auf das Ausstellungsgebäude von 1999 (Deutschlandradio/ Susanne Lettenbauer)
Der Siegerentwurf des österreichischen Architektenbüros Aicher Ziviltechniker aus Dornbirn zeigt ein in den Hang gebautes steil ansteigendes Gebäude, 2.500 Quadratmeter Grundfläche, gut 800 Quadratmeter Ausstellungsfläche bieten Platz für die Neugestaltung der überholten Dauerausstellung. Neue Ergebnisse der seit 1999 enorm angewachsenen Hitler-Forschung finden Eingang in die inhaltliche wie auch didaktische Neukonzeption, so Drecoll:
"Wir haben zwei sehr zentrale Aussagen. Das eine ist diese Gleichzeitigkeit, das ist ja heute kaum noch erträglich, wenn man sich vorstellt, dass diese Massenverbrecher in dieser herrlichen Natur spazieren gegangen sind und sich getroffen haben, um dort diese mörderischen Befehle zu geben, also diese Diskrepanz, denn in dem Moment, wo die sich hier treffen, passiert das andere dann andernorts."
Zweiter zentraler Punkt: die Inszenierung des Geländes als Heilsversprechen. Hitler als naturverbundener Vertreter des Volkes, ein Spaziergänger und Wanderer wie jeder andere, der Menschenfreund, weit weg von der Großstadt Berlin. Die NS-Propaganda nutzte dieses falsche Bild bis zum Schluss.
Im Landtag gehen die Meinungen auseinander
Im Bayerischen Landtag gehen die Meinungen zur Erweiterung weit auseinander. Im Herbst 2015 war die Entscheidung des Haushaltsausschusses erwartet worden. Die endgültige zähneknirschende Zustimmung zu dem 21 Millionen-Projekt erfolgte erst jetzt kurz vor der Sommerpause. Warum einen Täterort so ausbauen, fragt Michael Piazolo von den Freien Wählern, Leiter des Wissenschaftsausschusses im Landtag:
"Gerade wenn man die Opferstätten sieht, nehmen wir als Beispiel das KZ Dachau, das ehemalige, hier ist in den letzten Jahren zu wenig investiert worden. Gerade der Parkplatz ist eines der Probleme, der groß und unbeleuchtet ist."
Die SPD-Politikern Isabel Zaccarias kontert. Die Diskussion sei peinlich. Man könne doch einen Parkplatz nicht gegen einen Dokumentationsort ausspielen:
"Ganz ehrlich, ich bin der festen Überzeugung, wir dürfen – und die Diskussion war elendig und zynisch – Täter- und Opferorte nicht gegeneinander ausspielen, deswegen hat ja die SPD-Landtagsfraktion einen Antrag gestellt, der einstimmig bejaht wurde, dass wir endlich einmal ein Gesamtkonzept für den Erinnerungsort Bayern brauchen."
Bei der Zusammensetzung des wissenschaftlichen Beirates der Neugestaltung hat man eher den Eindruck: Es geht um ein bundesweites und weniger um ein bayerisches Projekt. Die Leiter der Gedenkstätte Dachau und Buchenwald sind dabei, der Präsident vom Berliner Haus der Geschichte und auch der Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum Berlin.
In Kürze sollen die Vorbereitungen am Obersalzberg beginnen, Start des Neubaus ist im Frühjahr 2017. Die aktuelle politische Entwicklung in Europa macht es notwendiger denn je. Immer häufiger kommen Neonazis auf das Gelände, auch aus dem Ausland, stellen Kerzen am Berghofgelände auf, legen Kränze nieder. Der Erweiterungsbau und die Neukonzeption seien dringend notwendig, um diesen Gruppen deutlich zu machen, was tatsächlich hier passierte, ist man sich im Leitungsteam einig. Im Architektenentwurf steht eine passende Beschreibung für den geplanten Ausbau der Bunkeranlagen. Dort heißt es: Bunkeraufgang. Mit Lichtblick.