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StartseiteForschung aktuellDas lange Leben der Schwertwal-Damen 06.03.2015

Orcas Das lange Leben der Schwertwal-Damen

Vor der Pazifikküste Nordamerikas lebt eine aus etwa 90 Tieren bestehende Schwertwal-Gruppe. Ein Team aus britischen und amerikanischen Forschern hat nun untersucht, warum die Weibchen so ungewöhnlich alt werden. Die Wissenschaftler haben auch herausgefunden, welche Rolle den altersweisen Damen in der Wal-Gemeinschaft zufällt.

Von Tomma Schröder

Ein Schwertwal (Orca) springt aus dem Wasser.  (imago / Anka Agency International)
Ein Alter von 100 Jahren und mehr ist bei Orca-Weibchen keine Seltenheit. (imago / Anka Agency International)
Weiterführende Information

Delfine für die Digitalkamera
(Deutschlandradio Kultur, Reportage, 14.09.2013)

Granny ist die älteste. Niemand weiß genau, wie alt sie ist. Aber vermutlich hat sie zwei Weltkriege überlebt. Auf einer Fotografie von 1930 wurde sie unzweifelhaft identifiziert. Und 1967, so weiß man, ist sie in Gefangenschaft geraten, wenig später aber aufgrund ihres hohen Alters wieder frei gekommen. Zum letzten Mal gesehen wurde die betagte Dame 2014 inmitten ihrer Kinder und Enkelkinder. 103 Jahre alt war sie da, so wird geschätzt. Doch warum darf sie eigentlich so lange leben? Spätestens mit 40 Jahren können Schwertwalkühe keine Nachkommen mehr bekommen. Trotzdem leben sie im Gegensatz zu den Bullen, die mit durchschnittlich 30 Jahren sterben, meist noch jahrzehntelang weiter.

"Wir wissen, dass diese lange Lebensspanne nach den Wechseljahren sehr ungewöhnlich ist. Das gibt es nur bei drei Wirbeltierarten: bei den Schwertwalen, den Kurzflossen-Grindwalen und den Menschen. Evolutionär gesehen ist das sehr erstaunlich. Denn bei der Evolution geht es immer um die Fähigkeit zu Überleben. Und um sich ständig neu an die Umwelt anpassen zu können, muss ich mich reproduzieren. Und wenn ich aufgehört habe, mich zu reproduzieren, gibt es im evolutionären Sinne eigentlich keinen Grund mehr weiterzuleben."

Doch Granny und andere Schwertwalkühe scheinen sich um dieses evolutionstheoretische Problem wenig zu kümmern. Also tat Lauren Brent es.

"Wir haben Videos aus neun Jahren ausgewertet, die uns das Zentrum für Walforschung in Washington State zur Verfügung stellte. Diese 750 Aufnahmen zeigen, wie die Wale zusammen zu ihren Jagdgründen ziehen. Und weil wir die Wale anhand der Form ihrer Rückenflosse und ihren Flecken identifizieren können, können wir auch sagen, welche Wale die Gruppe bei der Futtersuche angeführt haben und welche Individuen folgten."

Führend bei der Futtersuche

Die Fleißarbeit von Lauren Brent und ihrem Team wurde mit einem eindeutigen Ergebnis belohnt: In den meisten Fällen, so berichtet die britische Biologin von der Universität Exeter, führte eine ältere, nicht mehr fruchtbare Schwertwalkuh die Gruppe bei ihrer Futtersuche an.

"Darüber hinaus haben wir auch Daten zu den Königslachsbeständen ausgewertet, der Hauptspeise der Schwertwale. Und dort konnten wir zeigen, dass die Schwertwalkühe jenseits der Wechseljahre vor allem in jenen harten Zeiten die Gruppe anführten, in denen es nicht so viele Königlachse gab. Denn diese älteren Schwertwalkühe haben einfach mehr Erfahrung und wissen besser, wo Königslachse zu finden sind. Und das ist natürlich durchaus wichtig in einer Population, deren Sterblichkeit und Reproduktionserfolg direkt mit der Größe der Lachsbestände zusammenhängt."

Damit tragen die alten Kühe auch ohne weiteren eigenen Nachwuchs dazu bei, dass die Gruppe besser für den Überlebenskampf gewappnet ist. Auch Granny wird ihrer Gruppe in dieser Hinsicht große Dienste geleistet haben. Und sie ist damit, so meint Lauren Brent, wohl durchaus mit menschlichen Müttern und Omas vergleichbar, die ihre Wechseljahre hinter sich gebracht haben.

"Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass die Weisheit der Älteren und insbesondere die Weisheit älterer Weibchen für die Schwertwalgruppe wertvoll ist. Und ich denke, man kann davon ausgehen, dass das Gleiche auch für Menschen gilt. Wir tauschen in sehr hohem Maße Informationen aus. Wenn ältere Frauen, die Informationen, die sie im Laufe ihres Lebens gesammelt haben, an ihre Töchter, Söhne und an ihre Enkel weitergeben, ist das durchaus zu vergleichen. Insofern, denke ich, ist das doch eine schöne Geschichte. Ältere Damen wissen durchaus einiges, und wir sollten ihnen zuhören."

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