Samstag, 28. Mai 2022

NSU-Prozess
Opfer im Mittelpunkt

Am 175. Verhandlungstag dreht sich alles um die Opfer. Beim Prozess gegen die Verantwortlichen für die NSU-Mordanschläge geht es auch um das Nagelbombenattentat am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße.

Von Tim Aßmann | 20.01.2015

Zwei Frauen mit Schild mit der Aufschrift "Opfer wurden zu Tätern gemacht"
Aktivisten der Initiative "Keupstraße ist überall" demonstrierten bereits am 12.01.2015 in München vor dem OLG (picture alliance / dpa/Andreas Gebert)
Wie veränderte der Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße das Leben der Opfer? Dem Gericht geht es vor allem um die Verletzungen und deren Folgen. Die Betroffenen wollen aber auch über die Ermittlungen reden.
Für Sandro D. veränderte jener Besuch in der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 sein Leben. Zufällig war der Deutsch-Italiener damals in der Straße in Köln-Mülheim und zufällig ging er um 15.57 Uhr am Schaufenster des Friseursalons in der Keupstraße 29 vorbei. In diesem Moment explodierte ein auf einem Fahrradgepäckträger montierter, getarnter Sprengsatz. Angetrieben von 5,5 Kilo Schwarzpulver flogen mehr als 700, zehn Zentimeter lange, Zimmermannsnägel wie Geschosse durch die Keupstraße. Sandro D. erlitt schwere Verbrennungen im Gesicht und am linken Arm sowie zahlreiche andere Verletzungen. Nun soll er als Erstes von 22 Opfern im NSU-Prozess aussagen.
Zu wenig Zeit für die Aussagen der Opfer?
Neben Sandro D. sollen heute noch zwei weitere Opfer des Anschlags von der Explosion und ihren Folgen berichten. Auch behandelnde Ärzte sind als Zeugen geladen. In den nächsten Tagen und Wochen sind weitere Opferaussagen geplant. Das Gericht will sich dabei offenbar auf die Folgen der Tat konzentrieren und hat teilweise nur zehn Minuten pro Zeugenaussage eingeplant. Ob das reicht, ist fraglich.
Vielen Betroffenen ist es sehr wichtig, im Gerichtssaal nicht nur zu schildern, welche gesundheitlichen Folgen die Tat für sie hatte, sondern auch, wie sich das Verhalten der Behörden nach dem Anschlag auf ihr Leben auswirkte. Manche sprechen im Zusammenhang mit den Ermittlungen sogar von einem zweiten Anschlag.
Ermittlungen gingen lange von kriminellem Hintergrund aus
Wie bei anderen Taten, die mittlerweile dem NSU zugerechnet werden, gingen die Ermittler auch im Fall Keupstraße lange nicht von einem fremdenfeindlichen, sondern von einem kriminellen Hintergrund aus. Die Opfer und ihr Umfeld gerieten ins Visier der Ermittler. Hinweise auf eine Querverbindung zwischen dem Anschlag in der Keupstraße und dem Mord an dem Nürnberger Imbissbetreiber Ismail Yasar wurden nicht weiter verfolgt – obwohl eine Zeugin aus Nürnberg zwei Radfahrer gesehen hatte und sie auf Bildern einer Überwachungskamera aus der Keupstraße wieder erkannte. Anwälte der Kölner Opfer haben nun angekündigt im Prozess Fragen zu den Ermittlungen zu stellen.
Zum Prozess sind nun viele der Opfer und zahlreiche Unterstützer angereist. Die Initiative "Keupstraße ist überall" will parallel zu den ersten Opferaussagen im Prozess den ganzen Tag über mit einer Dauerkundgebung vor dem Gerichtsgebäude und später auch mit einem Demonstrationszug durch die Münchner Innenstadt auf den Fall aufmerksam machen.