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StartseiteCorsoAusstellung über Michael Jackson: Jetzt erst recht!16.03.2019

"On the Wall" in der Bundekunsthalle BonnAusstellung über Michael Jackson: Jetzt erst recht!

"On the Wall" ist eine Hommage an den King of Pop und seine Wirkung auf andere hochkarätige Künstler. Letztes Jahr wurde die Schau in Paris und London gefeiert, nun kommt sie nach Bonn. Aber kann man eine solche Ausstellung nach den neuesten Missbrauchsvorwürfen gegen Jackson zeigen? Und wenn ja, wie?

Von Anne Höhn

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Blick in die Ausstellung "On the Wall" über Michael Jackson im Grand Palais Museum in Paris (dpa / MAXPPP / Thomas Padilla)
Blick in die Ausstellung "On the Wall" über Michael Jackson im Grand Palais Museum in Paris (dpa / MAXPPP / Thomas Padilla)
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Im Erdgeschoss der Bundeskunsthalle herrscht reges Treiben: Ein Gabelstapler schiebt sich vorsichtig durch die Gänge, Techniker ziehen Kabel hinter sich her, der dunkle Samtteppich ist zum Schutz mit Pappe abgedeckt. An den Wänden lehnen einige Kunstwerke die darauf warten angebracht zu werden.

Ob Collage, Video oder Gemälde, alle kreisen um ein Motiv: Michael Jackson. Mal zeigen sie den Popstar als Jesus, mal als Engel, den rechten Fuß triumphal auf dem Rücken eines gefallenen Teufel platziert. Jackson als Imperator zu Pferde, in der gleichen Pose wie der spanischen König Philipp II, mit Schwert und Zepter. Alles in allem: Eine Huldigung des King of Pop. Kann man – sollte man - eine solche Ausstellung nach den neuesten Missbrauchsvorwürfen überhaupt noch zeigen?

Kulturgeschichte darf nicht ausradiert werden

Man sollte, sagt der Intendanten der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs:"Ich glaube, eine Ausstellung, die Teil einer gesellschaftlichen Debatte wird, ist eine Ausstellung die man nicht von vornherein schließen muss, wenn man eine Klammer macht und auch eine Position beziehen kann und klarmachen kann, dann ist das die Möglichkeit, dass die Dinge miteinander verhandelt werden können. Und das ist mir von Anfang an auch die Wichtigkeit gewesen. Natürlich haben wir überlegt was zu tun ist. Wir haben gesagt: das Schlimmste wäre, diese Kulturgeschichte auszuradieren und nicht als Basis für eine Verhandlung zu lassen."

Mann mit weißem Hemd und Hut posiert vor Michael Jackson Portrait (imago stock&people)Michael Jackson Ausstellung in London (imago stock&people)

Nicht ausradieren, sondern drüber sprechen. Bleibt die Frage: Wie will die Ausstellung das schaffen? Geplant wurde "On the Wall" vor zwei Jahren von der Londoner National Portrait Gallery. Da gab es die Dokumentation mit den Anschuldigungen noch nicht. Deshalb soll es jetzt in der Bundeskunsthalle ein Begleitprogramm geben, dass die neuesten Vorwürfe thematisiert.

Die Diskussion verändert den Blick auf die Kunstwerke

Geplant sind auch sogenannte Live Speaker die einen besonderen Job haben, nämlich: "Die von uns, ich würde nicht sagen geschult sind, aber die unsere Position kennen und die eben neben dem Wachpersonal präzise dann auch noch mal mit Menschen darüber reden können und vielleicht auch Gedanken teilen können, auch diskutieren können und auch klarmachen können wie wir dem gegenüber stehen."

Denn natürlich verändert die Diskussion um Jackson auch den Blick auf die Kunstwerke.

Rein Wolfs: "Seit diese neuen Vorwürfen, die eine Wiederaufnahme auf andere Art und Weise von den früheren Vorwürfen sind, schaut man sich gewisse Werke wieder anders an. Und dann kriegt man auch das Gefühl, dass nicht alle Werke die hier zu sehen sind als Hommage zu verstehen sind. Es gibt klar auch Werke die eine Hommage an dieses Phänomen Michael Jackson sind, aber dass durchaus auch kritische Positionen drin sind."

Der Weltstar aus dem Westen war kein Jesus aber eine Art Messias 

Der rumänische Künstler Dan Mihaltianu mit einem Teil seines Kunstwerks "Michael Jackson´s Last days in Bucharest" (Anne Höhn)Der rumänische Künstler Dan Mihaltianu mit einem Teil seines Kunstwerks "Michael Jackson´s Last days in Bucharest" (Anne Höhn)

Kritisch ist zum Beispiel das Werk von  Dan Mihaltianu. Der rumänische Künstler baut gerade seine Arbeit auf. Hunderte Masken, die die Augenpartie Jacksons zeigen und die er bei seinem Konzert in Bukarest verteilte, hängen neben Masken von Normalsterblichen, deren Bilder rund um Jacksons Besuch in der Zeitung abgedruckt wurden. Nur, für die hatte sich aber niemand so wirklich interessiert. Als Jackson Anfang der neunziger das erste Mal in Bukarest auftrat, wartete ein ganzes Land gespannt auf den Weltstar aus dem Westen.

Dan Mihaltianu: "Alle hatten große Erwartungen, dass er ihr Leben ändern würde. Er war kein Jesus aber vielleicht so eine Art Messias für eine jüngere Generation von Musikfans. Sein Einfluss auf die rumänische Gesellschaft war so stark, dass in den letzten zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren jede Woche, mindestens jeden Monat ein Artikel über ihn in der Zeitung war."

Der Ton der Artikel, erzählt Mihaltianu, veränderte sich über die Jahre. Und die Wahrnehmung des Künstlers: Jackson wurde immer blasser, sein Verhalten immer eigenartiger und sein Image bekam Kratzer: "Die Wahrnehmung Michael Jacksons in der rumänischen Gesellschaft wandelte sich: Am Anfang war er ein Super Megastar und im Laufe der Zeit änderte sich das Bild zum Megapädophilen."

Ausstellung als Grundlage für eine weiteres Problembewußtsein

1993 wurde Michael Jackson erstmals mit dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs konfrontiert. Später wurde er angeklagt, aber 2005 in allen Punkten freigesprochen. So richtig los wurde er die Vorwürfe aber nie. Trotzdem  gab es nie die Diskussion Jacksons Werk aus der Kunstwelt zu verbannen. Das wäre auch nicht die richtige Lösung, meint Wolfs. Denn so beraube man sich einer Möglichkeit, über Macht und Machtmissbrauch in der Kunstwelt zu sprechen.

Rein Wolfs: "Ich persönlich betrachte es als ganz wichtig in den letzten Jahren, dass man eine große Lupe auf diese Problematik hat. Alles was so in Sachen #metoo gelaufen ist und alles was in Sachen sexueller Missbrauch und Instrumentalisierung gelaufen ist,dass da momentan so ein großer Fokus drauf steht, finde ich ganz ganz wichtig. Ich denke dass die Ausstellung letztendlich auch eine Vorlage bietet, um dieses Problem in der Gesellschaft auch weiter zu verhandeln."

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