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Nur die Bürger sollen daheim bleiben

Nach der Hochwasserkatastrophe in Ostdeutschland werben viele Landespolitiker dafür, in die einstigen Flutgebiete zu reisen, um den Menschen dort beizustehen. Sie selbst genießen ihren Urlaub aber lieber in Südeuropa.

Von Christoph Richter | 08.08.2013

Italien, die Ostsee oder Malta: So lauten die Urlaubsziele der sachsen-anhaltischen Politikerinnen und Politiker. Während sie in Sonntagsreden davon reden, dass man doch unbedingt in die einstigen Flutgebiete reisen sollte, um den Menschen dort beizustehen. Um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass Sachsen-Anhalt nach den dramatischen Flutereignissen kein Notstandsgebiet ist. So klingt es bei Linken-Oppositionsführer Wulf Gallert:

"Wichtig ist immer die Botschaft: Leute, das Beste, was ihr machen könnt, ist dort wirklich hinzufahren und euch das anzugucken. Und da ist der Spruch: Da kann man doch jetzt keinen Urlaub machen, weil’s den Leuten schlecht geht, völlig falsch. Den Leuten geht’s schlecht, wenn wir da jetzt kein Urlaub machen."

Und das ist der Appell des CDU-Ministerpräsidenten Reiner Haseloff:

"Es finden viele touristische Angebote statt. Klosterfeste, Stadtfeste und Ähnliches. Und da kann man gleichzeitig ein Signal geben, dass wir voll funktionsfähig sind in den touristischen Angeboten, dass wir trotz Flutkatastrophe auf Gäste warten."

Soweit man weiß, hat allerdings bis heute kein einziger sachsen-anhaltischer Bürgermeister oder Landrat je einen Landes-Politiker angetroffen. Einen Abgeordneten, Minister oder Regierungschef, der seine privaten Pläne geändert hat, um nach der Flut den Jahresurlaub in Sachsen-Anhalt zu verbringen. Bis in den nördlichsten Zipfel Sachsen-Anhalts hat sich bis heute kein luftig gekleideter Landespolitiker verirrt. Weder mit dem Radel, noch mit dem Wanderstock, verrät der Havelberger Bürgermeister Bernd Polofski. Und grinst.

"Also in unserer Stadt wüsste ich nicht, ob der Ministerpräsident oder einer der Kabinettsmitglieder direkt Urlaub gemacht hätte oder noch machen möchte."

Havelberg liegt am Zusammenfluss von Havel und Elbe. Tagelang war es vom Wasser eingeschlossen. Neben Brandenburg ist es der älteste Bischofssitz östlich der Elbe. Trutzig, fast wehrhaft beherrscht der romanische Marien-Dom das Bild von Havelberg. Ein fast mittelalterlicher – zuweilen verlassen wirkender Ort. Viel gibt’s hier nicht. Der Tourismus ist eine der wenigen Chancen Havelbergs, das auf einer idyllischen Havelinsel liegt. Architektur und Wasser bilden eine malerische Einheit. 2015 soll hier die Bundesgartenschau stattfinden. Übers Jahr rechnet der Bürgermeister – in dessen Büro noch immer die kniehohen Gummistiefel stehen - mit Einnahmeausfällen in einer Größenordnung von bis zu 40 Prozent.

"Natürlich würden wir uns freuen, wenn der eine oder andere Landespolitiker die nächsten Wochen und Monate noch zum Anlass nimmt, zumindest einen Kurzbesuch in Havelberg einzuplanen. Vielleicht auch mit seiner ganzen Familie. Das wäre schon schön und hilfreich und wäre sicherlich ein schönes Zeichen."

Für viele kleine Hotels, Cafés oder Biergärten ist die Flut ein totales Desaster. Existenzbedrohend, klagt Stefan Gildein. Er rechnet gar mit bis zu 80 Prozent weniger Einnahmen. 2011 ist der Gastwirt von Hannover nach Havelberg gezogen und betreibt in einem alten Fachwerkhaus das schnuckelige Altstadt-Café mit angeschlossener Pension. Keiner kommt, sagt er fast ein bisschen resigniert, weshalb er bereits die Hälfte seiner Angestellten entlassen musste. Aus dem Achtmilliardenfluthilfe-Fonds bekäme er keinen einzigen Cent, ergänzt er noch.

"Wenn man aus den Medien erfährt, dass manche Straßen gesperrt sind, und man müsste eine Ausweichstrecke über eine Panzerstraße fahren, was eigentlich keine Panzerstraße ist, sondern eine normale feste Straße, da denken die Touristen, brauche ich einen Geländewagen? Und kommen dann schon gar nicht. Das ist sehr unglücklich."

Hilfreich wären da schon prominente Gesichter. Landes-Politiker, die Flagge zeigen, die sagen: Hey, hier ist es so toll, hier läuft alles, hier mache ich Urlaub. Doch das passiere nicht. Gastwirt Gildein bringt es auf den Punkt:

"Ja, wenn sie dafür Werbung machen, sollten sie mit gutem Beispiel vorangehen. Und nicht ihren Urlaub irgendwo im Ausland machen. Sondern, wenn sie das publik machen, dann sollen sie mal herkommen und sich das angucken."

Einer, der immer wieder von Havelberg schwärmt, sich aber derzeit am Ostseestrand sonnt, ist Wulf Gallert, Linken–Oppositionsführer im Magdeburger Parlament. 2009 war er kurz davor, der erste Ministerpräsident der Linken zu werden, bis ihm CDU und SPD einen Strich durch die Rechnung machten.
"Als Familienvater weiß man, dass man Sommerurlaub mindestens ein Jahr zu planen hat. Mit allen Beteiligten, die da dran hängen. Kinder, Ehefrau, die arbeitet. Insofern sind wir nicht in der Lage, sozusagen alle Planungen umzustoßen."

Bei den angefragten Landespolitikern heißt die Antwort immer nur "Ich würde ja gerne". In Realitas machen sie aber einen großen Bogen ums eigene Bundesland. Und verbringen ihre freien Tage weder im arg getroffenen Bernburg, wo sich über der Stadt die Krone Anhalts, ein eindrucksvolles Renaissance–Schloss, erhebt. Noch im gebeutelten idyllischen Zeitz, das für sein weitverzweigtes Katakombensystem gerühmt wird. Noch machen sie Urlaub in der etwas verloren wirkenden Altmark – die durch den spektakulären Fischbecker Deichbruch weltweit in die Schlagzeilen geriet. Der Urlaubs-Tipp von Ministerpräsident Reiner Haseloff:

"Tangermünde als mittelalterliche Stadt, wunderbar an der Elbe gelegen."

Gesehen ward er dort allerdings nicht. Bis jetzt zumindest. Vielleicht aber greift der Regierungschef eine Idee des Havelberger Bürgermeisters auf: Bernd Polofski schlägt vor, eine Kabinettssitzung mal nicht in Magdeburg, sondern in der Provinz abzuhalten. Damit könnte die Landesregierung Werbung für die betroffenen Flut-Regionen machen und zeigen, dass alles bestens bestellt sei.

"Und wär’ natürlich auch ein schönes Zeichen für die hiesige Wirtschaft im Allgemeinen, insbesondere auch für den touristischen Bereich. Wo man eben auch die Gemeinsamkeiten des Hochwassers noch mal genauer analysiert und wie man damit auch künftig noch besser umgeht."