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StartseiteMusikjournalHeld oder Terrorist?26.08.2019

Oper "Michael Kohlhaas"Held oder Terrorist?

Sowohl Hitler als auch Adorno waren Fans der Oper "Michael Kohlhaas" von Paul August von Klenau. Heute kennt sie kaum jemand. An der dänischen Nationaloper wird das Werk nun wieder aufgeführt. Eine spannende Produktion mit exzellenten Musikern.

Von Elisabeth Richter

Ein Mann in schwarzer Kleidung beugt sich über eine Frau, die am Boden liegt. Im Hintergrund sieht man vermummete Gestalten. (Danish National Opera / Anders Bach )
Filippo Bettoschi in der Rolle des Michael Kohlhaas (Danish National Opera / Anders Bach )
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Heinrich von Kleist Novelle "Michael Kohlhaas" ist einer der Klassiker der deutschen Literatur, zu Recht noch immer obligatorischer Schulstoff. Einem Pferdehändler geschah im 16. Jahrhundert Unrecht, die korrupten Gerichte der Zeit verhinderten die Bestrafung der Täter, worauf Kohlhaas Selbstjustiz übt. Dass der dänische Komponist Paul Augst von Klenau aus dem Stoff in den 1930er Jahren eine Oper machte, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Der deutsche Regisseur und Intendant der Dänischen Nationaloper Aarhus Philipp Kochheim hat es sich zur Aufgabe gemacht, in jeder Spielzeit eine Oper eines dänischen Komponisten aufzuführen, in diesem Jahr Klenaus "Michael Kohlhaas". Zu dem Stoff sagte er:

"Ich musste da sehr an und unsere eigene bundesrepublikanische Geschichte denken, die 60er Jahre, die begannen mit Flowerpower, Hippies und Frieden und endeten mit der RAF. Wenn heute die jungen Menschen der "Fridays for future"-Bewegung auf die Straße gehen und sagen, wir sind nicht mehr zufrieden damit, wie die Politiker mit dem Klimawandel umgehen, frage ich mich: Wann wird der Moment erreicht sein, dass die realisieren, dass die Politiker nichts tun werden, werden dann auch ein paar Leute da sein, die die Waffen nehmen? Wann kippt etwas um von einem absolut gerechtfertigten Einfordern und wann wird es zum Terrorismus. Das ist das Zeitlos-Klassische an 'Kohlhaas'.

Man wird sich wundern, es funktioniert genauso atemlos wie die Geschichte. Es ist tatsächlich ne Art Roadmovie, das durch wahnsinnig viele Szenen hetzt, mit einem gewaltigen Personal, aber da Paul von Klenau einen sehr cleveren Weg gefunden hat, das Libretto einzudampfen, ist es ihm tatsächlich gelungen alles, was in der Novelle ist auch in die Oper zu retten."

Publikum wird zum Richter

"Das Publikum wird zum Richter über diesen Mann, ist das ein Terrorist oder ist das ein Held? Das ist der Bogen oder die Linie, an der er das ganze Werk aufreiht", erklärt Philipp Kochheim, der Generalmanager und künstlerische Leiter der Oper im dänischen Aarhus.

Kochheim führte gleichzeitig Regie bei der in Deutschland heute so gut wie unbekannten Oper "Michael Kohlhaus" des Dänen Paul von Klenau. Der 1883 geborene Komponist hatte deutsche Wurzeln, studierte und wirkte auch in Deutschland. Seine Oper über Kleists legendäre Novelle kam im November 1933 in Stuttgart heraus und wurde auch in Wien und Berlin gespielt.

Die Nationalsozialisten und Hitler persönlich sollen das Werk geschätzt haben. Und das obwohl Klenau kompositorisch avantgardistisch auf der Höhe der Zeit ist und Elemente der Zwölfton-Technik Schönbergs mit romantischen und expressionistischen Anklängen, ja der Agitprop-Ästhetik eines Kurt Weill virtuos verbindet. Regisseur Philipp Kochheim:

"Man muss dazu sagen, dass auch Adorno die Oper gut fand. Vermutlich die einzige Oper, die sowohl von Adorno und von Hitler geschätzt wurde. Hitler kann ich nur sagen, dass der entweder eingeschlafen sein muss oder völlig blöd ist, was Musik angeht. Alle Herrscherfiguren sind bis zur Popanz-Figur karikiert, da ist absolut kein Führer drin, kein "Heil" und nichts, von daher ist es für mich nicht erklärbar, was er darin gesehen hat. Es gibt eine Stelle, wo die Heil, Führer singen. Aber das singen die einem Ubu roi entgegen, einem Popanz, von daher, glaube ich, zeigt das eher, dass Hitler ein durchaus eingeschränktes, ästhetisches Empfinden hatte, als dass er wirklich diese Oper verstanden hat."

Oper lässt offen, ob Kohlhaas stirbt

Paul von Klenau schrieb sich für seine Michael Kohlhaas-Oper das Libretto selbst und nahm sich kleine Freiheiten. So lässt er offen – und darin folgt ihm die Regie -, ob Kohlhaas tatsächlich am Ende hingerichtet wird, während er bei Kleist durch das Fallbeil stirbt. Der Titelheld hätte dem Tod entkommen können mittels eines magischen Zettels, der ihm vor Zeiten von einer Zigeunerin in einem mysteriösen Amulett gegeben wurde, mit den Worten, dass er damit einmal sein Leben retten könnte.

Diese Szene wird bei Kleist erst am Ende der Novelle im Rückblick erzählt, Klenau macht sie zum Prolog seiner Oper. Auf der Bühne wird dieses wichtige Handlungsdetail so verständlicher. Denn Kohlhaas verschmäht es, den vor dem Schafott rettenden Zettel zu nutzen, stattdessen verspeist er ihn. Er hat zwar nach langem endlich Recht bekommen für seine verschandelten Pferde, aber er hat ja ohnehin alles verloren, Haus, Hof, Ehre, Frau und mehr.

Mehrere in schwarz gekleidete Menschen mit weißen Gesichtern schauen wütend auf einen Mann, der vor ohnen auf dem Boden liegt. (Danish National Opera  / Anders Bach)Szene aus der Oper "Michael Kohlhaas" (Danish National Opera / Anders Bach)

"Diese Musik kippt also ständig hin und her zwischen den Zeiten, lässt die Zeiten miteinander kommunizieren, genauso wie die dialektischen Pole über Recht und Unrecht oder Terrorist und Held in diesem Werk miteinander kommunizieren."

Philipp Kochheim hat mit seinen Ausstattern die stilistische Vielfalt der Musik und die inhaltliche Dialektik der Geschichte in der Inszenierung aufgegriffen. Die Bühne von Anja Jungheinrich ist ein schlichter Raum, an dessen schwarzen Wänden quaderartige Elemente Regale oder Nischen bilden, die durch kluge Beleuchtung auch mal golden schimmern. Oder in dem abstrakten, manchmal ins Volkstheaterhaft-Groteske tendierenden Setting bilden rote Bäume einen Kontrast. Die korrupte, auch dickbäuchig-dekadente Herrscher-Gesellschaft hat Mathilde Grebot in neid-gelb, giftgrüne Kostüme der Kleist-Zeit gesteckt, während die anderen Gesellschaftsschichten dunkel daherkommen.

Zuschauer sollten Handlung vorher kennen

Die enorm schwer zu inszenierende Kleinteiligkeit durch die häufigen Szenenwechsel von Klenaus Michael Kohlhaas-Oper löste Regisseur Philipp Kochheim sehr elegant. Ein mobiler Raumteiler verwandelte zum Beispiel die offene Landschaft in Kohlhaas Haus. Eine mobile Decke variierte die Raumhöhe und ließ durch Schrägstellung eine Dachkammer entstehen. Im schauspielerischen Agieren wurde manche Brutalität der Handlung nur pantomimisch angedeutet. Ratsam ist in jedem Fall die dichte und komplexe Handlung gut zu kennen.

Musikalisch bot diese spannende Produktion ebenfalls ein exzellentes und internationales Niveau. Die Partie des Kohlhaas füllte Filippo Bettoschi mit seinem warmen Bariton sehr facettenreich aus. Er zeigte den Protagonisten sowohl als Rebell, aber auch als resignierenden Zweifler, ein Kontrast, der von Klenau in der Rolle angelegt ist. Die dramatischen, aber auch lyrischen Seiten der Partie von Kohlhaas’ Frau Lisbeth lagen bei Aileen Itani und ihrem ausgewogenen, niemals scharfen Sopran in besten Händen, während der Tenor Daniel Szeili die zum Teil durchaus schizophrene Psyche des sächsischen Kurfürsten authentisch vermittelte.

 Jonas Alber balancierte die zwischen opulenten, schillernden Orchesterklängen und kammermusikalischer Durchsichtigkeit changierende Musik mit dem sehr deutlich deklamierenden Chor der "Dänischen Nationaloper" und dem bestens präparierten Sinfonieorchester Aarhus souverän aus.

Paul von Klenaus "Michael Kohlhaas" ist ein lohnendes Werk der 1930er Jahre, das stilistisch einen interessanten Mittelweg zwischen Schreker/Zemlinsky/Strauss und Schönberg oder Berg geht. Dass Klenau sich zwar mit den Nationalsozialisten arrangierte – aber weit weniger als etwa Richard Strauss – sollte kritisch gesehen werden, aber kein Hinderungsgrund sein, sein Opernschaffen zu entdecken.

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