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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Opferkultur von der Antike bis zur Gegenwart28.01.2008

Opferkultur von der Antike bis zur Gegenwart

Das Buch "Märtyrer-Porträts" lässt Differenzierungen vermissen

Der islamistische Selbstmordattentäter, der auf himmlische Freuden spekuliert, findet seinen Bezugspunkt auch in der christlichen Tradition. Darauf macht Sigrid Weigel in dem Buch "Märtyrer-Porträts" aufmerksam, das den Lesen mit Opfertod, Blutzeugen und Heiligen Kriegern konfrontiert. Jan Süselbeck stellt das Buch vor.

Benazir Bhutto jubelte kurz vor ihrem Tod Anhängern in Rawalpindi zu. (AP)
Benazir Bhutto jubelte kurz vor ihrem Tod Anhängern in Rawalpindi zu. (AP)
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Faszinierend und beunruhigend

Am 27. Dezember 2007 wurde Pakistans Oppositionsführerin und ehemalige Premierministerin Benazir Bhutto Opfer eines Selbstmordattentäters. Sie sei den Märtyrertod gestorben, hieß es in vielen Kommentaren. Auch der Mann, der nahe der Hauptstadt Islamabad auf die Politikerin feuerte und sich danach selbst in die Luft sprengte, wollte wohl ein solcher Märtyrer werden - ein eliminatorischer Akt, der uns seit dem 11. September 2001, mit Bildern aus Israel und dem Irak alltäglich in den Nachrichten begegnet.

Sigrid Weigel, die Direktorin des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, hat sich eingehend mit der Wiederkehr dieses in der Religionsgeschichte vergessen geglaubten Phänomens beschäftigt. Als Krönung dieses Engagements hat Sigrid Weigel einen Band mit 52 "Märtyrer-Porträts" und 8 Essays herausgegeben, in denen sich ausgewiesene Autoren mit der Kontinuität und den Umformungen der Opferkultur von der Antike bis zur Gegenwart, in verschiedenen Künsten und Tradierungen beschäftigen. Damit wählt die Publikation eine Perspektive, die über theologische Betrachtungen hinausgeht. In ihrem einleitenden Essay präzisiert die Herausgeberin:

"Das vorliegende Buch ist kein Verzeichnis; es präsentiert keinen Kanon von Märtyrern, auch keinen kulturwissenschaftlich erweiterten Kanon. Es liefert auch keine Kriterien dafür, was Märtyrer sind oder wer ein Märtyrer bzw. eine Märtyrerin ist oder war. Vielmehr fragt es nach den Mustern, Mechanismen und Medien, mit denen Märtyrer gemacht, verehrt, dargestellt und überliefert werden."

Zum Erkenntnisinteresse sagt sie ferner.

"Vor dem Horizont einer bemerkenswerten Ubiquität von Elementen der Märtyrerkultur in Geschichte und Gegenwart geht es vor allem darum, die beunruhigende Faszination, die die Figur des Märtyrers offenkundig bis heute ausübt, ebenso wie die tödliche Logik, welche der Dynamik der Märtyrerkultur innewohnt, zu beleuchten."

Bei den islamistischen Selbstmordattentätern, das arbeitet Sigrid Weigel heraus, handele es sich um Gestalten, die der säkularisierten westlichen Gesellschaft wie Wiedergänger aus ihrer eigenen Vorgeschichte erscheinen müssen. Das griechische Wort martys bedeutet "Zeuge", und an dieses Konzept habe der christliche Märtyrer angeknüpft, der im 2. und 3. Jahrhundert nach Christus in geradezu epidemischer Form auftrat. Er will Zeuge der Passion Christi und deren Deutung als Sühneopfer sein.

"Der Märtyrer stellt sich in die Nachfolge dieses Urbildes eines 'Opfers für‘, das er bezeugt. Auch um den Preis von Verfolgung und Tötung hält er 'standhaft‘ an seinem Bekenntnis fest."

Durch diesen Habitus des Erleidens erklärt sich, warum in der frühchristlichen Epoche nicht nur entschlossene Männer, sondern gerade auch Frauen das Martyrium auf sich nahmen. So konnten etwa Perpetua und Felicitas zur Legende werden, die sich angeblich, wie ein quellenkritischer Artikel des Bands informiert, 203 nach Christus in einer Arena zu Karthago bereitwillig von einer wilden Kuh zerstampfen ließen, um ein "Blutzeugnis" für ihren Glauben abzulegen.

"Erst mit den Kreuzzügen entstand aus der Imitatio-Christi-Kultur die Gestalt des Soldaten Christi","

führt Weigel in ihrem Vorwort weiter aus,

""zuerst in der Gestalt des Kreuzritters, der im frühen Mittelalter mit dem Ziel nach Jerusalem zog, das 'Heilige Land' und das 'Heilige Grab' zurückzuerobern. Wer dabei zu Tode kam, wurde als Märtyrer verehrt."

Sigrid Weigel will nicht nur solche transreligiösen Kontinuitäten aufzeigen, sie will auch deutlich machen, dass in der Ära der Fotografie, des Films, des Fernsehens und des Internets Medien entstanden sind, die dem typischen Seriencharakter der archaischen Märtyrerkultur, die auf eine fatale Imitierung emotionalisierender Opfer-Bilder zielt, "in idealer Weise entgegen" kommt. Hinter dem Rücken ihrer Produzenten erzeugten solche Bilder von den globalen Kampschauplätzen

"eine geradezu biblische Gewalt, indem sie Affekte entfesseln, die sich als prekäre Gemengelage aus religiösen und politischen Motiven darstellen."

Sigrid Weigels Buch versucht allerdings noch viel mehr zu hinterfragen als die religiös konnotierten Terror-Kriege unserer Tage und ihre lange Vorgeschichte. Viele Artikel und Essays befassen sich darüber hinaus mit Formen der popkulturellen "Zerstreuung" des Phänomens - also seiner Spiegelung im Kino, in der Performance-Kunst der 1970er Jahre und der Literatur.

So sieht man sich nach Weigels luzidem Vorwort einer langen Reihe von Kurztexten gegenüber, die in ihrer Anlage Lexikonartikeln gleichen und sich sprunghaft den unterschiedlichsten Märtyrerfiguren aus allen möglichen Religionen, Zeiten und Medien widmen. Ohne den wiederholten Blick in die Gliederung des Bands verliert der Leser dabei leicht den Überblick. Wieso soll man etwa unmittelbar nach Michail Ryklins Text über "Varlam Šalamovs Erzählungen aus dem GULAG" plötzlich denjenigen von Kai Bremer lesen, in dem es um die Frage geht, "Warum Gudrun Ensslin keine Pop-Ikone wurde". Beide Artikel finden sich zusammen mit sechs weiteren unter der großzügig angelegten Rubrik "Kollektive und ihre Opfer".

Noch merkwürdiger wirkt die Eingliederung des georgischen Nationaldichters Ilia Tschawtschawadse in die Gruppe der "Opfer des Wissens und des Fortschritts" - steht seine "Vaterlandsreligion", die der ihm gewidmete Artikel thematisiert, doch wohl weder für das eine noch für das andere. Als habe sie geahnt, dass der Eindruck entstehen könnte, mit ihrem Projekt würde einer Inflation des Märtyrerbegriffs Vorschub geleistet, betont Weigel in ihrer Einleitung:

"Da es [ ... ] nicht darum gehen kann, überall Märtyrermuster zu identifizieren, wo sie noch nicht gesehen wurden - und damit die Zahl der Märtyrer noch zu mehren - werden nur solche Ereignisse und Figuren dargestellt, die in den Überlieferungen als Märtyrer gedeutet worden sind."

Damit ist allerdings ein Problem noch nicht aus der Welt geschafft, dem der Band nur schwer entkommen kann: Auch wenn Weigel den möglichen Vorwurf der Beliebigkeit der Märtyrer-Auswahl zurückweist, legt ihre nüchterne Sammlung doch Vergleiche nahe, die problematisch sind. Die Terroristen der RAF, die Häftlinge im GULAG, eine antisemitische Selbstmordattentäterin und die Opfer der Shoah werden hier zwar nicht bewusst gleichgesetzt, aber sie stehen letztlich dennoch in einem historischen Panorama nebeneinander, das deutlicherer Differenzierungen bedürfte.

Vielleicht sollte man den Band deshalb doch einfach als Handbuch begreifen. Als ein solches Nachschlagewerk bietet er viele einzelne Einsichten in die dunkle Welt religiöser und politischer Todesverherrlichungen, deren weiterführende Kritik nötiger denn je erscheint.


Sigrid Weigel (Hg): Märtyrer-Porträts. Von Opfertod, Blutzeugen und heiligen Kriegern
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2007
320 Seiten, 29,90 Euro

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