Sonntag, 29. Mai 2022

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Oscar-Anwärter Marcel Mettelsiefen
"Man sitzt dann neben einem Weltstar"

Mit seiner ergreifenden Kurzdoku "Watani: My Homeland" über eine syrische Familie im Bürgerkrieg ist Marcel Mettelsiefen für einen Oscar nominiert. Ohne große Produktionsfirma im Rücken, wie er im DLF sagte. Er glaubt, die Preisverleihung könne sehr politisch werden. Die in seinem Film porträtierte Mutter jedenfalls wäre bei US-Präsident Donald Trump nicht willkommen.

Marcel Mettelsiefen im Gespräch mit Sigrid Fischer | 08.02.2017

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Der Filmemacher Marcel Mettelsiefen am 22.10.2013 im WDR-Fernsehstudio (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)
Sigrid Fischer: Ja, guten Morgen! Herr Mettelsiefen, die Oscars gibt es ja erst in drei Wochen – was haben Sie da jetzt schon zu tun?
Marcel Mettelsiefen: Das stimmt, drei Wochen ist es noch hin. Wir waren eingeladen zu dem sogenannten "Nominees Luncheon", das ist ein Lunch, ein Mittagessen nur mit jedem einzelnen Nominierten aus jeder einzelnen Kategorie, sprich es waren – ich weiß nicht wie viele es insgesamt sind –, aber mehr so ein paar hundert, die unter sich mal genau das fühlen sollten, was sie sicherlich in drei Wochen dann nicht so festlich fühlen können, nämlich dann wird es sehr aufregend. So gab es die Möglichkeit, sich auszutauschen, sich kennenzulernen. Man sitzt dann neben einem Weltstar und hat das Gefühl, man gehört dazu.
Fischer: Ja, das heißt, Sie haben mit Meryl Streep gestern zu Abend gegessen, mit Denzel Washington und so weiter.
Mettelsiefen: Genau. Nicht direkt an meinem Tisch, –
Fischer: Im Raum.
Mettelsiefen: – aber einen Tisch daneben saßen Denzel Washington und Ryan Gosling. Genau.
Fischer: Und Ryan Gosling natürlich, ach du liebe Zeit. Aber ist es mehr, also bringt es dann auch vielleicht im Hinblick auf den Oscar-Gewinn am Ende noch mal irgendwas? Man weiß ja, da ist so einiges im Gange, man muss werben, man gibt Geld aus, da werden ja auch Juroren mit Geschenken bedacht. Oder ist es wirklich dieser Abend jetzt nur, och, toller Abend?
"Sich selber einen Tick feiern"
Mettelsiefen: Ich glaube, dieser Abend ist dann wirklich dafür, dass man spürt, dass man sich selber einen Tick feiert, aber das, was Sie gerade sagen, dieses Marketing, was ein sehr, sehr großer Teil – ohne den geht es leider nicht –, das findet drum herum statt, das findet die Tage davor statt, das findet jetzt die nächsten paar kommenden Tage statt. Die Juroren, das sind die gesamte Academy, ungefähr 7.000 Academy Members, die werden vom 13. Februar bis zum Ende, ich glaube, 21. Februar die Möglichkeit haben, ihre letzten Stimmen zu geben für die einzelnen Kategorien, wer gewinnen soll. Und dafür muss man natürlich so viel Werbung machen wie möglich, in der Hoffnung, dass man dann derjenige ist, der oben auf der Bühne stehen kann und sich den Preis abholt.
Fischer: Also gewinnt es derjenige, der das meiste Geld dafür zur Verfügung hat oder der beste Film?
Mettelsiefen: Ich glaube, das ist natürlich die große Frage, und jeder hat so seine eigene Theorie. In meiner Kategorie ist es so ein bisschen die schwierigste Kategorie, der Kurzdokumentarfilm – es ist sehr politisch diesmal, es gibt drei Filme zum Thema Syrien und Flüchtlinge, es gibt die Weißhelme, die mit Netflix als Produktionsfirma natürlich über unendlich viel Mittel verfügt, große Anzeigentafeln zu schalten, Kontakte auch hat zu den einzelnen Journalisten, und wenn dann ... Ich bin da so ein bisschen als Underdog dennoch so, dass man jetzt sehr viel über den Film spricht. Man hat gemerkt, dass es ein Film ist, der über drei Jahre lang gefilmt wurde. Und das ist eine sehr emotionale Geschichte, erzählt die Geschichte einer Mutter, gerade im Zeichen von einem Travel Ban von Trump, wo die Mutter, die eigentlich mitkommen sollte für die Oscarverleihung, droht, nicht mitkommen zu können, wurde es plötzlich zum Thema. Der Film wird wahrgenommen, der Film wird sehr gemocht. Insofern, ja, mehr kann ich nicht tun. Und der Rest ist Hoffnung und Fiebern.
Fischer: Warum sagen Sie, Sie sind der Underdog? Weil Sie aus Deutschland kommen?
Mettelsiefen: Nee, weil ich keine große Produktionsfirma dahinter habe.
Fischer: Okay.
Mettelsiefen: Und mittlerweile sind sehr viele Produktionsfirmen, die neuen, gerade diese neuen Plattformen wie Amazon und Netflix, das sind die großen Player, die haben die Mittel. Die wollen einen Oscar haben, und die Filme, die sie produzieren, die sie selber sozusagen ... für die sie werben, da wird sehr viel Geld ausgegeben.
Fischer: Sie sagten es gerade: Die Familie, über die Sie diesen Film ... mit der Sie diesen Film gedreht haben, würde zur Oscarverleihung am 26. sicher gerne auch in Los Angeles sein. Oder Sie hätten die gerne dabei. Also Sie gehen davon aus, dass einreisetechnisch nicht möglich sein wird oder zu riskant sein wird?
"Mutter verfügt über ein gültiges Reise-USA-Visum"
Mettelsiefen: Momentan sieht es so aus als würde die Mutter mitkommen können. Ich werde nicht die gesamte Familie mitnehmen können. Die Mutter verfügt über ein gültiges Reise-USA-Visum. Ich war mit ihr vor einer Woche in New York, ein paar Tage, bevor die Reisebeschränkungen ausgesprochen wurden. Jetzt sieht es so aus, als würde sie mitkommen können. Insofern ist es ein gemischtes Gefühl bei ihr.
Fischer: Wie erleben Sie denn überhaupt die Stimmung vor Ort, ich meine jetzt wirklich in der Filmgemeinde im Angesicht dieser neuen Präsidentschaft in Washington? Ich nehme an, das war vielleicht sogar gestern Abend beim Dinner mal Thema?
Mettelsiefen: Ich glaube, es gibt keine einzige Diskussion, kein einziges Gespräch, was man gerade führt, wo Trump kein Thema ist. Man bezieht Position. Es ist eine Bewegung entstanden, die so, glaube ich, seit den 70er-Jahren, den Anti-Vietnam-Demonstrationen ... so eine Bewegung gab es lange nicht mehr in den USA. Und das ist ermutigend. Ich glaube, jeder Einzelne weiß um die Bedeutung der eigenen Stimme, gerade wenn man bekannt ist. Und diese Stimme wird genutzt.
Fischer: Das heißt, falls Sie eine Dankesrede halten müssen, könnten Sie auch sich da irgendwie äußern, gerade bei dem Film, den Sie gedreht haben.
Mettelsiefen: Oder sagen wir es mal anders herum: Ich glaube, dadurch, dass es gerade zur politischen Plattform werden kann, ist ein Statement auf der Bühne sicherlich auch genauso und vielleicht sogar noch wirksamer, als es zu boykottieren. Insofern ja, der eine oder andere Gedanke, was man da vielleicht sagen sollte, ist mir schon durch den Kopf gegangen.
Fischer: Dieses Fotografieren oder auch Drehen in Kriegs- und Krisengebieten machen Sie lange schon. Das ist ja gefährlich. Und man fragt sich immer bei Leuten wie Ihnen, warum machen Sie das, was gibt Ihnen das auch, weil nur Selbstaufopferung kann das nicht sein.
"Selbstaufopferung ist nicht mein Grund"
Mettelsiefen: Ja, Selbstaufopferung ist, glaube ich, ein interessanter Grund, bisher auf jeden Fall nicht meiner. Ich habe angefangen, in Syrien zu arbeiten 2011. Ich kannte das Land von davor. Ich bin in ein Syrien gegangen, wo Demonstrationen friedlich auf der Straße abgingen. Und diese 28 Mal, die ich in Syrien war über 2011 bis 2014, konnte ich dann vor meinen Augen an dem einzelnen Menschen, die ich auf meinen Reisen getroffen habe, konnte ich merken, konnte ich ablesen, wie sich das radikalisierte. Insofern war das eine ... fühlte ich mich privilegiert, Geschichte vor meinen Augen sozusagen sich entwickeln zu sehen. Und logischerweise ist dann immer die Abwägung, wie weit kann man sich das noch trauen und ab wann wird es zu gefährlich. 2014, als James Foley gestorben ist, war für mich ganz klar, ich kann da nicht mehr rein oder beziehungsweise wenn ich reingehe, komme ich nicht wieder raus. Insofern seitdem war ich auch nicht mehr drin.
Fischer: Sie waren da ja sehr – man hat diesen Begriff seit dem Irakkrieg – embedded in dieser Familie sozusagen, über die Sie drehen.
Mettelsiefen: Ja.
Fischer: Sie wählen die emotionale, die persönliche Ebene, wie Sie ja sagen, in dieser Familie. Ist man noch objektiv genug als Beobachter auch in so einem Konflikt, den ja keiner so richtig – Sie vielleicht auch nicht – einordnen und richtig verstehen kann?
Mettelsiefen: Absolut richtig. Es ist sehr, sehr schwierig, glaube ich, über drei Jahre lang sich nicht mit einer Sache gemein zu machen, etwas, was man als Journalist tunlichst versuchen sollte, zu vermeiden. Ich glaube aber, man sollte dann noch unterscheiden, was man für ... ob man Nachrichten produziert oder ob man die Geschichte erzählt, eine emotionale Geschichte einer emotionalen Reise von Menschen, die eine schwierige Entscheidung treffen müssen. Logischerweise wird man Teil davon, wird man Teil von dieser Familie. Man kann nicht außenstehend gucken und beobachten und sagen, jetzt macht mal, ich werde mal gucken, wie ihr leidet, und filme das. Nein, man ist dann zweigeteilt als derjenige, der man da ist, um zuzuhören, um in Arm zu nehmen, um Teil der Familie zu werden. Und dann derjenige, der für sich selber entscheiden muss, wann ist der richtige Moment, um zu filmen, weil ich will ja eigentlich einen Film machen. Das ist ein Spagat, der wehtut, der jetzt Gott sei Dank vorbei ist. Und insofern, ich bin nach wie vor sehr eng mit der Familie in Kontakt und muss nicht die ganze Zeit mich rechtfertigen, das will ich jetzt auch noch filmen.
Fischer: Marcel Mettelsiefen ist mit seinem Dokumentarfilm "Watani: My Homeland", nominiert für den Oscar in der Kategorie Kurzdokumentation. Dann wünschen wir Ihnen viel Erfolg am 26. bei dem –
Mettelsiefen: Vielen Dank!
Fischer: – echten Oscar-Dinner dann, hoffentlich mit Statue in der Hand, und eine längere Version, nicht dieses Films, aber des Themas, in dem auch diese Familie vorkommt, ist noch zu sehen bis Mitte Mai in der Mediathek bei ZDFneo, "Das Schicksal der Kinder von Aleppo", unter diesem Titel. Vielen Dank für das Gespräch!
Mettelsiefen: Vielen Dank Ihnen!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.