Freitag, 12. August 2022

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"Oshi-Deutsch - Die DDR-Kinder von Namibia" am Theater Osnabrück     
Von Namibia in die ostdeutsche Provinz

Vor 30 Jahren wurden Kinder aus Namibia in die DDR umgesiedelt, um sie einerseits vor der Bürgerkriegswirren in ihrer Heimat zu schützen und sie gleichzeitig auf den Befreiungskampf vorzubereiten. Was die Kinder in der DDR erwartete und wie sich ihre Rückkehr gestaltete, haben Sandy Rudd und Gernot Grünewald Osnabrück auf die Bühne gebracht - mit den Kindern der damaligen Exilanten.

Von Michael Laages | 30.05.2016

    Fünf dunkelhäutige Kinder in roten und blauen Trainingsanzügen stehen in einer Gruppe zusammen und machen den DDR-Pioniergruß mit einer Hand an der Stirn.
    Die Darsteller von "Oshi-Deutsch" in Osnabrück: Darsteller Shakira Ntakirutimana, Mbitjita Tjozongoro, Sabrina Kaulinge, Adam Eiseb, Gia Shivute (v.l.) (Uwe Lewandowski/Theater Osnabrück/dpa)
    Den wirklich bewegendsten Moment heben sich Sandy Rudd und Gernot Grünewald auf für den Schluss. Denn wer hat sich nicht gefragt zuvor, woher wohl die halbwüchsigen Jungs und Mädchen stammen auf der Bühne? Das Geschehen liegt ja drei Jahrzehnte zurück, "authentisch" also können sie nicht sein. Dann wird das kleine Rätsel gelöst - die Geschichten der eigenen Eltern erzählen die Kinder; eine der Mütter stürmt schließlich mit auf die Bühne. Und plötzlich steht das Flüchtlingsdrama von damals allen klar vor Augen.
    "Durch die Maßnahme der Einrichtung eines Kinderheimes für namibische Vorschulkinder sollen die Kinder aus der Reichweite des ständigen Bombardements durch das rassistische Regime in Südafrika gebracht werden und bereits im frühen Stadium ihrer Entwicklung mit den Errungenschaften eines sozialistischen Staates vertraut gemacht werden."
    Ob es den kleinen namibische Exilanten im Schul- und Vorschulalter damals wohl genützt hat und gut bekommen ist, dass sie nicht nur gerettet waren vor Elend, Krieg und Tod in jenem fernen, fremden Land, das DDR hieß, sondern dass sie irgendwie immer auch in Habacht-Stellung bleiben mussten für den Kampf, der zu Hause auf sie wartete?
    Nach 1989 wurde ihnen feindseliger begegnet
    In jedem Fall blieben die Kinder letztlich unter sich; im Jagdschloss Bellin bei Güstrow und in der Staßfurter "Schule der Freundschaft" gab’s naturgemäß nicht eben viele Chancen, ohne strengen Drill ins Leben zu starten. Und als die Zeit im kalten, weißen Norden der zivilisierten Welt zu Ende war, wirkten Schülerinnen und Schüler wie auch die mit ihnen importierten Betreuer und Lehrkräfte sehr verloren in der Fremde:
    "1989 fing das ja an - dass die DDR-Bürger sich uns gegenüber anders benommen haben, uns gezeigt haben, dass wir Ausländer sind."
    Derweil ist aus Oshivambo, wie man es in Namibia spricht und Deutsch, "Oshi-Deutsch" geworden. Spürbar ist der Abend zweigeteilt - Gernot Grünewald hat den ersten Teil gestaltet, er montiert aus Pionierliedern und Zeitzeugen-Statements die Atmosphäre in den Internaten. Der Regisseur hat Erfahrung - im vorigen Oktober erarbeitete er das fabelhafte "Ankommen"-Projekt am Hamburger Thalia-Theater, in dem das Publikum im direkten Gegenüber Auge in Auge jenen unbegleiteten Flüchtlingen begegnet, die der Politik inzwischen viel zu teuer sind. Diese extreme Nähe fehlt in Osnabrück; wäre wohl auch kaum zu bewerkstelligen. Aber spürbar werden, deutlich benannt oder unausgesprochen, die latenten Ungleichgewichte im gegenseitigen Verstehen, speziell zwischen deutschen Erziehern und Geflüchteten.
    Die paramilitärische Ausbildung ist hier eine Art Klammer; die "Im Gleichschritt marsch!"-Kommandos sind die gleichen in Namibia und der DDR. Und es ist auch nie genug Kraft und Mut im Spiel, um wirklich aufeinander zuzugehen; vor allem außerhalb der Internate, in der überschaubar-begrenzten Welt kleiner Städte in der Provinz.
    Rückkehr in die Heimat ist nicht weniger fundamental als die Umsiedlung
    Sandy Rudd, die in den Ländern des südlichen Afrika selbst arbeitende Theatermacherin und Initiatorin des Projektes, hat den zweiten Teil eingerichtet - die Zeit nach dem Ende des Projektes, die das Ankommens der herangewachsenen Kinder wieder daheim auf dem Flugplatz in Windhoek, von wo aus sie verteilt werden auf die Regionen, aus denen sie einst gekommen waren.
    Oft fallen sie dann wieder ins Nirgendwo - denn viel ist nicht so geblieben, wie es früher war; falls sich die ehedem ja sehr kleinen Kinder überhaupt erinnern. Die erste Herausforderung in der deutschen Fremde haben sie bestanden - jetzt folgt die nächste. Sie ist nicht weniger fundamental.
    Voll Sympathie folgt das Osnabrücker Publikum der Recherche; und wird sich gewiss ganz eigene Gedanken machen über den Alltag gegenwärtiger Kinder-Flüchtlinge in der allernächsten Nachbarschaft. Die besonderen Herausforderungen für das namibisch-deutsch-gemischte Ensemble stehen aber noch bevor - eine Gastspiel-Serie in Namibia, weil das Goethe-Institut wie das "College of the Arts" in Windhoek zu den Förderern des Projektes gehören; zuvor aber an den Orten des Geschehens: in Staßfurt, in Güstrow.
    In Oshi-Deutschland eben.