Donnerstag, 30. Juni 2022

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Oper "Tahrir" am Salzburger Landestheater
Revolution durch Klang und Spiritualität

Nach der Uraufführung von Hossam Mahmouds Oper "Tahrir" blieb unser Kritiker inspiriert, betroffen, erregt, hoffnungsvoll und glücklich zurück: Regisseurin Yekta Kara kreierte aus Mahmouds Werk eine perfekte Symbiose aus Musiktheater und Installation.

Von Jörn Florian Fuchs | 19.05.2015

Auf solch ein Stück hat man lange gewartet - vermutlich ohne es zu wissen. Eine Reflexion auf das heutige politische und gesellschaftliche Geschehen in Ägypten - doch weit darüber hinaus gehend -, ohne die Darstellung von Gewalt, dafür mit einer völlig unprätentiösen spirituellen Dimension. Hossam Mahmouds "Tahrir" zeigt einerseits die konkreten Schicksale vierer Protagonisten, blickt andererseits weit über den tagesaktuellen Tellerrand hinaus. Wir erleben einen machtgierigen Politiker, eine junge Frau, die von ihrem sehr religiösen Ehemann unterdrückt wird und eine um ihren in Revolutionswirren getöteten Sohn trauernde Mutter. Vermutlich starb er durch Folter. Die öffentliche Meinung, in Form einer regierungstreuen Fernsehmoderatorin, leugnet dies. Der Sohn taucht nun als Wesen aus einer jenseitigen Dimension auf, schaut zu und interagiert manchmal, aber immer sehr behutsam. Mit großem Ernst vermischt Mahmoud Traumebene und Realität. Der umfangreiche, exzellente Chor (Einstudierung Stefan Müller) steht zwischen den Welten, er ist sowohl aufbegehrendes Volk wie philosophischer Ratgeber und Kommentator im Stil der hier nicht griechischen, sondern ägyptischen Tragödie.
Für die Regie wurde Yekta Kara gewonnen, Chefregisseurin an der Istanbuler Staatsoper und Leiterin des internationalen Opernfestivals von Istanbul. Gemeinsam mit Ausstatter Christian Floeren schuf Kara eine Inszenierung, die das gesamte Salzburger Landestheater umfasst. Ein Steg führt ins Publikum, die Sänger und Musiker sind fast ständig auf der Bühne präsent. Musiziert wird unter der zackig präzisen Leitung von Mirga Gražinytė-Tyla buchstäblich überall. Vorne, an den Seiten, vom Rang aus und sogar außerhalb des Zuschauerraums. Mehrfach öffnen sich die Türen einen Spalt, dann wandern langsame, düstere Choräle herein. Hossam Mahmouds Musik ist von überwältigender Schönheit und Klarheit. Oft evoziert er mit einem rein westlich-romantischen Orchesterapparat allein durch den Einsatz von Mikrointervallen, Vierteltonschwellungen oder leicht modifizierten Spieltechniken einen sehr gestischen, 'arabischen' Klangduktus. Breite, klagende Chorbögen stehen neben immer neu und andersartig pulsierenden Instrumentalpassagen, feine Linien für die Gesangssolisten neben Geräuschen wie Atmen oder Keuchen.
Alles zu einem großen, wegweisenden Ganzen gefügt
Die musikalische und auch szenische Anlage von "Tahrir" erinnert an Luigi Nonos ebenso gesellschaftskritische wie enigmatische Opernoratorien, nur dass Mahmoud wenig Lust auf den pathetisch erhobenen Zeigefinger hat und an die Stelle von kunstreligiösen Gedankenspielen ernsthafte Spiritualität setzt. Die Utopie einer letztlich uns alle immer schon umgebenden Wahrheit, die sich vielleicht eines Tages durchsetzt und die Schatten von Gewalt und Trauer durchbricht, besitzt für Mahmoud offenbar absolute Gültigkeit. Im Libretto wird diese Ebene durch viel Sonnensymbolik und Lichtmetaphorik vermittelt.
Yekta Kara kreiert hierfür eine perfekte Symbiose aus Musiktheater und Installation. Häufig sieht man Videos mit Straßenszenen, gebrochenen Naturidyllen oder auch mal gezeichneten, wilden Wölfen. Frances Pappas mimt und singt die ungemein verletzliche und zugleich starke Mutter, Ilker Arcayürek verkörpert ihren körperlosen Sohn mit starkem Spiel und vokaler Eloquenz.
Am Ende dieses neunzigminütigen Kraftstroms aus Musik und Bildern bleibt man inspiriert, betroffen, erregt, hoffnungsvoll und - ja - glücklich zurück. Glücklich, weil die Sache aus unzähligen Gründen sehr leicht hätte schief gehen können und sich hier alles zu einem großen, wegweisenden Ganzen gefügt hat.