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StartseiteCampus & Karriere"Selbstzensur ist äußerst verbreitet unter China-Forschern"20.01.2020

Offener Brief "Selbstzensur ist äußerst verbreitet unter China-Forschern"

Alumni der FU Berlin befürchten eine mögliche Selbstzensur an ihrer ehemaligen Hochschule: Die Kommunistische Partei Chinas bezahlt seit Oktober 2019 eine Professur am Ostasiatischen Seminar. In einem offenen Brief fordern sie eine alternative Finanzierung, wie auch Sinologe und Unterzeichner David Missal im Dlf.

David Missal im Gespräch mit Thekla Jahn

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Ein Computer-Keyboard mit chinesischen Schriftzeichen. (picture alliance / dpa / dpaweb / Imaginechina)
An der FU Berlin soll ein Studiengang zur chinesischen Sprache aufgebaut werden (picture alliance / dpa / dpaweb / Imaginechina)
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Thekla Jahn: Gemeinsame Grundsätze wie die akademische Freiheit, sie müssen gewährleistet sein bei der Zusammenarbeit der Hochschulen mit China. Das haben wir gerade nochmal vom Präsidenten der HRK gehört. Doch in Berlin sind genau deshalb 14 Alumni der Freien Universität in große Sorge um ihre Alma Mater. In einem offenen Brief äußerten sie in der vergangenen Woche massiv Kritik an einer von China finanzierten Professur am Ostasiatischen Seminar. Den Brief richteten Sie explizit an die Bundesbildungsministerin, den Berliner Bürgermeister, den Präsidenten der FU, den Dekan der dortigen Geschichts-und Kulturwissenschaften und den Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung. David Missal ist Sinologe und einer der Unterzeichner. Von ihm wollte ich mehr wissen über die Befürchtungen der Alumni.

David Missal: Die Sorge ist, dass wir in Zukunft nicht mehr wissen, wer denn nun die Inhalte bestimmt, wer die Noten vergibt. Ist es die KP oder der Professor, zugespitzt gesagt? Denn die Kommunistische Partei finanziert seit Oktober 2019 einen Professor an der FU. Dieser Professor soll einen Studiengang aufbauen zu chinesischer Sprache. Und da ist halt die Frage im Unterricht: Was wird da gelesen? Werden da Texte gelesen, die kritisch gegenüber der Kommunistischen Partei sind, oder Texte, die das widerspiegeln, was die Kommunistische Partei gerne hören will?

Selbstzensur ist unter China-Forschern verbreitet

Jahn: Jetzt weiß man grundsätzlich natürlich bei Professoren nicht, welche Meinung sie vertreten. Was ist denn so dramatisch, dass Sie noch nicht genau wissen, was dieser Professor letztendlich vermitteln wird?

Missal: Daran dramatisch ist, dass wir schlussendlich nicht wissen, ob das, was dieser Professor dort von sich gibt, ob das seine eigene Meinung ist oder ob er das sagt, weil er zum Beispiel Angst hat, dass er in Zukunft kein Geld mehr von der KP bekommt, sein Gehalt nicht mehr auf dem Konto am Ende des Monats hat.

!Jahn: Wie kommen Sie darauf, dass das so sein könnte?

Missal: Weil Selbstzensur äußerst verbreitet ist unter China-Forschern. Es gibt Studien, die besagen, dass 50 Prozent der Leute schon mal irgendwelche Projektbeschreibung geändert haben, 25 Prozent ihren Fokus des Projekts geändert haben, weil sie Angst hatten vor möglichen Konsequenzen. Das kann zum einen natürlich sein, weil man Forschungskollegen hat, die man nicht gefährden will. Es kann sein, weil man kein Visum mehr bekommt. Und jetzt, in dem Falle, wird derjenige sogar von der KP bezahlt. Da ist meiner Ansicht nach die Chance noch höher, dass so etwas zum Tragen kommt.

Jahn: Das heißt, Sie vergleichen das so ein bisschen mit der deutschen Wirtschaft, die auch schon in Abhängigkeit vom chinesischen Automarkt zum Teil eingeknickt ist? Bekanntestes Beispiel ist Daimler: Ein Dalai Lama Zitat auf dem Instagram-Account des Unternehmens wurde gelöscht nach dem Intervenieren von chinesischer Seite. Befürchten Sie ähnliches für die FU?

Missal: Genau. Die Gefahr besteht. Ich weiß nicht, ob das schon passiert ist, ob es in Zukunft passieren wird. Aber es ist definitiv weit verbreitet unter Sinologen, unter China-Forschern, dass Zensur stattfindet. Ich, als Student, möchte nicht einen Unterricht bekommen, der von der KP mehr oder weniger genehmigt ist, oder der der KP zumindest genehm ist. Ich möchte jemanden, der meine Leistung bewertet aufgrund meiner akademischen Leistung und nicht, weil es womöglich politisch irgendwie sensibel ist. Ich habe in China studiert und genau das dort erlebt. Ich habe eine Hausarbeit geschrieben zur Journalismus-Theorie zum Marxismus. Am Ende habe ich den Kurs nicht bestanden, und ich weiß bis heute nicht, ob es daran lag, dass ich nur 5.500 Zeichen anstatt 6.000 geschrieben habe oder weil meine Haltung nicht politisch genehm war. Und solche Situationen, das möchte ich in Deutschland nicht erleben.

"Vor anderthalb Jahren wurde ich aus China ausgewiesen"

Jahn: Sie haben es gerade nicht gesagt, aber Sie haben nicht nur nicht bestanden, Sie wurden sogar ausgewiesen aus dem Land.

Missal: Genau. Vor anderthalb Jahren wurde ich aus China ausgewiesen. Ich hatte damals zu Menschenrechtsanwälten recherchiert. Aber das hatte, soweit ich weiß, zumindest nichts mit dieser Hausarbeit zu tun.

Jahn: Hatten Sie die Hausarbeit vorher geschrieben oder danach?

Missal: Die Hausarbeit, die ich nicht bestanden hatte, war nach der Hausarbeit über die Menschenrechtsanwälte.

Jahn: Das heißt, es könnte durchaus daran gelegen haben, dass die Recherchen, die Sie betrieben haben, zu Menschenrechtsanwälten dazu geführt haben, dass sie dann ihre Arbeit nicht bestanden haben.

Missal: Das weiß ich nicht, ob es daran gelegen hat. Es könnte sein, ja, natürlich. Und das ist das Ding: Man weiß nicht, wie kommen diese Entscheidungen jetzt zustande, wenn man so eine Situation hat? Das kann in Deutschland nicht der Fall sein. In Deutschland muss es danach gehen, dass ein Professor der Meinung ist, dass es akademisch nicht gut genug ist und deshalb besteht er es nicht. Aber nicht, dass danach entschieden wird, wie die politische Gesinnung ist.

"Es gibt Fälle in denen im Unterrichtsmaterial plötzlich die Kulturrevolution nicht mehr auftauchte"

Jahn: Der Lehrstuhlinhaber am Ostasiatischen Seminar der FU, dessen Professur von China bezahlt wird, hat über dieses Engagement hinaus auch mit dem Konfuzius Institut an der FU, über das wir im Beitrag berichtet hatten, zutun. Er soll dort nämlich neuer deutscher Direktor werden. Hat Sie das auch bestärkt, diesen offenen Brief zu schreiben, diesen warnenden offenen Brief?

Missal: Absolut, denn bei Konfuzius Instituten ist es ja nun so, dass dort Einflussnahme durchaus bekannt ist im Ausland. Es gab Fälle, in denen im Unterrichtsmaterial plötzlich die Kulturrevolution nicht mehr auftauchte, all solche Dinge. Deshalb ist das natürlich, wenn dieser Verknüpfungspunkt da ist, noch mal offensichtlicher, warum so etwas nicht sein kann.

Jahn: Was fordern Sie genau?

"Es ist essenziell, dass wir die Chinesen verstehen, damit sie uns nicht voraus sind"

Missal: Ich fordere, dass diese Professur entweder alternativ finanziert wird, oder aber sie muss abgeschafft werden. Ich persönlich finde es ein Trauerspiel, dass bei so einer wichtigen Sache - dass Leute die chinesische Sprache lernen - der deutsche Staat nicht in der Lage ist, das ausreichend zu finanzieren. Denn ich bin der Ansicht, so viele Chinesen sprechen sehr gut Deutsch, so wenig Deutsche sprechen so gut Chinesisch. Das heißt, es ist essenziell, dass wir die Chinesen verstehen, damit sie uns nicht voraus sind. Und deshalb ist diese Professur wichtig, absolut, aber sie darf nicht von der KP finanziert werden.

Jahn: Das heißt, wenn ich Sie richtig zusammenfasse, Ihnen geht es nicht um den konkreten Professor, dessen Namen wir auch gar nicht genannt haben, sondern es geht Ihnen ausschließlich darum, dass diese Professur finanziert wird von China und nicht aus Deutschland finanziert wird, weil sie sich so des Verdachtes aussetzt, beeinflussbar zu sein durch Chinesen?

Missal: Absolut. Ich glaube, dass dieser Professor - ich kenne ihn persönlich nicht wirklich, ich habe ihn nur einmal vor vielen, vielen Jahren getroffen – dass er bestimmt einen tollen Job macht. Womöglich zensiert er sich überhaupt nicht. Aber es besteht die Gefahr, dass das passiert, und das kann nicht sein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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