Samstag, 01. Oktober 2022

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Oft mehr Schaden als Nutzen

Medizin. - Das Ende eines Leiden sollen sie bringen, doch mitunter lösen Medikamente selbst neue, zum Teil erhebliche Beschwerden aus. Wie groß die Vielfalt möglicher Effekte dabei sein kann, die unter der Abkürzung SUAW - Schwere Unerwünschte Arzneimittelwirkung - firmieren, verdeutlichen die langen Beipackzettel der Hersteller. Schon rasch nach einem Skandal um solche erheblichen Arzneimittelfolgen versanden regelmäßig die Diskussionen. Allerdings zu unrecht, wie Experten mahnen, denn so selten seien heftige Nebenwirkungen durchaus nicht.

15.01.2002

    Wie oft die so genannten Schweren Unerwünschten Arzneimittelwirkungen (SUAW) wirklich auftreten, ist statistisch nicht exakt erfasst. Selbst SUAW-Experte Jörg Hasford vom Institut für Medizinische Biometrie der Universität München kann dazu nur orakeln. Allerdings belegt eine Studie, die der Wissenschaftler derzeit durchführt, dass die Zahl solcher Vorkommnisse nicht unerheblich sei: "Dabei wird jeder internistische Patient in den teilnehmenden Kliniken darauf untersucht, ob solche unerwünschten Arzneimittelwirkungen die Ursache für seine Beschwerden waren. Bislang trifft dies bei drei Prozent der Fälle zu. Weil wir aber nicht alle Fälle erfassen können, schätze ich den Anteil auf sogar bis zu fünf Prozent ein."

    Andere Experten nehmen sogar noch höhere Zahlen für medikamentenbedingte Leiden an. Neben dem Risiko für Leib und Leben der vermeintlichen Helfer aus der Dose bringen gefährliche Nebenwirkungen von Medikamenten auch erhebliche Kosten mit sich. Allein die so bedingten Krankenhausaufenthalte kosten jedes Jahr Milliarden. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, konstatiert Hasford: "Bei Patienten jenseits des 65 Lebensjahres nehmen wir an, dass jeder zehnte Klinikaufenthalt arzneimittelbedingt ist. Typisch sind dabei Beschwerden im Magen-Darmtrakt, wie etwa blutende Magengeschwüre, oder auch allergische Reaktionen sowie Komplikationen bei gerinnungshemmenden Therapien."

    Absolut nebenwirkungsfreie Medikamente werde es auch in Zukunft kaum geben, räumt Jörg Hasford ein, dies könnten auch intensivste Bemühungen nicht gewährleisten. Allerdings gebe es eine Reihe von Maßnahmen, die das SUAW-Risiko vermindern helfen: "Verschiedene Studien legen nahe, dass 30 Prozent der schweren Nebenwirkungen vermeidbar wären. So werden häufig zu hohe Dosierungen verordnet, die nicht das oft geringere Gewicht von älteren Patienten oder eine verminderte Ausscheidungsleistung der Nieren berücksichtigen." Ein weiteres Problem seien nicht beachtete oder unkalkulierbare Wechselwirkungen mehrerer verabreichter Arzneien untereinander. Doch Fehler der verschreibenden Ärzte seien nur eine Seite der Medaille, meint Hasford: So seien die in EU-Richtlinien vorgeschriebenen Probandenzahlen für klinische Studien vor der Zulassung neuer Arzneien meist viel zu klein und stellten nur einen Mindeststandard dar.

    [Quelle: Ralf Krauter]