Entwicklung des Frauenfußballs
Weltmeisterin Odebrecht: "Hätten uns größeren Aufmerksamkeitsschub gewünscht"

Viola Odebrecht gewann 2003 mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Frauen den WM-Titel. Dass der Frauenfußball damals aber nicht schneller vorangetrieben wurde, bedauere sie. Grund dafür seien mehrere Faktoren gewesen, sagte Odebrecht im Dlf.

Viola Odebrecht im Gespräch mit Marina Schweizer | 23.07.2023
Viola Odebrecht ist seit 2019 sportliche Leiterin des Frauenteams bei RB Leipzig.
Viola Odebrecht ist seit 2019 sportliche Leiterin des Frauenteams bei RB Leipzig. (IMAGO / Martin Stein / IMAGO / Martin Stein)
2003 wurde die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen in den USA zum ersten Mal Weltmeister. Mittelfeldspielerin Viola Odebrecht war Teil des Teams. Der Frauenfußball von damals habe mit dem Frauenfußball von heute nichts mehr zu tun, sagte die 40-Jährige im Deutschlandfunk: „Wenn man uns damals hat spielen sehen, es ist noch sehr viel langsamer. Jetzt ist eine deutlich größere Dynamik im Spiel und eine deutlich höhere Qualität.“
Und auch die Strukturen im Frauenfußball hätten sich verändert: „Da ist jetzt einfach eine gestiegene Aufmerksamkeit, eine gestiegene Professionalität dahinter und deswegen kann man das mit damals nicht mehr vergleichen. Und das ist auch gut so.“
Der Titelgewinn 2003 habe jedoch noch keinen großen Einfluss auf die Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland gehabt, sagte Odebrecht: „Wir hätten uns natürlich gewünscht, dass es damals schon einen größeren Aufmerksamkeitsschub in Deutschland gegeben hätte und wir schneller professionelle Strukturen gehabt hätten. Dass es 20 Jahre dauert und wir jetzt im Aufbruch sind und alle das Gefühl haben, dass der Frauenfußball seine Daseinsberechtigung bestätigt hat und vorangetrieben wird, ist natürlich umso schöner zu sehen."

"Es war damals eine andere Zeit"

Odebrecht glaubt aber nicht, es damals versäumt zu haben, mehr Aufmerksamkeit für den Frauenfußball zu fordern. „Es war eine andere Zeit. Wir hatten gar nicht die Plattformen. Und ich glaube, wir hätten gar kein Gehör gefunden, wenn wir lauter gewesen wären. An der ein oder anderen Stelle gab es natürlich Pionierinnen, die versucht haben, uns nach vorne zu treiben und angeschoben haben. Aber damals als Spielerin hatte man jetzt nicht unbedingt das Gefühl, dass man Gehör gefunden hätte und dann das wirklich angekommen wäre. Man hat es einfach so hingenommen.“
Dass es bis heute gedauert hat, bis sich der Frauenfußball etabliert hat, hat laut Odebrecht mit vielen Faktoren zu tun. „Die Stellung der Frau war 2003 noch nicht so, wie sie jetzt ist. Der Männerfußball hat immer noch dominiert. Der mediale Hintergrund, es waren ganz wenig Frauen in der Sportberichterstattung. Es hat an allen Ebenen gefehlt und gehadert.“

Odebrecht hält WM-Titel 2023 für möglich

Umso mehr freut sich die ehemalige Nationalspielerin, wie etabliert der Frauenfußball jetzt ist und dass bei der WM in Australien und Neuseeland alle Stakeholder mitziehen. „Das gibt einem schon einen Push, dass man gesehen wird, dass man wertgeschätzt wird, dass die Leistung wertgeschätzt wird. Aber wenn man die mediale Aufmerksamkeit hat, hat man natürlich auch einen viel größeren Druck.“
Von der deutschen Nationalmannschaft hält Odebrecht viel: „Viele tolle Einzelspielerinnen, die definitiv das Potenzial haben, Weltmeisterin zu werden.“

Finanzielle Investitionen bedingen Erfolg in der Frauenfußball-Liga

Odebrecht ist auch heute noch im Fußball aktiv und ist seit 2019 als sportliche Leiterin für den Mädchen- und Frauenfußball bei RB Leipzig verantwortlich. Leipzig ist im Sommer in die Bundesliga aufgestiegen. 
Abgestiegen ist dagegen Turbine Potsdam, ein reiner Frauenfußballverein, bei dem auch Viola Odebrecht ihre erste Station als Spielerin hatte. Mit der SGS Essen spielt in der kommenden Saison damit nur ein reiner Frauenfußballverein in der Bundesliga. Alle restlichen Mannschaften sind an größere Lizenzvereine angeschlossen. Dass eine Verdrängung der reinen Frauenvereine stattfindet, glaubt Odebrecht aber nicht. Das zeige das Beispiel Essen. „Es ist definitiv möglich.“
Generell gelte laut Odebrecht aber: „Wo man investiert kann man mehr schaffen und professioneller arbeiten.“ Deshalb sei sie froh, den Verein RB Leipzig hinter sich zu haben, „sodass wir das in Ruhe tun können und nicht geguckt wird, wann wir schwarze Zahlen schreiben. Der Verein glaubt an den Frauenfußball und investiert dementsprechend. Und dann haben es natürlich die reinen Frauenfußballvereine ein Stück weit schwerer. Ich möchte bloß sagen, dass das nicht der ausschlaggebende Grund ist zu sagen, du spielst in der ersten Liga, nur weil du einen Lizenzverein hinter Dir hast. Andere Vereine haben gezeigt, dass das geht.“