Samstag, 04. Dezember 2021

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Orgel und HornWerkentdeckungen mit einem ungewöhnlichen Paar

Wie gut Horn und Orgel in Bearbeitungen und Originalwerken zusammen klingen können zeigt eine neue CD von zwei jungen japanischen Musikern. Ihre Produktion ist zugleich ein persönliches Andenken an die Studienzeit in Deutschland.

Am Mikrofon: Niklas Rudolph | 12.04.2020

Zwei Männer im Anzug stehen in einem Kreuzgang. Der rechte Mann hält ein Horn in den Händen
Kensuke Ohira und Jo Kishigami präsentieren auf "De Profundis" vieseitige Klänge (Organumclassics)
Musik: Pavane pour une infante défunte
Horn und Orgel sind die beiden Instrumente, denen das Label organum classics diese neue Produktion widmet. Ganz organisch ergänzt sich der Klang der beiden Instrumente, hier in Maurice Ravels "Pavane". Als Ort für die Aufnahme haben die beiden Künstler die St. Martin-Kirche in Memmingen gewählt. Eine gute Wahl, denn der hallige Klang kittet die beiden Instrumente mit warmen Texturen aneinander. Jo Kishigami, Horn und Kensuke Ohira, Orgel, heißen die beiden Musiker, die eine ganzes Album mit Bearbeitungen, aber vor allem vielen Eigenkompositionen für diese seltene Kombination aufgenommen haben.
Musik: Pavane pour une infante défunte
Einen schöneren Grund für eine CD-Produktion kann man sich gar nicht ausdenken: Der japanische Hornist Jo Kishigami wollte sich mit diesem Album ein Andenken an seine Zeit in Deutschland bewahren. Er möchte, so schreibt er im Booklet der CD, die inspirierenden Stille und Weite der Klangräume, die er in deutschen Kirchen kennen- und wertschätzen lernte, nach Japan mitnehmen. Ähnlich geht es seinem Partner, dem Organisten Kensuke Ohira. Erst beim Musikstudium in Deutschland haben sich die beiden kennengelernt.
Organist Kensuke Ohira hatte zunächst bei Masaaki Suzuki in Tokyo studiert, bevor er seine Studien in München abschloss. Ein Praktikum bei Organist Kay Johanssen an der Stuttgarter Stiftskirche brachte ihm dort im Mai 2018 eine Stelle als Organist ein. Und von ebendiesem Kay Johanssen findet sich auch ein Stück auf dieser CD. 2016 entstand es aus einer Konzertimprovisation heraus, Johannsen schrieb die Noten auf und nannte seine Komposition "Sunrise", Sonnenaufgang.
Von feinen Sonnenstrahlen bis zum vollen Orgelklang
Wie frischer Morgennebel eröffnen schwebende Klänge das Stück, die Orgel spielt so leise wie möglich. Über sechs Minuten steigert sich die Dynamik ins gewaltige Forte und ein donnernder 32-Fuß-Bass lässt die Empore der Memminger Martins-Kirche erzittern.
Musik: Kay Johanssen – Sunrise
Fortefortissimo in Kay Johanssens "Sunrise" aus dem Jahr 2016. "De Profundis" heißt diese neue CD von Hornist Jo Kishigami und Organist Kensuke Ohira. "De Profundis" - aus der Tiefe - ist auch eine Komposition des US-amerikanischen Komponisten Gardner Read. 1946 verarbeitete er die Melodie des gleichnamigen gregorianischen Chorals zu einer beeindruckenden Komposition für Orgel und Horn, die sich auch ohne den Psalm-Text direkten Zugang zum Unterbewusstsein der Zuhörer*innen verschafft.
Am Anfang muss Jo Kishigami dabei sein Horn noch mit einem Schalldämpfer zurücknehmen, im weiteren Verlauf deklamiert er dann die Psalmodie und lässt der Spiritualität dieser Musik freien Lauf. Im Dialog mit spitzen Zungenstimmen der Orgel hebt sich das Horn ab und zeigt die unterschiedlichen Klangwelten der beiden Instrumente. Jo Kishigami spielt sein Horn ganz romantisch, gebunden und effektvoll. Kensuke Ohira legt Wert auf ein klares Metrumund eine klangliche Transparenz, selbst wenn die Orgel mit allen verfügbaren Registern wütet.
Musik: Gardner Read – De Profundis, op. 71
Es macht Spaß auf dieser CD Stücke für die seltene Instrumentenkombination von Orgel und Horn zu entdecken. Komponisten wie Gardner Read, Gaston Litaize oder Bernhard Krol, der von 1945 bis 62 Hornist bei den Berliner Philharmonikern war, haben für diese Kombination komponiert. Eine echte Entdeckungsreise; z.B. mit Bernhard Krols Missa Muta, einer "stillen Messe" aus dem Jahr 1976.
Musik: Bernhard Krol – Missa Muta. Fünf Miniaturen für Horn und Orgel op. 55
Diese "Fünf Miniaturen für Horn und Orgel" bezeichnet das Booklet geradeheraus als "spirituellen Impressionismus". Jo Kishigami zieht weite Bögen und verhandelt auf einem Atemzug die ganze Mystik der christlichen Spiritualität. Dazu stellt sich Organist Kensuke Ohiras unaufgeregtes Spiel ganz in den Dienst der Werke und seines Solo-Partners. Gleichzeitig aber manövriert er, wie hier in Gaston Lizaies "Tryptique" mit den hochromantischen Möglichkeiten der Goll-Orgel mit Fingerspitzengefühl um jeden Kitsch herum.
Musik: Camille Saint-Saëns – Andante für Horn und Orgel in Es-Dur
Anregung zu noch anderen Kombinationen mit Orgel
Das Album "De Profundis" ist auch auf den großen Streaming-Plattformen zu finden. Sogar für YouTube haben die Künstler bei den Aufnahmen in Memmingen mitgefilmt. Eine bleibende Erfahrung für die beiden Instrumentalisten. Denn in Japan kannte Organist Kensuke Ohira sein Instrument nur aus der Universität oder dem Konzertsaal. Dass er jetzt in einer Kirche üben und arbeiten würde, ist für ihn eine wertvolle Erfahrung. Diesen Segen kann er an der Stuttgarter Stiftskirche noch eine Weile genießen, bevor er wieder nach Japan zurückkehren wird. Hoffentlich erscheinen von ihm bis dahin noch weitere Aufnahmen.
Musik: Camille Saint-Saëns – Andante für Horn und Orgel in Es-Dur
Zum Schluss sei die CD "De Profundis" von Jo Kishigami, Horn, und Kensuke Ohira, Orgel noch einmal wärmstens empfohlen. Und hoffentlich fühlen sich weitere spannende Instrumentenkombinationen angesprochen, ihren Entdeckungen ebenfalls eine Aufnahme zu widmen.
De Profundis
Kensuke Ohira, Orgel
Jo Kishigami, Horn
organum classics