Samstag, 23.03.2019
 
StartseiteDie neue PlatteGanz großes Kino26.12.2018

Orgel-KonzeptalbumGanz großes Kino

Konzeptalben im Bereich Orgel gibt es nur selten. Der Organist Christoph Keggenhoff hat jetzt eins unter dem Titel "Calvaire" produziert. Von den beeindruckenden Orgeln im Dom zu Speyer, über die Auswahl der Stücke, bis zum Pink Floyd mäßigen CD-Cover: eine sehr hörenswerte CD!

Am Mikrofon: Niklas Rudolph

Durch eine futuristische Felslandschaft öffnet sich der Blick auf einen blauen Himmel. (Christoph Keggenhoff)
Für das Cover der CD hat Organist Christoph Keggenhoff mit digitalen 3D-Modellen experimentiert. (Christoph Keggenhoff)

Ganz in der Nähe von Mannheim liegt eine der ältesten Städte Deutschlands: Speyer. Speyer war einst römische Siedlung und später eine bedeutende Reichsstadt. Das ist nicht zu übersehen, denn davon zeugt noch heute der Kolossalbau im Stadtzentrum, der mit seiner Fassade aus gelbem und rotem Sandstein das Stadtbild prägt: der Kaiserdom zu Speyer. Von dort stammt die Aufnahme, die ich Ihnen heute vorstellen möchte, denn die Orgel, genauer gesagt, die beiden Orgeln dort, gehören zu den spannendsten Großprojekten der letzten Jahre. 15 Jahre vergingen zwischen Planung und Fertigstellung, bis 2011 die feierliche Einweihung stattfinden konnte. Immer dabei: der Organist Christoph Keggenhoff. Jetzt hat er bei Organum Classics ein sehr hörenswertes Konzeptalbum produziert.

Musik: Bjarne Hersbo, "Le Calvaire à Chitry-les-Mines"

"Calvaire", so heißt dieses neue Konzeptalbum vom Speyrer Organisten Christoph Keggenhoff – ein Titel, pünktlich und passend für die Weihnachtszeit, denn der Kalvarienberg, das ist der Ort, an dem die christliche Erzählung von Auferstehung und Erlösung ihre Erfüllung findet – die Schädelstätte, Golgatha, der Ort an dem Jesus stirbt, um drei Tage später von den Toten zurückzukehren. Sieben Stücke aus zweihundert Jahren hat Keggenhoff um dieses Thema versammelt, Stücke, die sich wie Helmut Vogels "Calvaire" wortwörtlich auf den Ort beziehen oder wie die Ricercare von György Ligeti auf das Gehen eines Weges. Oder solche mit Titel "Chaconne", "Pavane" und "Passacaglia" – Passa en caller, spanisch, auf der Straße gehen. Das jüngste dieser Stücke ist gerade mal fünf Jahre alt. Der dänische Orgelkomponist Bjarne Hersbo, Jahrgang 1946, nennt sein Instrument die "Lungenmaschine Gottes" – die Orgel ist bei ihm sozusagen ein missionarischer Lautsprecher aus dem die Stimme des Schöpfers spricht. Und so klingt auch der Beginn dieses Werks: Die hellen Mixturen fallen hinab in den tiefen Pedalbass.  Aus himmlischen Sphären steigt die Musik herab zu den Sterblichen.

Musik: Bjarne Hersbo, "Le Calvaire à Chitry-les-Mines"

"Le Calvaire à Chitry-les-Mines" von Bjarne Hersbo, eine Brücke zwischen der Grausamkeit von Golgatha und der ersehnten Einlösung eines göttlichen Versprechens. Denn Bjarne Hersbo stellt in seiner Musik dem dissonanten Schädelberg ein friedliches Bild gegenüber: ein Kruzifix am Wegesrand in der französischen Provinz. Christoph Keggenhoff arbeitet die Gegensätze klar heraus. Dissonante, basslastige Harmonien mit beißenden Mixturen unterstützt er durch brutale, knarzende Bässe, wechselt sie ab mit lichten Streicher-Chören, über denen eine Solo-Stimmen schwebt – zusammengesetzt aus Spaltklängen zwischen hohen farbigen Klangfarben und tiefen Holzflöten. Über einem langen Basston ringen die beiden widersprüchlichen Gefühle, schließlich aber kommt das Stück in versöhnlich-erlöstem Dur zum Halt.  

Musik: Bjarne Hersbo, "Le Calvaire à Chitry-les-Mines"

Exzellent und durchsichtig produziert

Die Hauptorgel des Speyerer Doms thront auf einem Stahlgerüst über der Empore, eingebettet von einem großen romanischen Torbogen. Wo Orgeln normalerweise einen zweidimensionalen Prospekt haben, stehen hier die einzelnen Pfeifen-Gruppen aufsteigend hintereinander. Es sieht aus wie Meereswellen an einem stürmischen Nachmittag. Aus 83 Registern kann der Organist wählen, mehr als fünftausend Pfeifen verstecken sich in dem Instrument– die längste davon ist 10 Meter lang und erzeugt einen Bass, den man nicht mehr hört, dafür aber umso kräftiger spürt. Auf der anderen Seite des Kirchenschiffs, ganz in der Nähe des Altars, steht das zweite Instrument. Die Chororgel, schlichter gehalten, passt sich mit Ihrem Gehäuse aus Eichenholz unauffällig in die Sandsteinoptik des Altarraums ein. Auf der CD "Calvaire" lässt Christoph Keggenhoff die fast hundert Meter entfernten Orgeln miteinander sprechen. 

Musik: Eugène Gigout, "Grand choeur dialogué"

"Grand choeur dialogué" von Eugène Gigout, gespielt von Christoph Keggenhoff an der Domorgel in Speyer. Alles dreht sich auf dieser CD "Calvaire" von Christoph Keggenhoff um das Gehen, das Schreiten, den Weg zwischen Kreuzigung und ewigem Leben. Da kommt ein mittelalterlicher Schreittanz gerade recht, besonders wenn er von einem Prominenten wie Maurice Ravel stammt. Und so findet sich auf dem Album auch die beliebte Pavane für eine tote Prinzessin, ein spanischer Tanz, bei dem die Tänzer – so erzählt das Booklet in schönstem Altdeutsch – mit sonderbaren Setzen der Füße ein Rad machen - beinahe wie die Pfauen, wenn sie sich spreizen.

Musik: Maurice Ravel, "Pavane pour une infante défunte"

Beeindruckendes Klangdenkmal

Maurice Ravels Pavane für eine tote Prinzessin, gespielt von Christoph Keggenhoff. "Calvaire" ist für Organist Keggenhoff vor allem ein Heimspiel. Seit 1991 ist er Organist am Dom zu Speyer, seit 2009 auch Vorsitzender der deutschen Orgelsachverständigen. Als solch ein Sachverständiger hatte er die Planung und den Bau der Orgel über 15 Jahre lang eng begleitet. Dass der Dom zu Speyer mit solch vielseitigen Instrumenten gesegnet wurde, das ist vor allem sein Verdienst. Und so fährt er diese Orgeln jetzt auch vor – ganz großes Kino:

Musik: Max Reger, "Introduktion und Passacaglia f-Moll"

Ein Mann sitzt vor den Tasten eines Orgelspieltischs. (Klaus Landry)Organist Christoph Keggenhoff am Spieltisch der großen Orgel im Dom zu Speyer. (Klaus Landry)

Christoph Keggenhoff spielt Introduktion und Passacaglia f-Moll von Max Reger. Die dynamischen Extreme von Max Reger sind eine fantastische Möglichkeit, die dynamischen Möglichkeiten der Orgel am Kaiserdom zu Speyer vorzuführen. Ähnlich verhält es sich mit dem 2. Choral von César Franck. Denn Francks großes Orgelstück ist kein Choral im eigentlichen Sinn, sondern eine Fantasie über zwei Themen, von denen das eine eben ein Choral, das andere aber kontrastreich ist, farbig bis an die Grenzen der romantischen Tonsprache. Innerhalb weniger Takte steigert sich das Thema ins Fortissimo, um schließlich zusammen zu brechen und schwebend – wie begleitet von Streicherteppich und leisen Blechbläsern  - abzuebben. Ein überraschendes, elegisches Ende für so ein detailreiches Stück, das nachdenklich, kontemplativ stimmt.

Musik: César Franck, Choral Nr. 2

CD von Organum Classics erstmal auch für Streaming-Portale

"Calvaire" ist eine Premiere. Mit diesem Konzeptalbum positioniert sich das Label organum Classics zum ersten Mal bei den großen Streaminganbietern, iTunes, Spotify und Co. Auf den großen Plattformen spielt vor allem eine Rolle, wie etwas aussieht. Dafür könnte das Artwork dieses Albums hilfreich sein, das mehr an Pink Floyd als an Orgelmusik denken lässt. Der Künstler Dominik Keggenhoff gestaltete Booklet und Cover der Produktion mit digitalen 3D-Modellen  – schroffe, graue Felsen; durchbrochen von geometrischen Figuren, die strahlen wie der blaue Himmel. Golgatha nicht als realer Ort, sondern als Symbol für das Erinnern, Trauern und Hoffen. Ähnlich verhalte es sich, so der Künstler, mit der Musik. Sie wird interpretiert, inszeniert, wahrgenommen und erzeuge am Ende eine Wirkung, die über die ursprüngliche Absicht des Künstlers hinausgeht. Eine gute Zusammenfassung für diese Produktion, besonders für das Ricercare von György Ligeti. Eine extrem monotone Musik, ohne Effekte und sehr, sehr schulmeisterlich – hier versteckt sich die Angst vor dem Sowjetstaat hinter jeder Note. Nur nicht auffallen, nichts riskieren. 

Musik: György Ligeti, Ricercare

Diese Orgelaufnahme ist exzellent produziert, der Klang ist durchsichtig, auch die tieferen Register sind hör- und spürbar. Es macht Spaß, dem Raumhall beim langsamen Verklingen zuzuhören. Die Große Orgel des Kaiserdoms zu Speyer macht es den Aufnahmeteams allerdings auch leicht. Die Registermischungen sind angenehm, nie wirkt ein Ton schrill oder unfreiwillig knarzend. Gerade das ausgewogene Zusammenspiel der Großen Orgel und der Chororgel sind eine beeindruckende Leistung, sowohl des Orgelbauers Seifert als auch der Produktionsfirma Organum Classics. Aber hinter allem – der Orgel, der Musik, dem Gesamtkonzept – steht Organist Christoph Keggenhoff, der "seiner" Orgel im Kaiserdom zu Speyer mit dieser Produktion ein beeindruckendes Klangdenkmal gesetzt hat.

Calvaire
Werke von Franck, Reger, Ligeti, Hersbo, u.a.
Christoph Keggenhoff, Orgel im Kaiserdom zu Speyer
Organum Classics

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk