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Ornithologie
Stieglitz ist Vogel des Jahres

Anpassungsfähig, unverwechselbar und doch irgendwie ein Allerweltsvogel: Der Stieglitz ist der Vogel des Jahres 2016. Er sei ein wichtiger Botschafter der Artenvielfalt, begründeten der Naturschutzbund Deutschland und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern ihre Wahl. Doch trotz seiner Anpassungsfähigkeit sehen die Experten den Stieglitz in Gefahr.

Von Dieter Nürnberger | 09.10.2015

Ein Stieglitz (Carduelis carduelis), auch Distelfink genannt, im Flug.
Der Stieglitz ist Vogel des Jahres 2016. (imago/blickwinkel)
Für die Auslober ist der Vogel des Jahres 2016 ein Botschafter der Vielfalt. So umschreiben der Naturschutzbund Deutschland und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern ihre Wahl. Ein Botschafter für mehr Artenvielfalt in Agrarräumen und Siedlungsgebieten. Gleichzeitig gehört der Stieglitz zu den buntesten und beliebtesten Exemplaren der heimischen Vogelwelt. Christiane Geidel ist Biologin und Vogelexpertin beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern. Ihre Laudatio betont vor allem die äußerliche Unverwechselbarkeit des Preisträgers:
"Der Stieglitz zeichnet sich durch einen schwarz-weißen Kopf aus - mit einer eindeutigen roten, fast blutroten Gesichtsmaske. Dadurch kann man ihn auch kaum verwechseln. An den schwarzen Flügeln hat er zudem eine breite, leuchtend gelbe Binde. Wenn er fliegt, leuchtet er sozusagen. Man kann ihn wirklich gut erkennen.
Das sind Schwarmvögel, sie sind quirlig und stets zu mehreren unterwegs. Man kann sie sowohl im Garten beobachten, als auch in der Stadt oder der freien Landschaft."
Ein besonders schöner Allerweltsvogel
Die Vogelexpertin fügt sogar hinzu, dass der Stieglitz hierzulande ein Allerweltsvogel sei - wenn auch ein besonders schöner. Allerweltsvogel, weil er fast überall anzutreffen ist. Der Stieglitz sei zudem ein europäischer Vogel, der bis auf den kühleren Norden des Kontinents fast überall verbreitet ist.
Er ernährt sich von samenreichen Kräutern oder auch von reifen Samen zahlreicher Stauden, Gräser und Bäume. Und natürlich auch von unterschiedlichen Distelarten, weshalb er den Zweitnamen Distelfink trägt. Für den Naturschutzbund und den bayerischen Landesbund für Vogelschutz ist jedoch die traditionelle Nahrungsaufnahme des Stieglitzes ein Grund zur Besorgnis. Die Populationen gehen seit Jahren zurück, vor allem mache ihm eine immer intensivere landwirtschaftliche Nutzung zu schaffen. LBV-Expertin Christiane Geidel:
"Leider ist es so, dass blütenreiche Wegränder, Ackerraine und Waldränder immer mehr zurückgehen und verschwinden. In der Landwirtschaft sind sie teilweise auch nicht gewollt. Dadurch wird dem Stieglitz die Nahrungsgrundlage entzogen. Seit 1990 hat der Bestand in Deutschland um 48 Prozent abgenommen. Das ist bei einem Allerweltsvogel, den jeder mag und kennt, durchaus dramatisch."
Vom Land in die Stadt
Knapp 60 Prozent des bundesweiten Bestandes findet sich heute in Siedlungsräumen, die restlichen 40 Prozent in traditionellen Agrargebieten. Auch Dörfer und Städte gehören inzwischen zum Rückzugsraum. Die bunten Finken bewohnen längst auch Parks oder Gärten. In größeren Städten können es auch baumbestandene Schulhöfe oder brachliegende Industrieflächen sein. Der Mensch als guter Nachbar kann daher einiges zum Fortbestand des Stieglitzes beitragen:
"Der Stieglitz frisst beispielsweise Löwenzahnsamen gern, das gehört ja zu den ersten blühenden Wiesenpflanzen im Jahr. Es gibt in den Gärten viele Stieglitze, hier spielen Basilikum oder Lavendel eine wichtige Rolle. Das sind Gelegenheiten zur Ernährung für den Stieglitz. "
Und im Winter bedient sich der Vogel des Jahres auch gern an den Futterhäuschen zahlreicher Vogelfreunde. Natürlich könne auch die Politik einen Beitrag leisten, sagt Christiane Geidel.
"Wir wünschen uns ein Umdenken in den Köpfen, was die Landbewirtschaftung angeht. Dass quasi nicht jeder Quadratmeter immer bis zum Letzten ausgepflegt ausgeräumt und sozusagen klinisch sauber gehalten wird. Dass blühende Ränder und Ackerstreifen erhalten werden. Sodass einfach eine Nahrungsgrundlage da ist, die der Stieglitz auch in der freien Landschaft - unabhängig von unseren Gärten - nutzen kann."
Lebensräume schützen
Überregional könne nur eine Reform der bestehenden EU-Agrarrichtlinien und der Förderinstrumente die fortschreitende Flurbereinigung in der Agrarlandschaft stoppen, so der Landesbund für Vogelschutz. Auch temporäre Flächenstilllegungen würden helfen, die Artenvielfalt und somit auch die Lebensgrundlagen des Vogels des Jahres 2016 zu erhalten.