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StartseiteSport am Wochenende"Ein eindeutiges Licht auf die Dopingsituation"03.10.2020

Operation Aderlass"Ein eindeutiges Licht auf die Dopingsituation"

Ein gefasster Hauptangeklagter, eine nachvollziehbare Verteidigungsstrategie, aber "absolute Persönlichkeitsspaltung" bei den Hauptprotagonisten. Der aktuelle Prozess sage viel aus über die Kultur in der Dopingszene, erklärt der Journalist Claudio Catuogno, der den Prozess beobachtet.

Claudio Catuogno im Gespräch mit Marina Schweizer

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Der Angeklagte (2.v.l.) steht beim Beginn des Prozess gegen ihn wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittel- und Dopinggesetze mit seinen Anwälten Juri Goldstein (l) und Alexander Dann (2.v.r.) zusammen. Dem Angeklagten und vier Komplizen wird vorgeworfen, regelmäßig und in einer unbekannten Anzahl von Fällen Blutdoping betrieben zu haben.  (dpa/ Peter Kneffel)
Beginn Doping-Prozess gegen Mark S. in München (dpa/ Peter Kneffel)
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Seit eineinhalb Jahren sitzt der Erfurter Sportmediziner Mark S. in Untersuchungshaft. Er ist der Hauptangeklagte in einem Doping-Verfahren, dass unter dem Namen "Operation Aderlass" bekannt wurde – die Bilder von Razzien bei der nordischen Ski-WM in Seefeld sind 2019 um die Welt gegangen.Diese Woche hat Mark S. ein umfassendes Geständnis abgelegt.

Er sei sehr gefasst gewesen, sagt Claudio Catuogno, der den Prozess für die Süddeutsche Zeitung begleitet: "Dass er mal emotional wurde, dass waren wirklich nur ganz kurze Momente, wenn vielleicht in anderen Einlassungen mal die Rede auf seinen kleinen Sohn kam. Zum Beispiel, dass er jetzt die letzten anderthalb Jahre natürlich auch nicht so ein Vater sein konnte, wie er sich es vielleicht einmal vorgenommen hat."

Catuogno lächelt in die Kamera (imago images / Chai v.d. Laage)Claudio Catuogno, Reporter der Süddeutschen Zeitung (imago images / Chai v.d. Laage)

Die Verteidigung versuche den Eindruck zu erwecken, dass der Angeklagte einerseits kaum Profit gemacht habe und andererseits sehr sorgfältig gearbeitet habe und keine Patienten gefärdet habe, erklärt Catuogno. Das spiegle sich aber nicht in allen Aussagen wieder:

"Zum Beispiel hat eine Krankenschwester, die für ihn unterwegs war, ausgesagt. Sie hat zwar immer seine Maschinen verwendet, aber sie wusste überhaupt nicht, was da genau auf dem Display steht. Sie kann überhaupt kein Englisch. Und ja, da kriegt das Bild schon Risse."

"Etwas, wo Doping zur Tagesordnung gehört"

Aus Liebe zum Sport habe er begonnen, den Sportlern Blutdoping anzubieten, ließ Mark S. im Prozess zu seinem Motiv verlesen: "So grotesk ich es natürlich finde. Aber ich habe das schon verstanden. Er hat ja selber gesagt: 'Ich habe Spitzensport immer so wahrgenommen, dass er ohne Doping nicht funktioniert.' Und wenn man das mal als Grundbedingung einfach zugrunde legt, dann kann man natürlich zu dem Ergebnis kommen, dass er sagt: 'Okay, ich liebe ihn trotzdem, so wie ich ihn wahrnehme, als etwas, wo Doping zur Tagesordnung gehört.'"

Johannes Dürr sitzt im Gerichtssaal (Imago)Johannes Dürr (hier bei seinem Prozess in Innsbruck) war ein Kunde von Mark S.. (Imago)

Der Langläufer Johannes Dürr sagte als Zeuge im Prozess: Es sei die absolute Persönlichkeitsspaltung gewesen. "Und die ist offenbar sehr weit verbreitet, zumindest in den Bereichen, über die wir hier sprechen: Im Langlauf, im Radsport, in Ausdauer-, Laufdisziplinen und so weiter. Da wirft dieser Prozess doch schon ein sehr eindeutiges Licht, wie verbreitet es da ist."

Mark S. ist seit 19 Monaten in Untersuchungshaft, weil mit vier bis sechs Jahren durchaus ein hohes Strafmaß möglich ist, erklärt Catuogno: "Das wäre mit Sicherheit anders. Wenn es dieses Anti-Doping-Gesetz nicht gäbe. Und die Forderungen auch aus dem organisierten Sport, vom DOSB und so weiter sind schon, dass man da jetzt mal ein Exempel statuieren soll. Wobei das natürlich auch ein bisschen darüber hinwegtäuscht, dass es natürlich ein sehr großes Netzwerk war, was da aufgeflogen ist, aber natürlich beileibe nicht das einzige, was im Spitzensport seine Dienste anbietet."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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