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Oppositionelles Fernsehen für Aserbaidschan

Schlagerfans weltweit verfolgen das Finale des Eurovision Song Contest in Schweden. Wie vergessen ist dagegen der Wettbewerb von letztem Jahr in Aserbaidschan. Um weiter auf die dortige Unterdrückung aufmerksam zu machen, haben Exilanten nun ein alternatives Fernsehen gegründet.

Von Brigitte Baetz | 18.05.2013
    Die Sänger Ell und Nikki brachten den Song-Contest nach Baku - und damit eine breite Medienöffentlichkeit.
    Die Sänger Ell und Nikki brachten den Song-Contest nach Baku - und damit eine breite Medienöffentlichkeit. (picture alliance / dpa | Kristina Koroleva)
    Morgens bin ich aufgewacht, so singt Jamal Ali im Lied Vermişel, und ich sagte mir: "genug ist genug" - und ich ging raus, um etwas zu unternehmen. Jamal Ali und die Mitglieder seiner Gruppe Bulistan wurden vor knapp mehr als einem Jahr bei einer Protestkundgebung in Baku von Polizisten zusammengeschlagen und festgenommen. Der Vorwurf: Rowdytum. Und noch während sich noch die europäische Öffentlichkeit auf den Eurovision Song Contest freute, wurde der Komponist und Sänger im Gefängnis gefoltert.

    Heute gehört Jamal Ali, dessen Lieder über YouTube hunderttausendfache Verbreitung finden, zu einer kleinen Gruppe von Exil-Aserbaidschanern, die von Berlin aus versuchen, dem mächtigen Alijew-Clan publizistisch Paroli zu bieten. Seit Mittwoch sind sie mit Meydan-TV auf Sendung, im Internet und über Satellit.

    Forum für unabhängige Berichterstattung aus Aserbaidschan
    Meydan heißt auf Deutsch "Platz" und so soll der Sender ein Forum werden für eine unabhängige Berichterstattung aus Aserbaidschan. Treibende Kraft ist Emin Milli. Auch er, ehemals Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung und Blogger, war wegen Rowdytums im Gefängnis. Sein Vergehen: Er hatte ein satirisches Video ins Internet gestellt.

    Die Initiatoren von Meydan TV um Jamal und Milli wissen, dass internationale Aufmerksamkeit für das kleine, aber ölreiche Land am Fuße des Kaukasus der beste Schutz für die Opposition und für unabhängige Berichterstattung ist. Nach dem Rummel um den Eurovision Song Contest im vergangenen Jahr ist Aserbaidschan allerdings auf der Agenda der westlichen Presse wieder ganz nach hinten gerutscht. Die deutschen Medien könne er dabei gut verstehen, meint der 34-jährige Milli, denn das Interesse der Bevölkerung sei eben auch nicht so groß. Dennoch wundere er sich, dass nicht mehr Journalisten hierzulande über die engen Kontakte des reichen Alijew-Clans zu deutschen Politikern berichteten:

    "Vielen Wählern würde das, glaube ich, nicht gefallen. Und das wäre etwas, was vielleicht interessant sein könnte für deutsche Medien und für Deutsche insgesamt und daran wollen wir in der Zukunft arbeiten."

    Das Programm soll zukünftig auch auf Deutsch verfügbar sein
    Meydan TV soll also auf lange Sicht nicht nur in der Landessprache nach Aserbaidschan senden, sondern auch auf Deutsch über die Lage in Baku aufklären. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Die Anschubfinanzierung über Privatspenden für die bislang eine Stunde pro Woche ist gesichert, doch Meydan TV bräuchte eher, so Emin Milli, Geld von Institutionen, möglicherweise von deutschen oder europäischen Stiftungen:

    "Wir haben noch keine reichen Leute gesehen, die uns Geld geben. Leider auch die meisten Leute, die im Ausland leben - die haben auch Angst."

    Denn nicht jeder, der Verwandte in Aserbaidschan hat, ist so mutig wie der Sänger Jamal Ali. Der sendet als Botschaft nach Baku: den – wie er es nennt – "heiligen mittleren Finger".