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StartseiteCorsoNur scheinbar heile Liederwelt04.02.2013

Nur scheinbar heile Liederwelt

Eine Erinnerung an die Carpenters

In den frühen 70er-Jahren – der Zeit von Drogen, Vietnamkrieg und Charles-Manson-Morden – verkörperte ein Geschwisterpaar wie aus dem Bilderbuch das andere, saubere Amerika: die Carpenters. Ihre harmonische und aggressionsfreie Musik war Balsam für die gequälten Seelen vieler Bürger. Doch hinter dem Zahnpasta-Lächeln von Karen und Richard taten sich Abgründe auf.

Von Klaus Walter

Vermarktet wie ein Traumpaar, dabei bloß Geschwister: Richard und Karen Carpenter.  (dpa)
Vermarktet wie ein Traumpaar, dabei bloß Geschwister: Richard und Karen Carpenter. (dpa)

Am Tag als du geboren wurdest, kamen die Engel zusammen, um einen Traum wahr zu machen…und sie erschufen Karen Carpenter, mit der engelsgleichen Stimme…oder mit einer Stimme wie brennendes Holz, davon schwärmt ihre Kollegin Dionne Warwick

"Karen hat eine Stimme wie brennendes Holz."

Als Sängerin und Schlagzeugerin ist Karen das Gesicht der Carpenters, eine der populärsten Bands der frühen 70er-Jahre in den USA. Ihr Sound ist meilenweit entfernt vom zeitgenössischen Rock: Easy Listening, harmonieselig, ausgetüftelte Arrangements von Richard Carpenter, der entrückte Gesang seiner Schwester Karen.

"We´ve only just begun” - zu diesem Lied werden bis heute Hochzeiten gefeiert im weißen Amerika. Das Ja-Wort zum Evergreen der Carpenters. Dabei sind die doch bloß Geschwister. Vermarktet werden Richard und Karen wie ein Traumpaar des sauberen, christlichen Amerika: wohlgekleidet, die Haare akkurat geföhnt, freundlich lächelnd, sie könnten ein frisch verlobtes Liebespaar sein. Mit dem Sex wird gewartet bis nach der Hochzeit. In den bewegten Jahren nach 1968 trifft dieses Image einen Nerv: Die Carpenters repräsentieren das verunsicherte, konservative Amerika. Die Kritikerin Michelle Hoyt:

"Sie verkörpern die Rückkehr zu reaktionären Werten in den Siebzigern."

Eine Rückkehr zu reaktionären Werten sehen nicht wenige Kritiker, die Carpenters bedienen die Sehnsucht nach der Welt von Gestern:

Aber nicht nur das provinzielle Amerika verehrt Richard und Karen. Der amerikanische Autor Daniel Wang berichtet von einem Carpenters-Fantreffen in England, bei dem sich 2000 schwule Männer versammelt hätten, allesamt verrückt nach Karen Carpenter. Einer von diesen schwulen Männern ist der amerikanische Filmemacher Todd Haynes. Bekannt geworden ist er mit "I´m not there", einer fiktiven Biografie von Bob Dylan. Bereits 1987 dreht der junge Haynes den Film "Superstar: The Karen Carpenter Story".

Eine Dokumentation der besonderen Art. Richard und Karen werden verkörpert von Ken und Barbie – die Carpenters als Barbie-Puppen. Bis Mitte zwanzig wohlbehütet im Elternhaus, eine märchenhafte Karriere. Doch bald tun sich Abgründe auf. Richard schluckt Schlaftabletten. Karen wird immer dünner. Sie ernährt sich von Tee und Salat. In seiner Doku-Fiction lässt Todd Haynes seine Protagonisten aufeinander los. Richard bedrängt Karen, sie weiß, dass etwas nicht stimmt, und dann fragt Karen ihren Bruder nach diesem Wort:

"Richard, hast du je das Wort Anorexia gehört?"

"Ja, die Leute nennen dich so."

"Richard, ich bin das."

Anorexia.

"Anorexia Nervosa ist die medizinische Bezeichnung für Magersucht",

so Iris Nikulka vom Anna-Freud-Institut in Frankfurt. Als Kinder- und Jugendlichen-Therapeutin hat die Psychoanalytikerin viele Patienten und vor allem: Patientinnen mit Anorexia Nervosa.

"Magersüchtige sind häufig in ihrem Narzissmus sehr verletzte Personen. Sie fühlen sich fremdbestimmt, nicht als eigene Person wahrgenommen. Die Magersucht ist für sie eine Art Selbstermächtigung. Sie fühlen sich wie in einem Käfig, sie hungern sich buchstäblich so dünn, bis sie zwischen die Gitterstäbe ihres goldenen Käfigs passen. Die Magersucht dient ihnen sozusagen als Befreiung aus diesem Käfig. Die Kontrolle über ihren Körper erfahren sie als Triumph. So können sie Gefühle erleben, die ihnen ansonsten verwehrt sind: Macht, Autonomie, Unverletzbarkeit und Stolz."

Am 4.Februar 1983 stirbt Karen Carpenter an den Folgen der Magersucht. Mit 32 ist sie die erste Anorexie-Leiche des Pop. Essstörungen werden plötzlich öffentlich diskutiert, hagere Prominente wie Lady Diana oder Kate Moss stehen unter Magersuchtsverdacht. Heute liefert das Internet zuverlässig die Hitlisten der dünnsten Promis. Die Songs der Carpenters laufen nach wie vor stündlich auf den Oldie-Wellen rund um den Globus und bescheren Richard Carpenter einen Lebensabend ohne finanzielle Sorgen.

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