Dienstag, 28.09.2021
 
Seit 19:15 Uhr Das Feature
StartseiteComputer und KommunikationHungriges Windows 1029.08.2015

NutzungsdatenHungriges Windows 10

Das Software-Unternehmen Microsoft hat dieses Jahr das Betriebssystem Windows 10 veröffentlicht. Seitdem hagelt es Kritik. Bei Verbraucherschützern und Anwendern wächst das Unbehagen gegenüber der Sammelwut der Nutzungsdaten durch den Hersteller.

Von Peter Welchering

Die Oberfläche des Betriebssystems Windows 10 (picture alliance / dpa / Microsoft)
Die Oberfläche des Betriebssystems Windows 10 (picture alliance / dpa / Microsoft)
Mehr zum Thema

Windows 10 - Installation mit Haken und Ösen
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 03.08.2015)

Windows 10 - Konzentration auf Zukunftsmärkte
(Deutschlandfunk, Computer und Kommunikation, 01.08.2015)

"Insgesamt kann man sagen: Der Verbraucher wird bei der Nutzung komplett überwacht, ausgeforscht - das hat technische Hintergründe. Das hat aber auch Gründe für Marketingzwecke", ...

Manfred Kloiber: ... sagt Christian Gollner von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Er hat sich genauer angesehen, welche Daten Windows 10 bei den Anwendern einsammelt und an die Microsoft-Server übermittelt. Doch genau diese Datensammelei könnte sich als böser Bumerang erweisen - und zwar für Microsoft. Warum Peter Welchering?

Peter Welchering: Weil die Bürger und Anwender diese umfassende Datensammelei und Profilbildung nicht mehr so mitmachen wollen. Der Widerstand dagegen wächst. Und genau das kann sich Microsoft nicht leisten. Microsoft tritt mit Windows 10 letztlich auch gegen Android an. Deshalb haben die Entwickler sehr stark auf eine sehr komfortable Bedienung, auf mehr Sicherheit als bisher Wert gelegt. Dass die vielen Daten, die Windows 10 erhebt, dabei zum Problem werden können, haben sie einfach nicht einkalkuliert. Aber Microsoft muss darauf reagieren. Nicht sofort, sie haben noch Zeit dafür. Die Stimmung ist noch nicht gekippt, aber das Unbehagen, dass ein Betriebssystem alle relevanten Nutzungsdaten an den Systemhersteller schickt, das wächst. Das ist in Europa natürlich viel ausgeprägter als in den USA. Und auf diesen Unbehagen muss Microsoft reagieren. Da schwitzen die Strategen in Redmond schon über ihren Hausarbeiten.

Kloiber: Da ist es natürlich interessant zu wissen, welche Daten Windows 10 denn so sammelt, wohin sie übermittelt werden und wie sie ausgewertet werden. Mit anderen Worten: Wie gefährlich ist die Datensammelei von Windows 10 für den Anwender? Und die zweite Frage lautet: Wie gefährlich ist diese Datensammelei von Windows 10 für Microsoft?


Windows 10 und Verbraucherschützer

In der Schweiz hat der eidgenössische Datenschutzbeauftragte erste Ermittlungen aufgenommen. Dort will man wissen, ob der Datenhunger von Windows 10 das Recht der Schweizer Bürger auf informationelle Selbstbestimmung verletzt. In Russland prüft der Generalstaatsanwalt, ob Windows 10 gegen Datenschutzbestimmungen verstößt. Auch in Deutschland hat die Diskussion über Nutzerdaten, die Windows 10 nach Hause telefoniert, bereits begonnen. Und es geht um viele Daten, die da erhoben werden. Christian Gollner von der Verbraucherzentrale Rheinlad-Pfalz in Mainz:

"Das geht sehr ins Detail. Welche Dienste werden genutzt? Wie lange werden diese genutzt? Es werden Kontakte gesammelt zu Personen, Es wird gesammelt, wie häufig ich mit Personen in Kontakt stehe. Es wird der Standort gesammelt. Es wird zum Beispiel auch für Zusatzdienste wie den Assistenten Cortana die Aussprache gesammelt, es wird der Schreibstil analysiert. Es wird geschaut, wie man auf Windows-Geräte tippt. Auch der neue Browser Edge in Windows 10 sendet wie andere Versionen des Internet Explorer den Browserverlauf an Microsoft für eine bestimmte Zusatzfunktion."

Microsoft argumentiert, dass diese Daten zum einen notwendig seien, um größtmögliche Sicherheit vor Schadsoftware und Hackerangriffen bieten zu können. Zum anderen wolle man dem Anwender den Umgang mit einem so leistungsstarken und deshalb komplexen Betriebssystem so einfach wie möglich machen. Auch die Datenschützer räumen ein, dass verschiedene betriebliche Daten ausgewertet werden müssen, um Sicherheit und Komfort bieten zu können. Aber sie kritisieren die Vorgehensweise von Microsoft.

"Das Problem, das wir hier sehen, ist, dass Windows 10 in der Standardeinstellung alle Datenübertragungen vornimmt. Ich muss, wenn ich das nicht wünsche, nachträglich die Datenschutzeinstellungen so wählen, wie sie mir sicher und sinnvoll erscheinen."

Die Datenübertragung im Nachhinein wieder abzuschalten, das ist aufwändig, äußerst kompliziert und nicht immer erfolgreich. Deshalb fordern Datenschützer, dass bei der Installation von Windows 10 keine pauschale Zustimmung des Anwenders, die Daten abgreifen zu dürfen, eingeholt wird. Sondern der Anwender sollte für jede Datenart seine gesonderte Zustimmung geben. Und sie fordern, dass Microsoft transparent macht, wer alles Zugriff auf diese Daten hat und wie lange sie gespeichert werden. Denn eines beunruhigt die Anwender zunehmend.

"Welche Nachteile kann ich aus einer bestimmten Verwendung haben, wenn Daten fünf Jahre gespeichert werden, zum Beispiel? Das sind Fragen, die sich in ähnlicher Weise stellen bei Auskunfteien, bei der Schufa, bei Infoscore, Unternehmen, die Bonitätswerte ermitteln, Scoringwerte über Verbraucher, die Unternehmen über die Bonität informieren, die aber in ähnlicher Weise auch über die Kaufkraft und Zahlungsbereitschaft informieren können."

Deshalb wollen auch einige Wirtschaftsauskunfteien in den USA gern mit Microsoft zusammenarbeiten. Das beunruhigt sogar die ansonsten sehr auskunftsfreudigen US-Bürger. Darauf muss Microsoft reagieren. Denn ernsthafte Bedenken der Anwender, Windows 10 zu installieren, kann sich das Unternehmen nicht leisten. Nachdem Microsoft vor Jahren bereits die mobilen Entwicklungen weitgehend verschlafen hat, gilt Windows 10 als der letzte Schuss, der Microsoft noch verbleibt, um weiter bei den ganz Großen im Markt mitspielen zu können. Der unabhängige IT-Analyst Carmi Levy aus London bringt das mit britischem Understatement so auf den Punkt.

"Die Industrie entfernt sich vom traditionellen PC. Und nur 16 Prozent der Windows-Computer laufen unter Windows 8. Deshalb braucht Microsoft Windows 10, um es wieder nach vorn zu schaffen und um die Grundlage für künftiges Wachstum wieder zu sichern."


Kloiber: Peter Welchering, da könnte man fast annehmen, dass sich Microsoft mit dem Datenkonzept von Windows 10 selbst ein Bein gestellt hat, oder?

Welchering: Zumindest haben sie nicht weit genug gedacht. Die Überlegungen gingen eher in die Richtung, einen attraktiven Assistenten, eine komfortable Benutzeroberfläche und eine Menge Sicherheitsfeatures einzubringen. Windows 10 soll ja die stationären mit den mobilen Geräten zusammenbringen. Um hier sowohl viel Sicherheit als auch hohen Benutzerkomfort bieten zu können, sind viele prädiktive Analysen notwendig. Das System muss wissen, was will der Anwender als Nächstes und was ist die nächste Gefahr von außen. Für solche prädiktiven Analysen braucht man so viele Nutzerdaten wie möglich. Und ganz klar haben sich die Strategen bei Microsoft dann gedacht. Wenn wir diese Daten schon alle haben, dann müssen wir die auch in Richtung Marketing und Werbung einsetzen und richtig Geld machen damit. Und das müssen sie jetzt zurückfahren.

Unmut bei Anwendern

Kloiber: Hat sich denn außer bei den professionellen Datenschützern schon Widerstand gegen diese Datensammelei geregt?

Welchering: Widerstand würde ich das nicht nennen. Unmut ist bei immer mehr Anwendern aufgekommen. Und dieser Unmut ist für Microsoft gefährlich. Denn Microsoft muss es unbedingt schaffen, dass möglichst viele Windows 7 und Windows 8 Nutzer jetzt auf Windows 10 umsteigen. Sonst haben sie den Anschluss an Android endgültig verloren. Und das bisherige PC-Geschäft bringt da nicht mehr die Margen. Aber Nutzer, die Unmut über den Umgang mit den Nutzerdaten durch den Betriebssystemhersteller empfinden, überlegen sich das sehr gut, ob sie umsteigen. Das zögert die Quote der Umsteiger raus und auch das kann Microsoft nicht brauchen. Die brauchen den schnellen Umstieg ganz vieler Anwender auf Windows 10 möglichst bis zum Jahresende.

Kloiber: Hat man denn bei Microsoft schon Konsequenzen aus dieser Situation gezogen?

Welchering: Offiziell noch nicht. Da verbreitet man natürlich die typisch amerikanische Aufbruchstimmung, schwelgt in Superlativen. Was eben solche Softwarehersteller so machen. Aber man hört aus Entwicklerkreisen, dass über unterschiedliche Redesign-Möglichkeiten von Microsoft 10 schon nachgedacht wird. Natürlich wollen die weiterhin an die Nutzerdaten kommen. Die brauchen die für ihre Geschäfte. Aber das geht nur mit den Anwendern. Also muss man denen das möglichst schmackhaft machen. Und das zielt dann in die Richtung: Wir geben Dir zusätzliche Cloud Services gegen Deine Daten. Und da der Anwender solchen zusätzlichen Cloud Services samt Gegengeschäft ja zustimmen muss, gibt er auch einzeln die Einwilligung, dass Microsoft diese Daten erhebt. Damit ist den Datenschutzgesetzen dann auch genüge getan. Und der Anwender ist zufrieden, weil er hat ja eine Gegenleistung bekommen.

Kloiber: Besonders umstritten ist ja die mögliche Weitergabe der Nutzerdaten an Dritte. Wie wird sich das entwickeln?

Welchering: Auf zwei Weisen. Microsoft wird die Daten weitgehend im Hause behalten, also keine Rohdaten abgeben. Schon die etwaige Zusammenarbeit mit Wirtschaftsauskunfteien wird zur geheimen Kommandosache erklärt. Die Zusammenarbeit mit amerikanischen Sicherheitsbehörden ist ohnehin geheim. Und dann kann das Microsoft-Management vor die Anwender treten und sagen: Wir behalten Deine Daten bei uns. Und wir berechnen Profile für unsere Auftrageber etwa für personalisierte Werbung nur im Hause, geben auch das nicht raus. Ob das reicht, um die Anwender dann in trügerischer Sicherheit zu wiegen, muss man abwarten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk