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StartseiteMusikjournalMit Zemlinskys "Kreidekreis" jenseits des Mainstreams 22.01.2018

Opernrarität in Lyon Mit Zemlinskys "Kreidekreis" jenseits des Mainstreams

In seiner letzten vollendeten Oper "Der Kreidekreis" öffnet Alexander Zemlinsky seine Musiksprache hin zu Jazz und fernöstlichem Kolorit. Nun wurde sie im französischen Lyon auf den Spielplan gesetzt - eine lohnenswerte Wiederbelebung.

Von Robert Jungwirth

Die heutige Opera Nouvel in Lyon wurde nach dem französichen Architekten Jean Nouvel benannt, der auf ein altes Operngebäude aus dem Jahr 1756 ein tonnenfömiges Obergeschoss zwischen 1985 und 1993 setzte.  (picture alliance/dpa - Thomas Muncke)
An der Oper in Lyon: Neugier und Sinn für interessante Werke auch jenseits des Mainstreams (picture alliance/dpa - Thomas Muncke)
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Ganz zum Schluss, als die Protagonisten längst schon das Happy End besungen haben - pathosselig zwischen Richard Strauss, Puccini und Impressionismus - da überrascht Regisseur Richard Brunel dann doch noch mit einer Idee, die aus dem Rahmen fällt. Haitang, die unschuldig des Gattenmords beschuldigt worden war und schließlich nach einem Herrscherwechsel auf dem chinesischen Kaiserthron ihre Unschuld beweisen konnte und frei gesprochen wird, wird bei Richard Brunel schließlich doch noch durch eine Giftspritze liquidiert. Das Happy End war nur ein Wunschbild, eine Halluzination Haitangs. Nichts ist so grausam wie die Wirklichkeit und Gerechtigkeit nicht wirklich zu erwarten. So sein düsteres Fazit.

Ist ja auch ein arger Sprung von der ehr- und mittellosen Konkubine über die Zweitfrau eines Steuereintreibers, dessen vermeintlicher Mörderin bis hin zur neuen Kaiserin von China. Klingt utopisch und ist es auch. Aber dafür ist Klabunds Schauspiel und Zemlinskys Oper der Kreidekreis ja auch ein Märchenstück nach einer chinesischen Vorlage, eine Parabel - und trotz vieler realistischer Szenen eben kein naturalistisches Drama, auch wenn es Züge davon trägt.

Die stilistischen Ebenen vermischen sich in diesem Erfolgsstück der 20er-Jahre, das 1925 uraufgeführt worden war und danach von an die 100 Bühnen nachgespielt wurde. Der größte Erfolg des Schriftstellers Klabund, der diesen Erfolg nur um wenige Jahre überlebte. Karikaturistisch Überzeichnetes steht neben pathetischer Emotionalität. Und diese Mixtur kennzeichnet auch die aus dem Schauspiel entstandene Oper Alexander Zemlinskys, die 1933 in Zürich uraufgeführt wurde, weil die deutschen Opernhäuser unter der Knute der Naziherrschaft dies nicht mehr wagten. Denn Zemlinsky war Jude.

Eigenwilliger Mix der musikalischen Stile

Er setzte in seiner letzten vollendeten Oper auf einen eigenwilligen Mix der musikalischen Stile, der Spätromantik mit der musikalischen neuen Sachlichkeit a la Kurt Weill verbindet. Für den Dirigenten der Neuproduktion an der Oper Lyon Lothar Koenigs war die Arbeit an dieser nahezu vergessenen Partitur denn auch eine spannende Entdeckungsreise.

"Als man mich fragte, ob ich den 'Kreidekreis' machen wollte von Zemlinksy, kannte ich keine einzige Note davon, aber mittlerweile macht es unglaubliche Freude und Spaß, dieses Stück aufzuführen, weil es handelt sich um eine sehr abwechslungsreiche, farbenreiche Partitur. Natürlich kommt Zemlinsky aus der deutschen Tradition und die Spätromantik ist vorhanden, aber er hat auch natürlich sicherlich 'Mahagonny' kennengelernt und vielleicht auch die Dreigroschenoper oder sogar von Krenek 'Jonny spielt auf' und Einflüsse dieser Musik kommen auch in dieser Partitur vor."

Schon zu Beginn sorgen schwüle Saxophonklänge für das nötige musikalische Kolorit zum Slow Motion Erotikballett im Bordell des Herrn Tong, in das Haitang nach dem Selbstmord ihres Vaters von ihrer Mutter verkauft wurde. Klaglos nimmt die junge Frau ihr Schicksal an. Nur als eben jener Steuereintreiber, der ihren Vater in den Tod getrieben hatte, sich für sie zu interessieren beginnt und er sie Herrn Tong abkaufen will, begehrt sie auf - doch vergebens. Haitangs Schicksal nimmt seinen unbarmherzigen Lauf.

Ilse Eerens in der Rolle der Zwangsprostituierten gewinnt im Lauf der Oper mehr und mehr an stimmlicher und darstellerischer Kontur, überzeugt mit klarem, anrührendem Sopran. Sie bildet das emotionale Zentrum des Stücks. Um sie herum gibt es in dem Werk eigentlich nur Karikaturen. Ob das nun ihr Ehemann, der Steuereintreiber ist oder dessen eiskalt egoistische erste Frau, die ihren Mann vergiftet und die Tat Haitang in die Schuhe schiebt und die bei Zemlinsky interessanterweise am meisten nach Richard Strauss klingt - oder später vor allem der korrupte Richter - eine Sprechrolle, mit Stefan Kurt hervorragend besetzt.

Brunel bleibt in seiner Regie vage

Regisseur Richard Brunel lässt den Richter vor dem Gerichtstermin, in dem Haitang des Mordes für schuldig befunden und zum Tod verurteilt wird, im Hinrichtungsraum noch eben eine kleine Orgie feiern. Im Libretto erinnert sich der Richter lediglich an seine vergangene Nacht im Bordell. Es sind nicht eben viele Ideen, die Brunel über die manchmal doch recht platte Nacherzählung der Handlung hinaus zu dem Stück eingefallen sind. Zwar spielt die Oper bei ihm ganz offensichtlich im heutigen China, doch könnten die paar Designermöbel und kalt funktionalen Räume von Anouk Dell'Aiera ebenso in Dallas oder Moskau stehen. Nur die folkloristisch bunten Kleider der Kurtisanen und deren aufwendige Gesichtsbemalung wirken eindeutig chinesisch. Brunel bleibt in seiner Regie vage, kann sich nicht recht entscheiden, ob er nun Puccini oder Kurt Weill inszenieren will - wobei er mehr zu Puccini tendiert. Etwa im Schlussbild wenn Haitang sich nach Peking zum Kaiser aufmacht, leise der Schnee rieselt vor einem Wald auf dem Rückprospekt und Haitangs Kind auf einem Schimmel über die Bühne reitet.

Lothar Koenigs sorgt am Pult für viel Schönklang und detailgenaues Musizieren, die Zuspitzung, die musikalische Karikatur ist seine Sache aber eher weniger. Dabei wäre das vor allem das Interessante in dieser vielgestaltigen Musik.

Lohnend ist die Wiederbelebung dieser Oper, die in Frankreich zum ersten Mal zu sehen war, aber in jedem Fall. Und sie spricht für Serge Dornys Neugier und Sinn für interessante Werke auch jenseits des Mainstreams. In München wartet man indes auf das grüne Licht aus der Landesregierung für die Ernennung Dornys als Nachfolger von Nikolaus Bachler an der Bayerischen Staatsoper. Nachdem in Bayern aber bekanntlich bald ein neuer Ministerpräsident und ein neues Kabinett installiert werden sollen, könnte es mit dem grünen Licht noch etwas dauern.

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