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StartseiteDie neue PlatteGlück und Zerrissenheit23.05.2021

Orchestermusik von Walter BraunfelsGlück und Zerrissenheit

Die Ouvertüre zur Verwechslungskomödie “Don Gil” eröffnet eine neue CD des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien. Unter Leitung von Gregor Bühl hat das Orchester Werke von Walter Braunfels eingespielt. Ein weiterer Baustein bei der allmählichen Wiederentdeckung des Komponisten.

Von Thilo Braun

Die Mitglieder des Orchesters stehen mit ihren Instrumenten in einem großen Raum und schauen nach oben in die Kamera. (ORF Radio-Symphonieorchester Wien / Thomas Ramstorfer)
Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien hat seit 2019 Marin Alsop als Chefdirigentin. (ORF Radio-Symphonieorchester Wien / Thomas Ramstorfer)
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Musik: Walter Braunfels - "Don Gil von den grünen Hosen", op.35

"Don Gil von den grünen Hosen" so lautet der skurrile Titel einer nicht weniger skurrilen Komödie des spanischen Dramatikers Tirso de Molina. Die grünen Hosen sind dabei das Erkennungsmerkmal einer jungen Frau, die sich manchmal auch als Mann ausgibt. Aus dieser Verwechslungskomödie hat der Komponist Walter Braunfels vor ziemlich genau hundert Jahren eine Oper geschaffen.

Musik: Walter Braunfels - "Don Gil von den grünen Hosen", op.35

Walter Braunfels – der Name ist heute etwas in Vergessenheit geraten – dabei galt er in den 1920er-Jahren als einer der vielversprechendsten Nachwuchskomponisten Deutschlands. Alle Werke auf der CD hat Walter Braunfels noch vor dem zweiten Weltkrieg geschrieben. In ihnen lässt sich der Umbruch einer Epoche erspüren – zwischen Spätromantik und junger Moderne. 

Musik: Walter Braunfels - Serenade in Es-Dur, op. 20 - 1.Satz "Leicht belebt"

So klingt junges Eheglück: Als Walter Braunfels diese Musik komponiert, ist er frisch verheiratet.  Die Serenade in Es-Dur op. 20 sprüht vor Glückseligkeit und friedlicher Idylle – ganze vier Sätze lang geht das so. Und diese permanente gute Laune könnte einem schon fast zu viel werden, wäre diese Musik nicht so fabelhaft orchestriert. 

Schon mit Ende zwanzig wird Braunfels mit Richard Strauss verglichen und an dessen Musik erinnert auch seine Serenade, mit ihren gleißenden Orchesterfarben.

Musik: Walter Braunfels - Serenade in Es-Dur, op. 20 - 1.Satz "Leicht belebt"

Im Jahr 1920 gelingt Walter Braunfels der Durchbruch: Seine Oper "Die Vögel" wird unter der Leitung seines Freundes Bruno Walter uraufgeführt und ein sensationeller Erfolg. Allein in München folgen 50 Aufführungen, auch in Köln, Wien und Berlin wird das Werk begeistert aufgenommen. 

Musik zu schön für eine Welt in Trümmern

Dass Braunfels heute, etwa hundert Jahre später, kaum noch bekannt ist, liegt an den Nationalsozialisten. Nach ihrem faschistischen Weltbild galt Braunfels als "Halbjude" und bekam bereits 1933 Berufsverbot. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Braunfels sozusagen ein zweites Mal verbannt. Die Nachkriegs-Avantgarde empfand seine Musik als rückwärtsgewandt, sie klang zu "schön" für eine Welt in Trümmern.

Erst seit gut zwanzig Jahren kann man eine kleine "Braunfels-Renaissance" erleben. Sie ist der engagierten Initiative einzelner Liebhaber zu verdanken. Zu ihnen gehört auch der Dirigent Gregor Bühl – seine Neueinspielung ist Teil einer Reihe des Labels Capriccio, das damit bereits die achte Braunfels-CD in fünf Jahren veröffentlicht.

Musik: Walter Braunfels - Divertimento für Orchester op.42 - 1.Satz "Massig bewegt"

Als Komponist ist Braunfels auch deshalb so spannend, weil man seine Musik eigentlich nie so richtig fassen oder einsortieren kann. Mal erinnert sie an Mahler, mal an Strauss, dann wieder an Werke von Ravel oder Strawinsky. Wie ein Schwamm hat Braunfels die musikalische Vielfalt seiner Zeit aufgesogen und in seine Werke übernommen.

Ein gutes Beispiel für diese üppige Stilvielfalt ist sein "Rundfunk-Divertimento". 

Musik: Walter Braunfels - Divertimento für Orchester, op.42 - 1.Satz "Massig bewegt"

Braunfels hat sein Divertimento 1929 der damals frisch gegründeten "Westdeutschen Rundfunk AG" gewidmet – dem Vorläufer des heutigen WDR. Tatsächlich wirkt es so, als hätte Braunfels am Radio-Kondensator gedreht, nur dass sich nicht die Programme, sondern die musikalischen Stile von Satz zu Satz verändern. Der erste Satz erinnert in seiner Mischung aus pastoraler Idylle und leichten Tänzen an ein Portrait des Landlebens.

Der zweite Satz dagegen wirkt eher wie die Karikatur eines Tanzkurses für Anfänger. Braunfels treibt ein rhythmisches Verwirrspiel zwischen Dreier-, Vierer und Fünfer-Metrum – als würden Tanzpartner permanent aus dem Takt geraten und einander über die Füße stolpern.

Musik: Walter Braunfels - Divertimento für Orchester, op.42 - 2.Satz "Gemessen doch immer bewegt"

Das Divertimento ist nicht üppig instrumentiert – dennoch hat Braunfels insgesamt fünf doppelt besetzte Holzbläser vorgesehen. Darunter auch ein ungewöhnliches Instrumentenpaar: ein Alt- und ein Tenor-Saxophon. In die Partitur schreibt Braunfels: "Die Saxophone mögen so geblasen werden, wie ihr Erfinder sie sich gedacht. Das heißt: Mit ruhigem, edlem, vibratolosem Tone."

Musik: Walter Braunfels - Divertimento für Orchester, op.42 - 2.Satz "Gemessen doch immer bewegt"

Diese Vielfalt im Holz – helles Flötenstrahlen, weiche Saxophone, schnarrende Fagotte – sie verleiht dem Werk einen warmen Grundcharakter und macht es zugleich so wandlungsfähig.

Kriegstrauma und Antisemitismus

Die Zeit zwischen den Weltkriegen ist für Walter Braunfels der Gipfelpunkt seiner Karriere. Seine Werke werden in ganz Deutschland gespielt, er wird zum Gründungsdirektor der Kölner Musikhochschule berufen und ist auch als Virtuose am Klavier erfolgreich. Das ist aber nur die eine Seite. Denn auf der anderen leidet er unter dem Trauma des ersten Weltkrieges, aus dem er 1917 nach einem Fronteinsatz verwundet heimgekehrt war. Zugleich bekommt er immer stärker antisemitische Anfeindungen zu spüren, auch schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Im dritten Satz seines Divertimentos – es ist zugleich der längste – meint man etwas von dieser Zerrissenheit zu spüren. Gerade im Vergleich zu den humoristischen ersten beiden Sätzen wirkt dieser dritte Satz auffallend düster.

Musik: Walter Braunfels - Divertimento für Orchester, op.42 - 3.Satz "Langsam"

Interpretatorisch gehört dieser Satz zu den Höhepunkten auf der CD. Die Holzbläser des ORF Radiosinfonieorchesters Wien spielen berührend schöne Soli – etwa die Flöte mit einer intensiven, zittrigen aber doch warmen Klage.

Musik: Walter Braunfels - Divertimento für Orchester, op.42 - 3.Satz "Langsam"  

Solche geradezu schreienden Ausbrüche erinnern stark an die Sinfonien Gustav Mahlers. Ähnlich wie Mahler komponiert Braunfels nie atonal. Und doch geht er an die Schmerzgrenze: das harmonische Gerüst ächzt unter der Spannung dissonanter Klänge. Das löst Orientierungslosigkeit und Befremden aus – und macht die Musik damit zum Spiegel einer Gesellschaft, die kurz vor dem Kollaps steht.

Musik: Walter Braunfels - Divertimento für Orchester, op.42 - 3.Satz "Langsam"  

Durch die Auswahl der Werke auf der CD lässt sich der Wandel im Schaffen von Braunfels gut nachvollziehen – vom leichten Stil der Vorkriegszeit hin zur manchmal zerrissenen, aber auch vor Einflüssen sprudelnden Musik der Weimarer Zeit. Interpretatorisch hätte den Werken etwas mehr Feinarbeit gutgetan. Die rhythmischen oder harmonischen Kontraste dürften schärfer, die Einsätze präziser sein.

Um Repertoire-Lücken im Schaffen von Walter Braunfels zu schließen und ihm endlich die Wertschätzung entgegenzubringen, die er verdient, ist die CD aber ein wichtiger Beitrag. Denn, dass es sich lohnt, seine Musik zu entdecken, daran besteht auch nach der achten CD der Braunfels-Reihe von Capriccio absolut kein Zweifel.

Werke von Walter Braunfels
ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Leitung: Gregor Bühl
Capriccio C5429

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