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StartseiteWirtschaft am MittagWie Einzelhändler das Internet für sich nutzen können07.01.2020

OnlinehandelWie Einzelhändler das Internet für sich nutzen können

Der Einzelhandel werde durch die Onlinekonkurrenz in die Knie gezwungen und stecke deshalb in der Krise - diese Argumentation ist immer wieder zu hören. Die Frage ist aber, ob das überhaupt stimmt. Beispiele zeigen, dass das Internet keine Bedrohung sein muss, sondern für Händler sogar hilfreich sein kann.

Von Sebastian Moritz

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Zwei kleine Plastikfiguren mit Einkaufswagen stehen vor einem iPhone, auf dem der virtuelle Einkaufswagen dargestellt ist.  (dpa / picture alliance / Sven Hoppe)
Für Einzelhändler, die sich stationär und online aufstellen, erhöht sich die Wachstumsrate (dpa / picture alliance / Sven Hoppe)
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Einzelhändlerin Martina Maturi: "Das ist jetzt die App, die sieht aus, wie eine App aussieht. Dann geht man da drauf. Das ist der Adventskalender, da gibt’s dann jeden Tag ein Türchen, da können die Leute dann schauen, was sie gewinnen können."

Martina Maturi scrollt auf ihrem Smartphone durch die App ihrer Mode-Boutique. Die Bilder funkeln ähnlich auffällig wie das üppig dekorierte Schaufenster des kleinen Geschäfts in der Kölner Innenstadt. Die rosa und pink leuchtenden Schaufensterpuppen tragen Plüschmäntel, flauschige Wollmützen und für den Winter eigentlich viel zu kurze Kleider.

Wer an der etwa vier Meter langen Fensterfront vorbeispaziert, könnte meinen, die kleine Boutique passe ins Bild der stationären Einzelhändler, deren Geschäftsmodell durch das Internet bedroht ist. 2018 hat der Einzelhandel in Deutschland erstmals mehr als zehn Prozent seiner Umsätze im Netz gemacht. Tendenz: Weiter steigend. In der Modebranche verdienen die Händler inzwischen sogar mehr als jeden vierten Euro online. Gerade kleine Händler in den Innenstädten klagen, sie hätten keine Chance gegen die übermächtige Konkurrenz aus dem Internet. Martina Maturi sieht das anders: "Das ist teilweise der stationäre Handel selber schuld, weil er sich quasi nicht früh genug damit beschäftigt hat: Was mache ich, wenn."

Noch die Ausnahme: Kleine stationäre Händler stellen sich online auf

Martina Maturi hat sich damit beschäftigt: Ein Teil ihrer Antwort ist die App. Ein anderer Teil klebt auf der gläsernen Eingangstür ihrer Boutique. Die Logos von Facebook und Instagram weisen die Kunden auf die Social Media-Auftritte hin. Knapp 20.000 Menschen folgen der Facebookseite der Boutique. Bei Instagram sind es rund 65.000. Seit fünf Jahren beschäftigt Martina Maturi eine Mitarbeiterin, die sich nur um die Online-Auftritte der Boutique kümmert.

Doch die Kölnerin ist mit ihrem Konzept in der Branche noch eher die Ausnahme. Bei der Herbstumfrage des Handelsverbandes Deutschland waren es gerade die kleinen Betriebe, die angesichts der Konkurrenz aus dem Internet pessimistisch in die Zukunft blickten, sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer Handelsverband Deutschland:

"Die Hemmschwelle vieler Händler online zu gehen, liegt deshalb so hoch, weil die Anforderungen insbesondere an den Datenschutz so hoch wahrgenommen werden, und Rechtsicherheit gerade für kleinere Unternehmen, die keine eigene Rechtsabteilung haben, ist eine große Herausforderung."

Doch die Schlussfolgerung, dass solche Herausforderungen für kleine Einzelhändler nicht zu bewältigen seien und der übermächtige Onlinehandel am Ende ganze Innenstädte zerstöre, sei zu kurz gedacht, meint Gerrit Heinemann, Leiter des eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein:

"Aus meiner Sicht ist der Onlinehandel ein Katalysator von Fehlentwicklungen, die vorher schon in Städten stattgefunden haben, da sollte man es sich nicht zu einfach machen und den Finger auf den Onlinehandel zeigen."

Geschäfte in der Innenstadt kämpfen eher mit Verkehrsproblemen als mit Onlinekonkurrenz

Lebensmittelläden und Fachhändler seien jahrelang regelrecht aus den Innenstädten hinausgedrängt worden. Heute sorgten ein Mangel an Parkplätzen, verstopfte Straßen und oft – gerade in kleineren Städten – für ein Angebot, dass im Vergleich zum Internet einfach unattraktiv sei, dafür, dass die Kunden lieber im Netz einkaufen. Doch das sei kein Grund zur Klage. Schließlich gehöre der Wandel schon immer zum Handel dazu – nicht erst, seit der Geburt von Amazon und Co.

"Das Warenhaus gilt mit als die älteste Betriebsform und hat sich quasi überholt mit über 150 Jahren Tradition und da gibt es jetzt eben Apps oder Mobile-Shops, wo die Kunden vermehrt einkaufen. Nach der Handelsbetriebslehre ist dieses nicht aufzuhalten. Es ist quasi ein Lebenszyklus, ähnlich wie ein Produktlebenszyklus, von Betriebsformen, die eben einer normalen Entwicklung unterliegen und irgendwann am Ende sind und irgendwann sterben. Wie das Warenhaus."

"Rein ins Netz!"

Wer hier nicht zu den Verlierern gehören will, muss raus aus der Boutique, rein ins Netz. Denn im Onlinehandel liegt ein enormes Potential: Stationäre Händler, die ihre Waren auch online verkaufen, wachsen mit deutlich zweistelligen Raten. So verschwimmen die Grenzen zwischen Online- und Offline-Handel immer mehr. Das Ergebnis sind so genannte Multi-Channel-Händler, die ihre Waren über mehrere Vertriebswege zu den Kunden bringen. Instagram ist gerade dabei, die Shoppingfunktion der Plattform intensiv zu bewerben – gerade für kleine Einzelhändler soll das eine Chance sein.

Martina Maturi nutzt die Sozialen Medien bisher nur als großes Schaufenster. Ob sie ihre Mode irgendwann tatsächlich auch über die Sozialen Medien verkauft, weiß sie noch nicht. Eines ist aber sicher: Vor der Konkurrenz aus dem Internet hat sie keine Angst.

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