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Ökonom Binswanger
"Man muss den Wachstumsdrang mäßigen"

Die Ressourcen auf der Erde würden nicht optimal verteilt, sondern verschwendet kritisierte der Ökonom Hans Christoph Binswanger im DLF. Man müsse neben dem Bruttoinlandsprodukt andere Größen in die Wohlstandsberechnung einfließen lassen und das Wachstum auf ein gesundes Maß beschränken. Wie viel Wachstum gesund ist, hat Binswanger bis aufs Komma genau berechnet.

Hans Christoph Binswanger im Gespräch mit Burkhard Müller-Ulrich |
    Eine Dax-Kurve
    Dax-Kurs zeigt nach oben (dpa / Daniel Reinhardt)
    "Die traditionelle Ökonomie geht davon aus, dass eigentlich nur Arbeit und Kapital im Sinne von Maschinen eine Rolle spielen für die Ökonomie", erklärte Binswanger. "In Wirklichkeit ist es so, dass Energie heute weitgehend Arbeit ersetzt und ergänzt und dass mit der Energie auch neue Ressourcen also Rohstoffe herausgeholt werden können, die immer vermehren, das, was man produzieren kann. Und man muss eine neue Perspektive dadurch finden, dass man sieht, es wird immer mehr verwendet, immer mehr auch verschwendet – und das braucht einen ganz neuen Ansatz für die Ökonomie."
    Zentral sei dabei die Frage, wie Geld entsteht, die bisher oft ausgeblendet worden sei, meint Binswanger: "Man hat bisher gedacht, dass man investiert, indem man Ersparnisse verwendet und die Banken verteilen einfach nur das Vermögen, das sie als Erspartes bekommen haben, wieder weiter. Im wesentlichen ist es heute aber so, dass Banken einen Kredit geben, in dem Sinne, dass sie einfach einen entsprechenden Betrag auf der Passivseite ihrer Bilanz dem Kreditnehmer zur Verfügung stellen und das ist das Buchgeld und mit dem wird heute im Wesentlichen gezahlt. Und so vermehrt sich einfach die gesamte Geldmenge."
    Geld nur scheinbar aus dem Nichts
    Problematisch sei vor allem, dass Kredite heute nicht mehr durch materielle Werte wie Gold oder andere Edelmetalle gedeckt seien, sondern Banken quasi dem Nichts Geld schaffen würden. Binswanger erklärte: "Zentralbanken haben das früher einlösen müssen in Gold und Silber. Sie nehmen heute eine Schuld auf der Banken, die sie nicht mehr einlösen müssen in Gold und Silber. Und eine Schuld, die man nie zurückzahlen muss, kann man unendlich vermehren – und da ist das Problem, das Dilemma: einerseits wird man immer reicher, man hat immer mehr Güter zur Verfügung, aber andererseits werden die Ressourcen knapper. Und dann haben wir eine Limite, wenn man nicht mehr genügend Ressourcen aus der Welt herausholen konnte. Aber das ist ein schleichender Prozess. Und das schon heute in den Griff zu bekommen, ist eigentlich das Problem." Diese Limite äußere sich schon heute durch knapper werdende Ressourcen und durch Ernährungskrisen.
    Um das Problem zu lösen und zu einem Wachstum mit Maß zu kommen, müsse man zunächst die bereits bestehenden Geldschulden abschreiben. Das passe den Gläubigern verständlicherweise nicht, aber sei im Sinne einer nachhaltigeren Wirtschaft in Kauf zu nehmen. Außerdem sei wichtig, neben dem Bruttosozialprodukt, das bisher als wichtigste wirtschaftliche Berechnungsgröße gilt, auch andere messbare Werte, die die Lebensqualität beschreiben, in volkswirtschaftliche Kalkulationen einfließen zu lassen.
    Statt der bisherigen Wachstumsrate der weltweiten Wirtschaft zwischen vier und fünf Prozent jährlich hält Binswanger einen Zuwachs um 1,8 Prozent global für das richtige Maß. "Der Wachstumsdrang, der darüber hinaus geht, ins Unendliche, den muss man mäßigen", sagte Binswanger.