Donnerstag, 06. Oktober 2022

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Olympia-Ticketskandal
Imageschaden für IOC

In Rio de Janeiro sind die Ermittlungen zum Schwarzmarkt-Skandal um das irische IOC-Mitglied Patrick Hickey fortgesetzt worden. Der 71-Jährige war kurz vor der Schlussfeier der Olympischen Spiele festgenommen worden. Ganz nah dabei: Der brasilianische Journalist Jamil Chade.

Jamil Chade im Gespräch mit Matthias Friebe | 10.09.2016

    Hickey sitzt vor schwarzem Hintergrund auf einer Tribüne und stützt das Kinn auf die Faust. Hinter ihm sieht man unscharf eine weitere Person.
    Das irische IOC-Mitglied Patrick Hickey (EPA FILE)
    Jamil Chade gilt als einer der bekanntesten brasilianischen Investigativreporter. Er arbeitet für O Estado de São Paulo und hatte während Olympia in Rio de Janeiro live von der Verhaftung des irischen IOC-Exekutivmitglieds Patrick Hickey berichtet. Er twitterte über die Verhaftung im Zusammenhang mit dem Ticketskandal, was ihm zunächst den Entzug der Akkreditierung einbrachte, die ihm wenig später mit dem Verweis auf ein Missverständnis aber wieder ausgehändigt wurde. Mit dem Journalisten hat Matthias Friebe gesprochen.
    Jamil Chade, wie lautet Ihre Bilanz der Spiele, sind die Brasilianer glücklich oder aus einem Kater erwacht?
    Ja, es ist in der Tat ein schwerer Kater aus mehreren Gründen. Klar, es war eine fantastische Party. Natürlich ist man sehr stolz, dass die Spiele in Rio stattgefunden haben. Sicher mit vielen Problemen, aber nichtsdestotrotz: Die Spiele haben stattgefunden und zwar mit einem sportlich positiven Ergebnis. Jetzt stellt sich aber die Frage: Wer bezahlt? Und: Hatten die Spiele einen sozialen und wirtschaftlichen Nutzen für die lokale Bevölkerung? Das ist augenscheinlich nicht garantiert. Nicht nur, weil Brasilien politisch und wirtschaftlich in einer sehr problematischen Situation ist. Direkt nach den Spielen hatten wir eine politisch sehr angespannte Woche mit der Amtsenthebung der früheren Präsidenten Dilma Rousseff. Und das hat viele Brasilianer wieder in die Realität eines Landes zurückgeholt, dass in der größten Krise seit vielen, vielen Jahren steckt.
    Kann man jetzt schon sagen, wie hoch die Rechnung sein wird, die die Brasilianer bezahlen müssen?
    Nein, und das ist eines der großen Probleme: Die Tatsache, dass es nicht transparent ist. Wir wissen es nicht. Und sogar der Generalstaatsanwalt in Rio stellt diese Frage: Wie hoch wird diese Rechnung sein? Wieviel müssen die Bürger am Ende zahlen? Das ist eine interessante Frage. Fehlende Informationen und mangelnde Transparenz bei den Organisatoren sind das große Thema bei den Diskussionen in Brasilien. Das bedeutet, dass wir zurzeit nicht wissen, wie viele Steuervergünstigungen es gegeben hat. Zum Beispiel für das kommende Jahr 2017: Unternehmen, die an den Spielen beteiligt waren, sollen durch Steuervergünstigungen in Höhe von 600 Millionen Euro profitieren. Das sind nur die Vergünstigungen. Wir wissen nicht, wie viel Steuergelder genutzt wurden, um die Spiele zu garantieren und die Löcher zu stopfen.
    Spiele für die Bevölkerung?
    Passt die Ticketaffäre rund um Patrick Hickey in dieses Bild der Spiele?
    Ja, absolut. Wir hatten in Brasilien eine intensive Debatte darüber, was Tickets kosten und wie viele für jeden Bürger in Rio verfügbar sein sollten. Und natürlich, wenn Du dann siehst, dass eine Gruppe im IOC mit diesen Tickets Geld verdient, dann sorgt das für viele Diskussionen, ob es Spiele für die Bevölkerung waren oder für den Vorteil einer kleinen Gruppe.
    Erwarten Sie eine Verurteilung von Herrn Hickey und den anderen Beschuldigten?
    Er und die anderen neun sind ja schon angeklagt worden. Es wird ein langer Prozess werden. Die brasilianische Justiz ist sehr langsam. Wir werden vor dem zweiten Halbjahr 2017 keine Ergebnisse haben.
    Die brasilianische Polizei wollte ja auch IOC-Präsident Thomas Bach als Zeugen befragen, aber er wird jetzt nicht noch einmal nach Rio kommen. Das IOC hat auch Vorwürfe der brasilianischen Behörden zurückgewiesen, nach denen man nicht kooperieren wolle. Was ist Ihr Stand?
    IOC-Präsident Thomas Bach bei einer Pressekonferenz.
    Das IOC und sein Präsident Thomas Bach haben sich entschieden - gegen einen Komplett-Ausschluss Russlands von den Olympischen Spielen in Rio. (dpa / picture alliance / Elena Sobol)
    Nun, die Staatsanwaltschaft und die Polizei haben klar gesagt, dass sie überhaupt keine Unterstützung vom IOC bekommen. Nicht nur das. Zum ersten Mal seit 1984 kommt der IOC-Präsident nicht zu den Paralympics. Sie können sich natürlich vorstellen, dass das eine Menge Fragen aufwirft, ob Thomas Bach wirklich kooperiert oder nicht. Was spricht dagegen, Fragen zu beantworten? Das beschädigt auch das Image der Spiele und das Image des IOC in Brasilien.
    Was wusste Thomas Bach?
    Wird sich diese Affäre weiter entwickeln? Wird Thomas Bach Probleme bekommen?
    Bis jetzt gibt es noch nichts, das nahelegt, dass er in Problemen ist. Die Frage ist natürlich: Wusste er von all diesen Dingen? Und das muss jemand vom IOC beantworten. Heute und auch zu Beginn der Affäre sagte das IOC immer, es sei eine rein irische Angelegenheit. Aber diese E-Mails zeigen: Es ist eine irische Geschichte, aber mit einer sehr direkten Verwicklung des IOC-Präsidenten.
    Sie haben sich selbst ein persönliches Bild vom IOC gemacht, als man Ihnen Ihre Akkreditierung entzogen hat, nachdem Sie über die Festnahme Hickeys berichtet haben. Was denken Sie über das IOC und die Mitglieder?
    Das IOC hat in den letzten sieben Jahren die Taktik angewendet, schlechte Nachrichten über die Spiele und über Rio von sich fernzuhalten. Die Situation, die ich erlebt habe, ist nur Teil dessen, was wir jeden Tag erleben: Die Unterdrückung von und der unterschiedlichen Zugang zu Informationen bei allem, was im Zusammenhang mit den Spielen steht.
    Das gesamte Gespräch können Sie nach der Sendung mindestens sechs Monate in unserer Mediathek nachhören.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.