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Startseite@mediasresAuf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit19.06.2019

Öffentlich-Rechtliche in der SlowakeiAuf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit

Mit der Einführung des privaten Radios und Fernsehens mussten öffentlich-rechtliche Sender in ganz Europa Federn lassen. Doch selten ist das in dem Umfang geschehen wie in der Slowakei. Als Hauptgrund für den Absturz gilt der jahrzehntelange Einfluss der Politik.

Von Danilo Höpfner

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Brücke Novi Most in Bratislava (imago  / Peter Widmann)
Von der slowakischen Hauptstadt Bratislava aus senden sowohl private als auch öffentlich-rechtliche Sender (imago / Peter Widmann)
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19 Uhr in Bratislava. Das erste slowakische Fernsehen sendet die Nachrichten "Správy RTVS". 50 Minuten dauert die Sendung im öffentlich-rechtlichen "Jednotka", also im Ersten. Hauptnachrichten, hätte man früher einmal gesagt.

Doch dieser Begriff greift nicht mehr. Denn auf dem überschaubaren slowakischen Fernsehmarkt haben die beiden öffentlich-rechtlichen Sender stark an Relevanz verloren.

Marktanteil weit unter einem Drittel

Nur noch gut 15 Prozent der Slowaken schauen die Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen. Die Nachrichten der beiden privaten Sendergruppen Markíza und JOJ erreichen zusammen gut 60 Prozent. Den Grund für den Absturz der Anstalt erklärt der private Mitbewerber Matthias Settele, Generaldirektor von Markíza. Markíza ist das mit Abstand zuschauerstärkste Programm, nicht nur bei den Nachrichten.

"Natürlich ist es schon so, dass das Vertrauen der Zuschauer teilweise fehlt. Das reicht in die kommunistische Zeit zurück und dieses Vertrauen hat man nur teilweise wiedergewonnen in der demokratischen Ära. Und das hat sicher auch damit zu tun, dass der Einfluss der Regierung relativ stark ist. Es steht uns nicht an, die Konkurrenz zu kommentieren. Aber es ist relativ offensichtlich, dass das Vertrauen der Zuschauer in Markíza sehr hoch ist."

Markíza, der Sender des gebürtigen Österreichers Settele, erreicht um die 22 Prozent Marktanteil, rechnet man die beiden Markíza-Ableger Doma, einen Frauenkanal und den Männerkanal Dajto dazu, kommt die Gruppe auf knapp 30 Prozent. Konkurrent JOJ mit seinen drei Ablegern erreicht 21 Prozent. Die öffentlich-rechtlichen Sender gesamt schauen dagegen nur noch elf Prozent.

"Damals, als ich Markíza gegründet habe, war das ein frischer Wind und da waren alle begeistert und einen Teil dieses Pioneer-Spirits, einen Teil dieser Begeisterung haben wir beibehalten", sagt Settele.

Unterhaltung als Sackgasse

Das haben auch die Kollegen der öffentlich-rechtlichen RTVS inzwischen gelernt und die Inhalte im Ersten weiter an die der Privaten angepasst. Doch die Transformation hat ihren Preis. Qualitätvolle Inhalte, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen laut Auftrag umsetzen muss, nämlich Bildung, Religion, Minderheiten und Politik, wurden ins Dvojka, ins zweite Programm, abgeschoben. Und erreichen dort Marktanteile von gerade noch drei Prozent. Eine Spirale nach unten. Denn in Folge geringer Quoten ist das Zweite in den slowakischen Programmzeitschriften weit nach hinten zu den Spartenprogrammen gerutscht oder teilweise sogar ganz verschwunden.

Lichtblick Hörfunk

Einen besseren Stand hat da noch der öffentlich-rechtliche slowakische Hörfunk. Zwar ist das Massenprogramm Radio Slovensko längst von der privaten Konkurrenz auf Platz zwei abgedrängt worden, doch erreichen die fünf Radio-Angebote noch immer ein Viertel der Hörer auf dem slowakischen Radiomarkt. Vertrauen in bessere Information, nennt das Michal Dzurjanin, Programmdirektor des Slowakischen Rundfunks:

"Der Slowakische Rundfunk bewegt sich in den Ranglisten zur Vertrauenswürdigkeit bereits langfristig im Spitzenfeld. Die Hörer betrachten unsere Sendungen als vertrauenswürdig und objektiv und schätzen deren professionelles Niveau."

Ein Grund für das höhere Vertrauen der Slowaken ins Radio ist auch der geringere Einfluss, den die Politik dort hat. Die konzentrierte sich traditionell vor allem auf das Massenmedium Fernsehen. Seit Gründung der Slowakei 1993 trugen die Nachrichtensendungen die Handschrift der jeweiligen Regierungspartei. Während der autokratische Staatsgründer Vladimír Mečiar das öffentlich-rechtliche Fernsehen als Sprachrohr seiner Regierungsarbeit betrachtete, machte der spätere sozialdemokratische Premier Robert Fico vor allem durch Frontal-Angriffe auf private Medien und Journalisten auf sich aufmerksam.

Drohungen aus Politik und Wirtschaft

Die enge Verquickung von wirtschaftlichen und politischen Interessen bleibt ein Problem. Und diesen Druck spüren auch die Privaten. Markíza-Chef Settele sieht sein Unternehmen aktuell von der Mafia bedroht. Der Mann im Schatten, kein Unbekannter: der millionenschwere slowakische Unternehmer Marian Kočner. Der Mann, dem auch der Auftragsmord am investigativen Journalisten Ján Kuciak im letzten Jahr vorgeworfen wird.

Der Sender soll dem Unternehmer 69 Millionen Euro schulden. Besonders brisant ist dabei die Rolle einer weiteren berüchtigten Figur im slowakischen Finanz-Polit-Betrieb: Medienmagnat Pavol Rusko. Ehemaliger Wirtschaftsminister und ehemaliger Besitzer des TV-Senders Markíza.

Matthias Settele: "Es gibt eine Anklage gegen den Herrn K. und gegen Rusko, den Gründer von Markíza, der später in die Politik ging als "Karpaten-Berlusconi", und wir hoffen auf ein faires Verfahren. Das ist alles, was wir hoffen. Es sind insgesamt mehrere Wechsel und Markíza ist angeblich der Bürge, nur diese Wechsel sind nicht in unseren Büchern, sie sind nie präsent. Also aus unserer Sicht sind das plumpe Fälschungen, deswegen haben wir es auch angezeigt."

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