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StartseiteTag für TagDie Not mit der Nächstenliebe31.03.2016

ObdachlosigkeitDie Not mit der Nächstenliebe

Morgen endet das Winternotprogramm für Obdachlose in Hamburg. Es ist das größte in Deutschland. Rund 1000 Menschen bekamen dadurch in der kalten Jahreszeit eine Unterkunft. Nun entsteht, was Sozialarbeiter vermeiden wollen: eine Konkurrenz zwischen Wohnungslosen und Flüchtlingen.

Von Mechthild Klein

Ein Obdachloser liegt am 24.01.2013 in Berlin am Bahnhof Zoo auf dem Boden. Der strenge Frost macht in diesen Tagen den Obdachlosen schwer zu schaffen. (picture-alliance / dpa / Paul Zinken)
Die Hamburger Obdachlosenzeitschrift Hinz&Kunzt fordert eine Verlängerung der Winter-Notprogramme für Obdachlose auf das ganze Jahr. (picture-alliance / dpa / Paul Zinken)
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Es ist voll an diesem Vormittag im kleinen Café von "Hinz&Kunzt" in der Hamburger Altstadt. Hier treffen sich die Verkäufer der Straßenzeitung, um ihre Stapel abzuholen. Hier wärmen sie sich bei einem Kaffee auf, sprechen mit Sozialarbeitern. Seit fast 23 Jahren gibt es die Obdachlosen-Zeitung. 530 Obdachlose und ehemalige Obdachlose verkaufen in Hamburg "Hinz&Kunzt" und bekommen so Arbeit und Struktur für den Tag. Sie erhalten dafür ein Taschengeld und über den Straßenverkauf ergeben sich neue Sozialkontakte. Ein Teil von ihnen gehört zu den 1000 Wohnungslosen, die während des Hamburger Winternotprogramms in zwei Großquartieren übernachtet haben. Ab April müssen sie wieder auf der Straße schlafen.

Ex-Obdachloser Chris, Hinz&Kunztler, sagt: "Ja, ist blöd, die Leute werden wieder auf die Straße entlassen - ja auf gut deutsch gesagt. Ich habe sieben Jahre Platte gemacht."

Chris ist 44, hat seit 5 Jahren wieder eine eigene Wohnung und einen Minijob bei "Hinz&Kunzt". Das Winternotprogramm der Stadt hatte er einst als Obdachloser genutzt. Es bedeutet abends ein festes Bett zu bekommen, in Gemeinschaftsunterkünften. "Für mich müsste das bleiben und zwar nicht nur im Winter, sondern das ganze Jahr über."

Auf der Straße leben ist anstrengend – deshalb betäuben sich viele, erläutert der 44-Jährige. "Ich weiß das ja auch selber. Du kommst nicht richtig zum Schlafen, wenn du auf der Straße schläfst. Und Angriffe sind auch nicht ohne, nech. Gibt's auch genug. Also, is immer gut, wenn du ein Dach über dem Kopf hast."

"Es ist jedes Jahr das Gleiche und die Zahl wird leider immer höher, dass wir ab 1. April wieder über 800 Menschen mehr auf der Straße vorfinden werden. Und es ist ein Skandal und ich möchte mich an so eine Situation nicht gewöhnen", sagt Stephan Karrenbauer. Er ist seit 20 Jahren Sozialarbeiter bei der Obdachlosen-Zeitung. Warum es immer mehr Obdachlose gibt, hat verschiedene Gründe. Nicht alle Menschen, die durch die EU-Osterweiterung nach Deutschland kamen, schafften den Einstieg. Hinzu kamen viele Wanderarbeiter aus Bulgarien und Rumänien, die schon in den Herkunftsländern sehr ärmlich lebten. Ihre Hoffnung, hier einen Job zu ergattern, hat sich zum Teil zerschlagen. Kehren sie zurück, haben sie auch keine Perspektive. Das gleiche gilt für die Sinti und Roma aus Osteuropa.

Damit die Verelendung auf der Straße nicht weiter voranschreitet, fordert die Straßenzeitung "Hinz&Kunzt" eine dauerhafte Öffnung der Notquartiere. Stephan Karrenbauer:

"Wir haben zwei große Einrichtungen in Hamburg, die im Winter bewohnt werden und es ergibt wenig Sinn, dass diese beiden Einrichtungen in den Sommermonaten leer stehen sollen. Die Menschen brauchen ein Dach über dem Kopf und die brauchen auch im Sommer ein Dach über dem Kopf. Also draußen Platte zu machen, auch im Sommer, das ist kein Camping-Urlaub, das ist mit sehr sehr vielen Gefahren verbunden. Und gerade Menschen, die krank werden, können sich nicht auskurieren und jede kleinste Krankheit kann sich zu einer schlimmen Krankheit entwickeln, wenn man eben nicht die Ruhe hat."

Warum ist es so schwierig, Akzeptanz für die Obdachlosen zu bekommen. Weil viele von Ihnen keinen deutschen Pass haben? Hinz&Kunzt"-Chefredakteurin Birgit Müller hat vor 22 Jahren die Obdachlosen-Zeitung gegründet. Sie erklärt: "Viele denken auch noch, es ist der deutsche Vagabund, der auf den Straßen zu finden ist, den gibt es schon ganz lange nicht mehr. Sondern die Obdachlosigkeit hat inzwischen sehr, sehr viele Gesichter. In den 90er Jahren, als wir angefangen haben, waren das so die Wiedervereinigungsverlierer und die Rationalisierungsverlierer. Heute sind es viele Menschen auch aus Polen, nach der ersten EU-Osterweiterung. Jetzt Rumänen und Bulgaren nach der zweiten EU-Osterweiterung. Und wir kriegen das hier immer hautnah mit und haben das Gefühl, man muss doch auch den Menschen helfen, die hier verelenden. Wir haben nicht die Grenzen aufgemacht, sondern es war ganz klar ein wirtschaftliches Ziel, die Grenzen durchlässig zu machen. Und Hamburg hat davon unglaublich profitiert. Und ein bisschen muss man dann auch zurückzahlen und den Menschen, die auf der Straße gestrandet sind, dann auch helfen."

Wie viele Obdachlose insgesamt in Hamburg leben, wird gar nicht erfasst. Birgit Müller sagt: "Wir können nur spekulieren. Aber wir gehen mit der Diakonie konform, dass wir um die 2000 Menschen auf der Straße haben, die teilweise sehr verwahrlost sind."

Mit dem Flüchtlingszustrom aus Syrien und Afghanistan hat sich etwas verändert in der Obdachlosenhilfe – manchem Engagierten mag es bitter erscheinen, dass Hamburg jetzt alles in Bewegung setzt, um Flüchtlinge unterzubringen. Die EU-Obdachlosen waren früher da und haben auch ein Recht auf Unterbringung – doch die Stadt sieht das anders.

"Was wehtut, ist dass dadurch deutlich wird, was möglich ist. Also die Flüchtlinge nehmen uns nichts weg, sondern anhand der Flüchtlinge wird deutlich, was möglich ist, wenn eine Stadt richtig Gas gibt. Ich finde, die Stadt muss auch für Obdachlose so Gas geben, wie sie es auch für andere Gruppen tut. Und ich möchte gar keine Konkurrenz zwischen diesen Gruppen haben."

Eines ist sicher: Wenn die Wohnungslosen in Hamburg im April wieder auf die Straße geschickt werden, laufen die Sozialarbeiter noch mehr auf Hochtouren - auch bei "Hinz&Kunzt". Stephan Karrenbauer sagt: "Es kann sein, dass dann noch mehr Leute kommen. Das einzige, was wir hier aushändigen, ist wirklich Schlafsack und 'ne Isomatte, die wir hier schon im Vorrat im Keller liegen haben. Damit die Leute zumindest 'ne Zudecke haben.

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