Sonntag, 05. Dezember 2021

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Öl und Kohle aus Klärschlamm

Die Klärwerker im bayerischen Füssen nennen ihren Roboter "Schweinchen". Genau wie das Rüsseltier hat die Maschine mit ihren vier Rädern eine Vorliebe für Schlamm. Klärschlamm. Den durchpflügt das Gefährt mehrere Stunden am Tag. Franz Petz, der Chef der Füssener Kläranlage, sagt, was es damit auf sich hat:

Von Christoph Podewils | 26.03.2003

Der Schlamm liegt ja als nasse Masse oder feuchte Masse herin. Der muss den nassen Schlamm von unten nach oben holen und durchlüften, damit man auch so, wie es hier ist, nichts riecht. Und wenn die Halle befüllt wird, dann steht das Schwein bis zu den Achsen im Schlamm.

Nach ein paar Wochen aber hat die Sonne alles Wasser daraus verdampft, der Klärschlamm sieht dann so aus wie Mutterboden und hat enorm an Gewicht verloren. Seit zwei Jahren gibt es die Anlage, die Ähnlichkeit mit einem Gewächshaus hat. Das umweltfreundliche Verfahren hat sich bewährt: Weltweit gibt es inzwischen 50 Nachbauten. Jetzt gehen die Füssener noch einen Schritt weiter. Nicht mehr in Kraftwerken oder Zementöfen wollen sie ihren trockenen Klärschlamm verbrennen lassen, stattdessen sollen daraus neue Rohstoffe werden: Rohöl, Aktivkohle und Mineralsalze. Möglich macht es ein neues Verfahren - die Niedertemperaturkonversion. Sie wurde von Ernst Stadlbauer, Entsorgungstechniker an der Fachhochschule Gießen-Friedberg zur Pilotreife entwickelt:

Wenn man dieses Material in unseren Reaktor einführt und den Sauerstoff weglässt, also das heißt, 'n bisschen Stickstoff drüberbläst, dann tropft bei etwa 350 bis 400 Grad Rohöl aus der Destillationsapparatur. Der Erfinder dieses Prozesses war Professor Dr. Ernst Bayer von der Uni Tübingen und die Genialität besteht darin, dass er letztlich den Inkohlungsprozess und auch die Bildung der Öl- und Kohlelagerstätten durch dieses Verfahren im Labor nachgemacht hat, so dass wir hier einen langfristig klugen Prozess haben, und das, was Mutter Natur in der Evolution gemacht hat, im Labor, in der Technik nachahmen können.

Im Laborversuch geschieht das in einem zwei Meter langen Glasrohr, das mit Klärschlamm gefüllt wird. Nachdem Hitze und Katalysatoren die darin enthaltenen Kohlehydrate, Fette und Eiweiße in Kohlenwasserstoffe, Kohlenstoff und Wasser zerlegt haben, wird das Rohr geleert und das Spiel beginnt von vorne. In der Kläranlage allerdings ist eine kontinuierliche Umwandlung nötig. Vor allem sie soll mit der neuen Pilotanlage getestet werden. Deren Aufbau fast in Sichtweite zum Schloss Neuschwanstein leitet Ralf Lausmann:

Stellen Sie sich mal einen großen Seecontainer vor, das nur nicht mit geschlossenen Wänden, sondern als Profilrahmenkonstruktion. Das Kernstück ist zweifellos der Reaktor. Und vorstellen können Sie sich das so: Der Reaktor, der ist eine etwas größere Röhre, durch die Sie das Substrat durchschieben, ne gewisse Verweilzeit dort gewähren, und das Substrat kann entsprechend dort konvertieren in die einzelnen Stoffe.

Eine Tonne trockener Klärschlamm ergibt dann rund 150 Kilo Rohöl, 500 Kilo Kohle, Mineralien und Prozesswasser. Würde eines Tages sämtlicher Klärschlamm, der in Deutschland anfällt, auf diese Weise verwertet werden, dann ließe sich mit dem Öl eine Stadt wie Hannover heizen. Dennoch geht es Ernst Stadlbauer nur in zweiter Linie um den Energieaspekt:

Ich muss es erst mal sehen als eine Entsorgungsmaßnahme. Unser Verfahren wird nicht dazu führen, dass die Saudis demnächst Pleite anmelden. Sondern unser Verfahren leistet einen Beitrag, Problemstoffe einer technischen Welt in einen geordneten Entsorgungspfad zu bringen. Wenn wir Klärschlamm betrachten, haben wir die Situation, dass wir nach den gesetzlichen Rahmenbedingungen ab 2005 ein Verbot der Deponierung von Klärschlamm haben. Das bedeutet für die Bundesrepublik: Wohin mit 400.000 Tonnen getrocknetem Klärschlamm? Gleichzeitig haben verschiedene Ökobilanzen verschiedener Institute gezeigt, dass die derzeitige Verbringung von Klärschlamm auf die Felder eine ökologisch bedenkliche Form ist. Wenn wir also sehen, dass die Entwicklung dahin geht, dass wir weder den Klärschlamm deponieren dürfen, noch dass die Kläranlagenbetreiber ihren Klärschlamm wegbringen dürfen auf die Felder, dann haben wir ein Potenzial von knapp zwei Millionen Tonnen, die einer Entsorgung harren.

Die kostet schon jetzt viel Geld: Alleine der Abwasserzweckverband Füssen bezahlt jährlich 60.000 Euro für die Entsorgung, Tendenz steigend.

Der Preis für die Versuchsanlage wird auf rund 600.000 Euro geschätzt. 250.000 Euro davon bezahlt die Deutsche Bundesstiftung Umwelt. Ihr Interesse besteht auch darin, herauszufinden, ob mit dem Verfahren Medikamentenreste und Desinfektionsmittel in den Abwässern unschädlich gemacht werden können. Ernst Stadlbauer:

Ein Ziel unseres Projektes ist nun, nachzuweisen, dass unser Verfahren auch diese toxischen, langlebigen, persistenten Stoffe knacken kann, so dass wir hernach mit einem sehr viel positiveren Gefühl sagen können: Okay, die Reststoffe, die könnten wir jetzt beispielsweise auf die Felder bringen, weil diese toxischen Stoffe vernichtet sind.

Denn die Mineralsalze geben einen guten Dünger ab. So könnte die Niedertemperaturkonversion eines Tages sogar dazu beitragen, Nahrungsmittelkreisläufe wieder in Gang zu bringen. Helfen kann die Pilotanlage auch bei der Entsorgung von Tiermehl. Das ist so ähnlich zusammengesetzt wie Klärschlamm und auch daraus lassen sich Öl, Kohle und Mineralien erzeugen.