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StartseiteMusikjournalVon Gladiatorenkämpfen und virtuellen Pfeifen29.07.2019

Orgel-Ausstellung in HamburgVon Gladiatorenkämpfen und virtuellen Pfeifen

Obwohl die Orgel oft mit Kirchen assoziiert wird, ist sie ursprünglich ein weltliches Instrument - und erklang in der Antike sogar zu blutigen Kämpfen in der Arena. Eine Ausstellung in Hamburg bietet einen Überblick über die Geschichte des Instruments. Wer will, kann auch seine eigene Orgel erschaffen.

Von Elisabeth Richter

Der Spieltisch der Arp-Schnitger-Orgel in St. Jacobi Hamburg (Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg)
Die fein geschnitzten Registerköpfe prominenter Persönlichkeiten an der Orgel Arp Schnitgers (Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg)
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"Für uns westeuropäisch sozialisierte Menschen ist ja die Orgel das Instrument in der Kirche, was wir von der Taufe über die Hochzeit bis zur Beerdigung irgendwie kennen, da werden Choräle gespielt." Olaf Kirsch, Kurator der Ausstellung und der Sammlung Tasteninstrumente am Museum für Kunst und Gewerbe: "Wenn man jetzt aber wirklich guckt, dass die Orgel ja in der Antike, in vorchristlicher Zeit erfunden wurde, so ist es eigentlich sehr interessant, dass das Instrument, was für uns heute das Kirchenmusik-Instrument per se ist, wenn man die Geschichte im Ganzen betrachtet, eigentlich in der ersten Hälfte das gar nicht gewesen ist."

Auf nur 330 Quadratmetern erlebt man kompakt und sinnlich fast alles rund um die Orgel. Blickfang beim Eintritt ist eine prächtig vergoldete böhmische Rokoko-Orgel von Johannes Rusch von 1777. Links davon beginnt die Schauseite der Ausstellung – historisch-chronologisch mit Objekten und Infotafeln. Rechts davon befindet sich gewissermaßen die Spielseite zum aktiven Ausprobieren.

Orgelspiel kann simuliert werden

Eigens für die Ausstellung gebaute Funktions-Modelle von Orgelregistern, verschieden große Pfeifen, Tasten sowie Orgel-Bälge sind zu sehen, aber eben auch zu betätigen. Attraktiv ist eine echte Orgelbank mit Manualen und Pedalen, auf die man sich schwingen kann. Kurator Olaf Kirsch:

"Eine Midi-Station, ich nenne das gern Orgel-Simulator, wo man selbst am Spieltisch sitzen kann und über eine Bildschirmfunktion zum Beispiel Register ändern kann, auch selbst mal mitspielen, play along, und auch mal die Pedale betätigen kann."

Rund 2.000 Jahre früher hatten die ersten Orgeln noch keine Pedale. So klingt eine kleine nachgebaute antike römische Orgel aus 3. Jahrhundert nach Christus, sie ist nur jeweils 50 cm breit und tief.

"Das wissen wir aufgrund der dort angebrachten Inschriften-Tafel auf dem Original, dass die Orgel im Jahr 228 nach Christus gestiftet wurde, und zwar durch den Vorsteher der örtlichen Feuerwehr in Budapest, damals hieß es Aquincum in Ungarn, diese Orgel wurde in den 930er Jahren aufgefundenen bei Grabungen und hat sich, gemessen an anderen Orgeln der Antike fantastisch erhalten. Sie hat 52 Pfeifen und vier Register, die man auch koppeln kann, und zwei unterschiedliche Pfeifentypen, die sehr unterschiedlich klingen "

Die Archäologin Susanne Rühling hat diese kleine Orgel, von der viele Teile original erhalten sind, mit Michael Zierenberg rekonstruiert. Sie erklärt, dass die Orgel damals selten in Tempeln genutzt wurde.

"Die Orgel sonst war ein weltliches Instrument. Die hatte mit Kult oder Religion aber überhaupt nichts zu, mehr mit Sportveranstaltungen und da, wo es laut sein musste. Allerdings ein reicher Römer, im Privathaus konnte sich so ein Instrument für die Hausmusik leisten, das wissen wir. Gängig oder bekannt war die Gladiatur, die mit Orgelmusik begleitet, vielleicht wie 'ne Kino-Orgel bei den Stummfilmen, die Gladiatoren kämpfen und man hat eben eine Orgel, die das begleitet."

Gladiatorenkämpfe zu Orgelklängen

Selbst Kaiser Nero soll in die Orgel-Tasten gegriffen haben. Das älteste Exponat der Ausstellung sind drei kleine Zinn-/Blei-Orgelpfeifenfüße vermutlich aus dem 2. Jahrhundert aus dem Römerkastell Saalburg.

Erst im 8. Jahrhundert etwa kam die Orgel als diplomatische Geschenke nach Zentraleuropa. Mönche haben sie weiter entwickelt. Im Gottesdienst erklang sie zunächst - wenn überhaupt - solistisch, erst nach dem 30-jährigen Krieg begleiteten Kirchenorgeln den Gemeindegesang, so Andreas Steinhilber, Orgelsachverständiger der Hansestadt Hamburg.

Italienische Prozessionsorgel von Augustinus Traeri aus dem Jahr 1755 (Georg Ott, Christina Körte)Die Italienische Prozessionsorgel zählt zu den Prunkstücken der Ausstellung (Georg Ott, Christina Körte)

"Die Orgel war immer schon ein Ingenieurswerk, und insofern spiegelt die Orgel in den jeweiligen Zeiten den Stand der Ingenieurskunst und der Entwicklungskunst, und es hat sich viel bewahrt, viele Traditionen sind weiter geführt, werden auch noch in den 170 Orgelbaubetrieben in Deutschland weiter geführt und weiter entwickelt."

Klanglich und baulich – mit Nussbaum und Ebenholz - ist eines der Prunkstücke der Ausstellung eine norditalienische Prozessionsorgel, umgebaut und signiert von Augustinus Traeri 1755, sie wurde aber mit Sicherheit schon im 17. Jahrhundert erbaut.

Die Blasebälge für die nötige Luft wurden hier nicht getreten, sondern mit zwei Seilen gezogen. Die Arbeit dieser " Kalkanten", weiß die Organistin Sylvia Ackermann, die diese Prozessionsorgel gespielt hat, sei eine Kunst.

"Er muss ganz genau schauen, wie viel Luft ist noch drin, wie viel braucht die jetzt, also man kann nicht einfach ziehen, sondern man muss ein echtes Gefühl für den Klang auch haben, sonst fängt es sofort an zu jaulen, oder ich habe keine Luft oder zu viel Luft. Das erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl, und man ist dem Kalkant sozusagen ausgeliefert."

Besucher können eigene Orgel entwerfen

Natürlich fehlt in der Ausstellung "Manufaktur des Klangs. 2000 Jahre Orgelbau und Orgelspiel" auch nicht der Bezug zum 300. Todestag des großen Orgelbauers Arp Schnitger. Aus der Hamburger St. Jacobi-Kirche ist prächtig platziert in der Mitte des Raumes ein nach dem zweiten Weltkrieg gebauter Spieltisch mit fein geschnitzten Registerköpfen prominenter Persönlichkeiten ausgestellt. Zieht man sie, werden die verschiedenen Register aktiviert. Das klingende Material des Instruments von 1693 konnte vor der Bombardierung Hamburgs gerettet werden, der alte Spieltisch verbrannte. Der neue war bis zu einer Restaurierung 1989 in Betrieb. Weitere kleinere und größere Kabinettorgeln oder Orgelpositive aus dem 17. Jahrhundert sind zu sehen.

Und so klingt die Klais-Orgel der Elbphilharmonie. Auf einem riesigen, fast zwei Meter breiten, interaktiven Display kann man sich über ihre Details informieren. Den modernen Orgelbau darzustellen - der mit Industrialisierung im 19. Jahrhundert mit den großen sinfonischen Orgeln in Frankreich einsetzt -, das hat natürlich in einer solchen Ausstellung Grenzen.

Im Museum für Kunst und Gewerbe hat man sich hier auf den Aspekt "Orgel-Design" fokussiert und eine Bildwand spektakulärer Orgel-Neubauten präsentiert. Darunter etwa die futuristische Orgel der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, designed von Architekt Frank Gehry. Aber wer möchte, kann selbst aktiv werden. In einer VR (virtuellen Realität) – Installation sieht man riesige Säle und kann dort selbst eine eigene Orgel entwerfen. 

So ist die Orgel-Schau im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eine hervorragend gelungene Mischung aus rezeptiver Information und eigener Aktivität.

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