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NSU-ProzessTäterbeschreibung ohne Folgen

Im Zusammenhang mit dem Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße beschrieben Zeugen gegenüber der Polizei schon damals einen verdächtigen Mann. Einen Deutschen. Nun wiederholten sie ihre Aussagen - und ein Zeuge das Gefühl, damit selbst ins Visier der Ermittler geraten zu sein.

Von Alf Meier | 27.01.2015

Ein Bild des Straßenschilder "Keupstr". in Köln.
Ein Bild des Straßenschilder "Keupstr". in Köln. (imago/Manngold)
Ebru A. hatte ein Schmuckgeschäft auf der Kölner Keupstraße, es lag gegenüber dem Laden eines Friseurs. Der 9. Juni 2004 sei ein schöner sonniger Tag gewesen, sagte die 36-Jährige heute vor Gericht. Sie sei eine Zeit lang im Türrahmen gestanden, habe Kaffee getrunken und das Leben auf der Straße beobachtet. Dann sei sie zurück in den Laden gegangen, weil das Telefon geläutet habe. "Dass Gespräch war gerade beendet, das gab es einen gigantischen Knall. Es war, als würde die Straße nicht mehr existieren", so die Zeugin im Prozess. "Ich habe dann in Panik die Jalousien runtergemacht" sagt die 36-Jährige. Im Laden viele Nägel. Draußen auf der Straße blutende Leute, Menschen die geschrien haben, Chaos. Dann habe sie bemerkt, dass im Türrahmen, dort wo sie noch vor kurzer Zeit gestanden wäre, drei lange Nägel steckten.
"Es regnete Nägel"
Ebru A. ist eine von neun Zeugen, die heute zum Bombenanschlag aussagten. Die Betroffenen schilderten wie sie von der Detonation, der mit Zimmermannsnägeln gespickten Schwarzpulverbombe zu Boden gerissen wurden. Wie sie versuchten, Verletzten zu helfen, Blutungen zu stillen. 22 Menschen wurden damals durch die Nagelbombe verletzt. Einige von ihnen schwer. Die Zeugen berichteten auch von den eigenen Ängsten nach der Tat, davon wie ihre Existenz vernichtet wurde, weil sie Geschäfte nicht mehr weiterbetreiben konnten.
Nach der Explosion hätte es noch minutenlang Nägel geregnet, sagte Mohammed A. heute. "Wir fragten uns wer das getan haben könnte." Am nächsten Tag hätten Bekannte, die bei der Polizei zur Aussage gewesen waren, dass sie wie Täter behandelt und beschuldigt worden seien.
"Panik im Gesicht"
Peter Alexander P. wollte sich bei einem Motorradhändler in der Nähe der Kölner Keupstraße gerade nach der Reparatur seiner Maschine erkundigen als er einen lauten Knall hörte. "Es hat sich angehört wie eine Bombe", sagte der 57-jährige Feuerwehrmann im NSU-Prozess.
Kurz danach, P. hatte sich gerade die Motorradhandschuhe übergestreift, den Helm aufgesetzt und wollte losfahren, wurde er fast von einem Fahrradfahrer gerammt, der mit hoher Geschwindigkeit um die Ecke kam. Der Mann hätte Panik im Gesicht gehabt, sagte P. Ein vermutlich Deutscher, der laut P. mit Dreiviertelhose, T-Shirt und Käppi bekleidet war, sowie eine dunkle Sonnenbrille trug. Der Mann sei kein Türke gewesen sagte P. später gegenüber der Polizei. Er hatte zwischenzeitlich vom Bombenattentat in der Keupstraße erfahren und eine Aussage gemacht. Dabei hätten ihn die Beamten nach seiner politischen Einstellung gefragt. Er habe sich wie ein Verdächtiger gefühlt, so der Zeuge heute.
Merkwürdige Begegnung
Auch Gerlinde B. war am 9.06.2004 in der Nähe des Tatorts unterwegs. Die heute 63-jährige Rentnerin hatte gerade ihr Sportprogramm im Fitnessstudio absolviert und war auf dem Weg nach Hause. Auf einem kleinen Seitenweg, einer Abkürzung über Brachland, kam ihr ein junger Mann entgegen, der sein Fahrrad sehr vorsichtig schob. Das sei ihr merkwürdig vorgekommen, berichtete die Zeugin heute, zumal kein Reifen platt gewesen sei. Auf dem Gepäckträger habe sich darüber hinaus ein schwarzer Koffer befunden, der eigentlich mehr zu einem Motorrad gepasst hätte.
Das Fahrrad passt der Beschreibung nach zu dem Rad, auf dem der Sprengsatz montiert war und das an diesem Tag vor dem Geschäft eines Friseurs in der Keupstraße abgestellt worden war.
Ermittlungen in falscher Richtung
Den Mann, der das Rad schob, beschrieb die Rentnerin als groß und schlank. Er habe ein Käppi getragen und sei kein Kurde oder Türke gewesen. Doch trotz der Hinweise von Gerlinde B. und Peter Alexander P. auf den verdächtigen, vermutlich deutschen Radfahrer, ermittelten die Behörden letztlich im Umfeld der Opfer. Ein rechtsradikaler Terroranschlag wurde nicht mehr in Betracht gezogen.
Als nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 Bilder von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Fernsehen gezeigt wurden, erkannte die Rentnerin aus Köln Böhnhardt sofort. Es habe sich um den Mann mit dem schwarzen Koffer auf dem Gepäckträger gehandelt.