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Osmin außer Rand und Band

Beim größten Orchestertreffen der Welt, dem Lucerne Festival in der Schweiz, hat man früher ganz auf sinfonische Musik gesetzt. Nun will Intendant Michael Haefliger auch Opern herausbringen und sich mit Salzburg und Bayreuth messen. Um den neuen Anspruch zu unterstreichen, hat man dieses Jahr Joachim Schlömer nach Luzern eingeladen. Am Sonntagabend hatte dort seine Deutung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" Premiere.

Jörn Florian Fuchs im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske |
    Doris Schäfer-Noske: Frage an meinen Kollegen Jörn Florian Fuchs, Herr Fuchs, Joachim Schlömer hat geschrieben, ihn interessiere die Entführung aus Sicht der Entführten. Jan Philipp Reemtsma wird da zitiert. Wie passt das denn mit Mozarts Oper zusammen?

    Jörn Florian Fuchs: Der Joachim Schlömer versteht dieses deutsche Singspiel als ein Gewaltstück und als ein Seelendrama. Es ist so, dass der Bassa Selim, der den Abend über unsichtbar bleibt, dass der alle Protagonisten gefangen hält. Das wird zum Teil sehr drastisch dargestellt, in dem die mit Seilen irgendwo und Ketten an große Container angekettet, angebunden sind. Und auf der anderen Seite ist dieses Mozartpersonal auch sich selbst immer wieder ein Gegner. Das heißt, es wird sehr viel zwischen den Personen gearbeitet und gezeigt, wie dort die Beziehungen sind, die meistens eher negativ ablaufen.

    Schäfer-Noske: Joachim Schlömer selbst kommt ja vom Tanz her. Wie schlägt sich das in seiner Inszenierung nieder?

    Fuchs: Zunächst mal ist jeder Akteur, jeder Sänger ist gedoppelt mit einem Tänzer beziehungsweise einer Tänzerin, und da ergeben sich auch eine Reihe von Möglichkeiten. Das heißt, dass die Figuren sozusagen aufgespalten sind, dass das tanzende Ich mit dem singenden Ich korrespondiert oder dass der Sänger gerade so eine Liebesarie singt und der Tänzer macht dazu sehr extreme Bewegung, versucht das konterkarieren. Das ist ein Raum im Übrigen aus sehr großen Schränken, ist der bestehend und darüber und daneben sind Spiegel, sodass man sieht, was auch zwischen diesen Schränken passiert. Und in diesen Schränken passiert einiges. Es gibt Aktionen, dass Leute eingesperrt werden. Es gibt sogar drei Schränke, die mit Wasser vollgelaufen sind. Da ist dann so eine Art Folterszene. Minutenlang müssen dann drei dieser Akteure in diesen Wasserbassins ausharren. Man sieht immer nur die Luftblasen, die da noch rauskommen. Insgesamt also eine Inszenierung, die eher das Negative und das Gewalttätige hervorholt. Und da einen Kontrapunkt zu der doch sehr schönen, eben der Singspielmusik von Mozart bietet.

    Schäfer-Noske: Welche vergleichbaren Interpretationen gab es denn in letzter Zeit, die eher weggegangen sind von diesem Haremszauber?

    Fuchs: Wenn man den großen Skandal von Stefan Herheim in Salzburg zum Beispiel nimmt, wo ja auch der Bassa Selim nicht vorkam, das war auch alles sehr experimentell gemacht, dann ist das sicher ein Vergleichspunkt. Wobei das Interessante bei Schlömer ist, dass wir diese Verdoppelung haben, dass wir auch einen konkreten politischen Anspruch haben, zum Beispiel dann eine Frau, die in einem riesigen schwarzen Schleier tanzt, versucht sich zu befreien und ein Mann sorgt immer wieder dafür, dass sie wieder verschleiert wird, sich da wieder in diese Stoffbahnen einbinden muss. In diesen Szenen ist diese Aufführung stark, allerdings hat er leider das übliche Problem, was in den letzten Inszenierungen auch immer schon bei Schlömer auftauchte, nämlich dieses Überassoziieren und dieses völlige Mäandern, dass bestimmte Ideen, bestimmte Konstellationen auf der Bühne einfach nicht richtig zuzuordnen sind. Dort tanzt zum Beispiel der Osmin dann auf einem Teppich und das ist mal ernst, mal ironisch und dann weiß man nicht ganz genau, wie ist es gemeint. Ist das schon eine politische Anspielung? Hat das was zu tun mit dem Islam oder passiert das einfach nur so auf der Bühne, ohne weiteren Sinn? Und es gibt neben der Mozartmusik an diesem Abend eine vorwiegend düstere Klangkulisse, denn die Texte von Bassa Selim und auch alle anderen Sprechtexte werden original nach der alten Vorlage rezitiert von einer Schauspielerin und hinzu kommen so ein paar modernere Einsprengsel. Und wenn sie spricht, dann kommt eine sehr düstere Klangkulisse, eine eigens improvisierte Musik, eine eingespielte Musik. Wir haben also auf der einen Seite die Musik von Mozart, die schon komplett gespielt wird vom Freiburger Barockorchester. Aber dieses Orchester improvisiert immer wieder an einigen Stellen. Und die Texte dieses Stücks werden komplett gelesen von dieser Sprecherin. Aber auch dazu gibt es Improvisationen, meistens eine sehr hektische Musik.

    Schäfer-Noske: Luzern will ja jetzt verstärkt auch Oper machen. Ist das denn ein guter Plan, oder läuft man da Gefahr sich zu verzetteln?

    Fuchs: Na ja, um den anderen großen Häusern und den Festivals Konkurrenz machen zu wollen, muss man natürlich sich dem Musiktheater widmen. Ich denke, dass ein Anfang gemacht ist. Und die Pläne sind insofern, denke ich, vernünftig, weil man ja gerade hier bei dem Festival und in der Schweiz überhaupt sehr viel Sponsoren hat, die bereit sind, da zu zahlen, die öffentliche Hand, die gibt ja nur einen ganz, ganz kleinen Teil an Geldern für dieses Festival. Und die Pläne sind insofern auch schon relativ weit, indem man den Platz hat. Es soll beim Verkehrshaus sein, in der Nähe von Lucerne, so fünf Minuten mit dem Schiff oder fünf Minuten mit dem Bus entfernt. Da kommt der Salle Modulable, wo man dann eben vor allen Dingen neue Musik und Oper spielt und sehr viel auch mit Multimedia arbeiten möchte. 2013 soll das eröffnet werden.

    Schäfer-Noske: Jörn Florian Fuchs war das über Joachim Schlömers "Entführung aus dem Serail" beim Lucerner Festivial.

    www.lucernefestival.ch