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StartseiteForschung aktuellEin medizinethischer Graubereich12.12.2014

Organspendepraxis in deutschen Kliniken Ein medizinethischer Graubereich

Schon vor Feststellung des Hirntods werden bei potenziellen Organspendern Behandlungen eingeleitet, die ausschliesslich dem Organerhalt dienen. Dabei dürfen solche vorbereitenden Maßnahmen streng genommen erst beginnen, wenn der schwer verletzte Patient tatsächlich tot ist. Die Wirklichkeit in deutschen Kliniken sieht anders aus.

Von Thomas Liesen

Ein Mann in grüner OP-Kleidung trägt einen Styropor-Behälter für den Transport von Spenderorganen an einem Operationssaal vorbei. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Um eine Organentnahme vorzubereiten, werden sterbende Patienten oft künstlich am Leben erhalten. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Weiterführende Information

Organspende - Der Erfolg hängt auch von der Ärztequalifikation ab
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 04.11.2014)

Transplantationsmedizin - Die Organspende in der Sackgasse
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 03.11.2014)

Programmtipp: Die Untoten - Über die Nähe von Hirntod und Leben 
Sonntag, 14. Dezember, 16.30 Uhr, im Deutschlandfunk. 
Hören Sie den Trailer zur Sendung:
 Die Untoten

 

Ein 18-jähriger Mann liegt auf der Intensivstation der Uniklinik Freiburg. Er hat eine rosige Haut und sein Herz schlägt ruhig und gleichmäßig. Doch er zeigt keinerlei Reaktionen, denn er hat ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Möglicherweise ist er hirntot, sagen die Ärzte. Doch die Diagnoseschritte zur Feststellung des Hirntods sind noch nicht eingeleitet. Der Mann lebt also noch. Und es ist auch nicht geklärt, ob er überhaupt als Organspender infrage kommt. Trotzdem ist bereits jetzt der sogenannte Transplantationsbeauftragte der Klinik, Dr. Michael Lücking, wie üblich über den Fall informiert worden und zum Patienten geeilt.

"Ich berate, was die intensivmedizinische Therapie von hirntoten Patienten, potenziellen Organspendern betrifft."

Intensivmedizinische Therapie des Patienten, das klingt wie ein letzter, palliativer Dienst. Doch was Michael Lücking meint: Er berät, welche Maßnahmen nötig sind, um die Organe von allen potenziellen Spendern in guter Qualität zu bewahren. Was wenige wissen: Diese Behandlungen beginnen noch bevor der Hirntod diagnostiziert wird. Dem Patienten werden Medikamente gegeben, die weder seine Lebens- noch seine Sterbequalität steigern; es werden Hormone gegeben; es wird Blut abgezapft, um für den Organerhalt wichtige Werte zu bestimmen. Und statt ihn in Frieden sterben zu lassen, wird er unter anderem mit künstlicher Beatmung am Leben erhalten. Organkonditionierung heißt dieses Vorgehen im Fachjargon. Und es ist ein Graubereich, medizinisch wie ethisch.

"Das sind Maßnahmen für die letztlich das Einverständnis des Patienten fehlt. Gleichzeitig ist es aber eine Situation und ein Zeitpunkt, bei dem mit den Angehörigen die Organspende noch gar nicht besprochen worden ist, aus guten Gründen, weil ja die Hirntod-Diagnostik noch gar nicht erfolgt ist und es nur schwer vorstellbar wäre, die Angehörigen schon darauf anzusprechen. "

Missachtung der Organspendebestimmungen

Professor Jürgen In der Schmitten, Allgemeinmediziner, Uni Düsseldorf. Die informierte Zustimmung des Patienten oder stellvertretend der Angehörigen ist eigentlich eine Grundvoraussetzung jeden ärztlichen Handelns. Doch sie wird bei der Organkonditionierung übergangen. Selbst wenn der Patient einen Spenderausweis haben sollte: Das "Ja" zur Organspende und damit verbundene medizinische Eingriffe gilt ausschließlich für die Zeit nach dem Tod. So steht es wörtlich auf dem Ausweis. Doch die Missachtung dessen ist Alltag im Umgang mit Hirntoten, gibt Professor Hartmut Schmidt zu, Direktor der Klinik für Transplantationsmedizin an der Uni Münster:

"Der abrupte Zeitpunkt zu sagen, dass erst nach Feststellung des Hirntods eine Therapie eingeleitet werden darf, die sozusagen eine Organunterstützung beziehungsweise eine Organspende ermöglicht, ist letztendlich in der Praxis nicht haltbar. "

Schmidt weiß um die Brisanz dieser Praxis, die in keinem Werbeblatt für Organspende zur Sprache kommt. Er hat deshalb mit Kollegen der Uni Münster bereits vor drei Jahren eine Stellungnahme dazu verfasst, in der Hoffnung, damit eine Diskussion anzustoßen.

"Die Frage war eigentlich mehr an die Öffentlichkeit und insbesondere die medizinische Öffentlichkeit: Wie stellen wir uns zurzeit in dieser Konfliktsituation?"

Doch die Fachwelt schweigt bis heute eisern. Hartmut Schmidt hofft zwar, dass endlich die längst fällige Debatte über diesen ethischen Graubereich in Gang kommt. Doch viele Verantwortliche aus der Transplantationsmedizin haben offenbar eher die Sorge, mit der Offenlegung von Details würde man noch mehr Menschen von der Organspende abschrecken. Jürgen In der Schmitten:

"Es ist etwas, was schamhaft beiseite gedrückt wird, weil eben immer noch die offizielle Linie lautet: 'Wir reden hier von "nach dem Tode" und wollen, dass die Leute möglichst wenig denken. Und ich glaube, dass die Bevölkerung hier unterschätzt wird. "

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