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StartseiteCorso"Das ganze Land ist ranzig"14.05.2019

Österreichischer Autor Kurt Palm"Das ganze Land ist ranzig"

"Die Monster in Menschengestalt sind auf dem Vormarsch", sagte Kurt Palm im Dlf, und zielt mit seiner scharfen Kritik vor allem auf die rechtskonservative Regierung in Wien. In seinem neuen Roman erzählt er von einem surrealen Kriminalfall - und sieht ihn als Politgroteske über die Populisten.

Kurt Palm im Corsogespräch mit Adalbert Siniawski

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Allround-Künstler Kurt Palm in buntem Hemd blickt in die Kamera (www.corn.at/Deuticke)
Allround-Künstler Kurt Palm (www.corn.at/Deuticke)
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Der Österreicher Kurt Palm ist ein vielseitiger Künstler und eine Ikone des Wiener Kulturlebens. Er gründete in den 90ern die Theatergruppe "Der Sparverein Die Unz-Ertrennlichen". Gefeiert wurde er als Regisseur der Talkshowparodie "Phettbergs Nette Leit Show", die Mitte der 90er im ORF und auf 3sat lief, mit Lebenskünstler Hermes Phettberg als Moderator. Palm ist Regisseur von Kinofilmen, inszeniert Opern, stellt selbstgemachte Fotos von toten Tieren aus und ist Buchautor – bekannt vor allem durch den Besteller "Bad Fucking". Und nun ist sein Nachfolgewerk erschienen: "Monster" eine Mischung aus Kriminalroman, Horror und Politroteske in 62 Kapiteln.

Die Handlung spielt am fiktiven Rottensee, irgendwo zwischen den Bergen. Da wüten ein sieben Meter langes Fischmonster neben Ebola-Viren. Es gibt ein lesbisches Vampirpärchen; einen Altnazi, der in ewiger Reichstreue einst einen Schwarzen umgebracht hat (es fällt das Böse N-Wort), plus: eine Liebesgeschichte. Gleichzeitig schwappen Meldungen von Flüchtlingen ans Ufer. 

Adalbert Siniawski: Was ist das für eine Welt dort am Rottensee?

Kurt Palm: Ursprünglich hieß der Roman "Das Monster aus der Tiefe". Beim Schreiben hat sich dann allerdings herausgestellt, dass die menschlichen Monster, die in meinem Buch vorkommen, viel gefährlicher sind als der Monsterfisch, den Sie beschrieben haben, im Rottensee. Wie mir scheint, sind die Monster in Menschengestalt ja generell auf dem Vormarsch. Unsere aktuelle Regierung zum Beispiel ist der beste Beweis für diese Hypothese. In meinem Roman tauchen, wie Sie ja schon angedeutet haben, auch Vampire, Zombies, auf, die mir persönlich allerdings sympathischer sind, als die Monster in Menschengestalt. Und selbst der Monsterfisch handelt im Gegensatz zu den Menschen nicht aus niederen Motiven, sondern aus einem animalischen Instinkt heraus."

"Österreich schimmelt unter einer Käseglocke vor sich hin"

Siniawski: Sie haben es jetzt schon gesagt, Sie zielen eigentlich auf die Monster in Menschengestalt. Das Reale findet eben auch Eingang in diese Geschichte. Nicht nur die Altnazis, auch Flüchtlingsheime spielen da eine Rolle. Die Innenministerin - jetzt im Buch - reagiert auf die Meldung, dass wieder Flüchtlinge ertrunken sind, mit den Worten: "Na und? 350 Wirtschaftsflüchtlinge weniger, die wir versorgen müssen." Eine Politgroteske - beschreibt der Verlag ihr Buch. Wie politisch ist das Werk?

Palm: Ich habe den Eindruck, dass Österreich seit geraumer Zeit unter einer Käseglocke vor sich hin schimmelt. Das ganze Land ist irgendwie ranzig, und wenn man die Fernsehnachrichten hört, wenn man die Zeitungen liest, wenn man hört, was unsere Politikerinnen und Politiker jeden Tag an Dingen absondern, die irgendwie unerträglich sind, dann habe ich das Gefühl, dass sich in irgendeiner Form als Autor darauf reagieren muss. Die Frage ist nur, wie reagiert man? Dass ich zornig bin, glaube ich, das merkt man dem Roman an. Aber Brecht hat einmal gesagt, in seinem Gedicht "An die Nachgeborenen", auch der Hass gegen die Niedrigkeit, verzerrte die Züge und auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimmen heiser. Und ich glaube, für einen Autor ist es wichtig, dass man diese Dinge dann nicht eins zu eins abbildet, weil, das kennen die Menschen ohnehin, das hören Sie jeden Tag. Sondern wichtig ist, dass man sozusagen das zuspitzt und dass man die Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit entstellt - und das habe ich in meinem Buch versucht. Also die Menschen sollen lachen, die Leserinnen und Leser sollen lachen, aber soll ihnen auch das Lachen im Halse steckenbleiben.

Wir haben noch länger mit Kurt Palm gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Siniawski: "Das Land ist ranzig", sagen Sie. Fühlt man sich mit solcher Haltung in Österreich mittlerweile in der Minderheit?

Palm: Absolut ja, also die FPÖ zum Beispiel wurde zwar von 80 Prozent der Wahlberechtigten bei der letzten Wahl nicht gewählt - und trotzdem tut diese Partei so, als würde ihr mittlerweile das gesamte Land gehören. Die FPÖ und die ÖVP, die haben sich mittlerweile dieses Land sozusagen unter ihren Nagel gerissen und das Fatale an dieser Geschichte ist, dass die Mehrheit der Bevölkerung das zur Kenntnis nimmt. Man regt sich zwar sozusagen über das eine oder andere auf, aber man lässt diese Monster in der Regierung fuhrwerken; und sie können mehr oder minder tun und lassen, was sie wollen. Und das heißt: Ich bin in meiner Position ganz sicher in der Minderheit. Aber auf der anderen Seite finde ich es sehr, sehr wichtig, dass die Stimme erhoben wird; und ich habe das große Glück und das Privileg auch, dass sich das eben publizieren kann, dass ich Romane schreiben kann, dass sich Filme machen kann, dass ich Theater machen kann - und gewissermaßen fühle ich mich auch verpflichtet, dazu Stellung zu nehmen. Aber allerdings muss ich dazu sagen, auch wenn ich politisch links stehe, ist es nicht meine Aufgabe, jetzt einen Roman zu schreiben, wo die Leute dann sagen, wenn sie es lesen: "Aha, das ist irgendein politisches Manifest." Also die Geschichte muss gut sein und das muss irgendwie packend sein.

"Ich sehe eine Mischung aus Lethargie und Angst"

Siniawski: Wie reagiert die Kulturszene auf die Parolen und auch diese Provokationen einer FPÖ? Es scheint eine Lethargie in der Kulturszene zu geben, sich diesem Kurs entgegenzustellen. Sehen Sie das auch so?

Palm: Ich sehe das genauso, ich sehe eine Mischung aus Lethargie und Angst. Das Problem ist - und das machen die Regierungsparteien sehr clever -, sie kürzen im Kulturbereich oder auch im Sozialbereich, wo es geht. Das heißt, dass die einzelnen in der Kultur tätigen Menschen versuchen müssen sozusagen, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Und es ist mehr oder minder auch in diesem Bereich ein Konkurrenzkampf ausgebrochen, so etwas wie Solidarität gibt es kaum. Ich habe das Gefühl, dass jeder gegen jeden kämpft und jeder eigentlich nur schaut, dass er irgendwie seine Position halbwegs halten kann.

Siniawski: Alles surreal.

Palm: Wenn Sie meinen Roman lesen, werden Sie sehen, dass das Ende nicht sehr optimistisch ist …

Siniawski: Wir wollen nicht zu viel verraten.

"Infamie ist wieder auf dem Vormarsch"

Palm: Aber ich glaube, dass wir jetzt in einer Zeit leben, in der in der Niedertracht, Infamie wieder auf dem Vormarsch sind.

Siniawski: Und Sie beschreiben das ja mit surrealen Elementen und kleinen Geschichten. Kann das Surreale mehr über unsere Wirklichkeit erzählen, als alles andere?

Palm: Also ich glaube, absolut. In der Zeit, in der wir leben, glaube ich, hilft nur die Zuspitzung und hilft nur die totale Übertreibung, sonst würde das nicht mehr funktionieren. Und zwar aus einem einfachen Grund: Weil ich als Autor immer der Wirklichkeit hinterherhinke sozusagen, ich kann das gar nicht antizipieren, was in der Politik passiert. Also wenn ein Innenminister in Österreich hergeht und Asylbewerberheime in "Ausreisezentren" umbenennt, dann ist das ja so infam, dass man ja eigentlich vor lauter Entsetzen gar nicht mehr weiß, was man dazu sagen soll. Und jeder Politiker müsste eigentlich hergehen, der Bundeskanzler müsste hergehen, müsste sagen: "Dieser Mann gehört sofort mit einem Arschtritt aus seinem Amt entfernt." Aber nein! Diese Infamie kann man ja gar nicht realistisch abbilden und man hinkt immer hinterher. Man muss letztendlich übertreiben, sonst hat man keine Chance, sich in irgendeiner Form mit dieser Wirklichkeit auseinanderzusetzen.

Siniawski: Ihr Herz schlägt links.

Palm: Ja, zum Glück.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Kurt Palm: "Monster"
Deuticke Verlag Wien, 2019. 304 Seiten, 21 Euro.

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