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StartseiteGesichter EuropasOsteuropäer in Berlin10.11.2007

Osteuropäer in Berlin

Erinnerung an den Fall der Mauer

"Berlin lernt Polnisch und Russisch", diagnostiziert der Historiker Karl Schlögel. Und sieht die Metropole als große "Ost-West-Karawanserei". Mit dem Mauerfall vor 18 Jahren wurde Berlin - je nach Blickwinkel - zur östlichsten Stadt des Westens oder zur westlichsten des Ostens.

Mit Reportagen von Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster

Ein Teilstück der Mauer in Berlin, aufgenommen 1978. (AP)
Ein Teilstück der Mauer in Berlin, aufgenommen 1978. (AP)

Ein polnischer Architekt auf der Transitstrecke nach West-Berlin, am 9. November 1989:

"Vor uns fuhr ein Trabant Kombi, da waren etliche Jugendliche drin. Und auf einmal drehte sich ein Mädchen, krabbelte nach hinten und zog langsam das DDR-Abzeichen ab von der Scheibe. Umd da merkte ich, das ist das Ende, da ist etwas nicht in Ordnung."

Und ein ungarischer Dissident und Autor, den es nach Berlin zog:

"Ich bin priviligiert, weil ich in Berlin lebe, weil ich ein ungarischer Autor bin, der nicht auf das Honorar der ungarischen Verlage angewiesen ist, was ich niemandem wünsche. Und ich bin ein ungarischer ehemaliger Dissident, der nicht auf die Dankbarkeit der demokratischen Regierung angewiesen ist, was ich auch niemandem wünschen würde."

"Geschichte findet nicht im luftleeren Raum statt. Geschichte hat einen Ort", so schreibt der Historiker Karl Schlögel über Berlin. In keiner Stadt, an keinem anderen Ort wurde die Trennung der beiden deutschen Staaten so deutlich, an keinem anderen Ort war der Kalte Krieg zwischen Ost und West so alltäglich. Berlin, das war die geteilte Stadt und das wurde die Stadt der Wiedervereinigung: zwischen beiden Teilen Deutschlands und zwischen beiden Teilen Europas.

Mehr als 40.000 Polen leben heute in Berlin. Die Zahl der russisch-stämmigen Berliner reicht an die 15.000. Und das sind nur die Statistiken der Meldeämter, Durchreisende und Besucher nicht mitgezählt. Berlin, sagt der Historiker Karl Schlögel, spricht russisch und polnisch. Berlin ist eine große Ost-West-Karawanserei, und das nicht erst seit dem Fall der Mauer.

Für viele Polen etwa war Berlin ein Zufluchtsort, als 1981 auf die politische Öffnung durch die Solidarnosc-Bewegung die totalitäre Antwort folgte und General Jaruzelski am 13. Dezember das Kriegsrecht verhängte. Wer konnte, verließ Polen, bevor es zu spät war. Mancher Richtung Berlin, in die geteilte Stadt.


Zu viele Trabis auf dem Transit

Jurek Brezszinski wühlt in einem Stapel Audio-Kassetten. Jurek fährt sich durch das kurze graue Haar, schüttelt den Kopf, geht zu seinem Computer, startet eine Suchmaschine. Ein paar Mausklicks, dann hat er das gewünschte Lied.

"Hier 'Mury', das ist es, also 'Mury' heißt 'Mauer'."

Jurek lehnt sich entspannt auf dem Bürosessel zurück. Das beige Hemd spannt etwas über dem Bauch. Der Mittfünfziger verschränkt die Arme, schließt die Augen. Auf dem Bildschirm singt Jacek Kaczmarski über Mauern, die trennen und die fallen werden. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1986.

"1980 bin ich quasi aus Polen abgehauen mit einem Touristenvisum wie Tausende von meinen Freunden, Kollegen. Das war kurz vor dem Kriegsrecht in Polen, dann bin ich in Berlin geblieben, habe mein Studium zu Ende gemacht. Ich habe Architektur studiert."

Jurek fährt sich über den rotbraunen Schnäuzer, wippt mit dem Bürosessel nach vorne, lauscht dem Lied, lächelt.

"Ich bin mit meinem Freund, meinem deutschen Freund, zusammen nach Polen gefahren: meinem deutschen Freund, der das erste Mal nach Polen fuhr und überhaupt in den Ostblock."

Jurek denkt zurück. An die erste Novemberwoche 1989. Er ist unterwegs von West-Berlin nach Polen. Die Reise ist lange geplant. Sie führt in einen Nationalpark in der Nähe von Krakau. Jurek kennt da einen Förster. Sein deutscher Freund ist begeisterter Jäger, möchte dort auf die Pirsch gehen. Einige Tage verbringen sie in der Jagdhütte, trinken viel, schießen nichts. Am 9. November fahren sie zurück nach West-Berlin.

"Wir sind etwas lädiert und leicht verkatert zurück nach Berlin gefahren, diese bekannte Strecke Krakau-Breslau-Berlin."

Der Freund sitzt am Steuer und wundert sich über die vielen Trabis, die über die Transitstrecke rollen. Jurek gibt sich souverän.

"Und dann wollte ich das meinem Freund erklären, der niemals in der DDR unterwegs war. Da habe ich gesagt, das ist die Hauptverkehrsader der DDR. Das waren Trabis, Wartburgs, alles Mögliche."

Allerdings, so viel Verkehr hatte Jurek auf der Strecke noch nie gesehen.

"Vor uns fuhr ein Trabant Kombi, da waren etliche Jugendliche drin. Und auf einmal drehte sich ein Mädchen, krabbelte nach hinten und zog langsam das DDR-Abzeichen ab von der Scheibe. Und da merkte ich, da ist etwas nicht in Ordnung."

Den Grenzübergang "Drei Linden" passieren sie ohne ihre Pässe zu zeigen. Jurek und sein Freund parken den Wagen, kaufen eine Flasche Sekt, fahren zur Bernauer Strasse an die Mauer. Feiern mit den Ost-Berliner, die zu Hunderten in den Westen strömen.

"Nach ein paar Stunden sah ich, wie über die Mauer so eine Hand rüberkommt, wie so ein Handwerker diese Stahlelemente löste. Die ganze Zeit dachte ich an dieses Lied über die Mauern, die fallen."

Jurek stemmt sich aus dem Bürosessel, geht einige Schritte zur Schiebetür. Die führt zur Dachterrasse.

"Da siehst Du links den Alexanderturm und rechts die Gedächtniskirche."

Links der Fernsehturm, rechts die Gedächtniskirche. Die Wahrzeichen Ost und West-Berlins, im 90-Grad-Winkel, mittendrin Jurek.

"Hier wohne ich seit 1989."

Im Juli 1989 ist er hier eingezogen. In das Penthouse im fünften Stock, in dem futuristischen Stahlskelettbau an der Spree. Im selben Monat macht er sich selbständig als Architekt. Ein Vierteljahr später fällt die Mauer.

"Die ersten Jahre nach der Wende waren wirklich geprägt von einem Investitionsschub würde ich sagen."

Ein Grinsen breitet sich auf Jureks Gesicht aus, wenn er an die Zeit zurückdenkt. Eine neue Innenstadt entstand, Prestigebauten. Berlin boomte. Die Architekten verdienten prächtig: ein paar Jahre, dann kam der Absturz.

"Es waren sieben fette Jahre, dann sieben magere, wenn man vorsorgt, dann konnte man über die Runden kommen. Ich warte, dass die nächsten sieben fetten Jahre kommen."

Jurek macht ein paar Schritte zur Seite, deutet auf eine kleine Figur. Die steht vor dem Geländer.

"Den habe ich mir in Polen geholt, so viele Zwerge wollen 'heim ins Reich', das ist ein Troll."

Jurek grinst. Der Troll, ein Andenken aus Polen, braungrau steht er da, ungeschützt. Die Farbe an der Nase ist abgeplatzt.

"Ich altere, er altert auch mit. Sieben magere Jahre hat er mit mir gelebt, und jetzt kriegt er vielleicht einen neuen Anstrich."

Der Architekt streicht dem Troll kurz über den Kopf. Einmal im Jahr fährt er im Schnitt noch nach Polen: zum Klassentreffen. "Ich bin germanisierter Pole", sagt Jurek und grinst. Obwohl:

"Der Osten hat mich wieder ein wenig eingeholt. Jetzt fühle ich mich wieder als Ossi nach 27 Jahren Wessi-Daseins, oder West-Berliner-Dasein."

Polen, Russen - sie kamen zu Tausenden nach dem Mauerfall, sorgten dafür, dass Berlin immer östlicher wurde. Jurek dreht sich um. Er will noch etwas zeigen: ein Andenken. Jurek wühlt im Schrank, Jurek wühlt im Regal, sucht eine Erinnerungs-Stück von 1989.

"Hier, das habe ich in Krakau gekauft."

Eine russische Steckpuppe, eine Matroschka. Gekauft auf dem Markt in Krakau im Sommer 1989.

"Das ist Saddam Hussein, Stalin, Mao Tsetung und Jaruzelski - Diktaturensammlung; alle weg und das ist das Schöne dabei."


Warum gerade Berlin? Der ungarische Schriftsteller und Nobelpreisträger Imre Kertész beantwortet diese Frage damit, dass er im Grunde erst nach der Wende, in Deutschland, zum Schriftsteller geworden sei. Erst da konnten seine Bücher gedrückt werden und Wirkung entfalten.

"Die Situation Berlins war vierzig Jahre lang vom Kalten Krieg bestimmt. Wenn einem westeuropäischen Touristen die Neugier packte, was das denn eigentlich bedeutete, dann kam er nach Berlin und sah sich die Mauer an. Das tat auch ich, nur eben von der anderen Seite, aus Osteuropa kommend. Als der Gedanke eines vereinten Deutschland - ja eines vereinten Europas - noch nichts weiter war als ein schöner Traum, schien Berlin in den Augen vieler die europäischste Stadt Europas zu sein, und das gerade durch die bedrohte Lage. Wenn man in Ost-Berlin über die Leipziger Straße ging, in die von 'drüben', vom Tickerband des Springer-Hochhauses, die verbotenen Nachrichten der freien Welt herüberblinkten, befiel einen das trügerische Gefühl, dass nicht Westberlin, sondern das ganze, diesseits der Mauer beginnende und sich bis zum Eismeer erstreckende mächtige monolithische Reich ummauert war. Nie werde ich jene sommerliche Abenddämmerung vergessen, als ich verloren am Ende dieser wüstengrauen Welt stand, auf dem Boulevard 'Unter den Linden', und die Straßenabsperrungen, die Wachposten mit den Hunden, die über die Mauer ragenden Dächer der drüben neugierig auftauchenden Touristenbusse betrachtete und die soeben aufgleißenden Scheinwerfer die Schande meiner totalen Knechtschaft unmittelbar zu beleuchten schienen."

Wer vor 1989 gegen die Diktatur schrieb, tat das in den engen Grenzen, die gesetzt wurden. Berufsverbot, Publikationsverbot, Einschüchterung - das Instrumentarium der Machthaber im Ostblock war scharf und wirksam. Wer konnte, ging in den Westen, nutzte dort die künstlerischen Freiräume. Es waren die Wenigsten.

Das Berliner Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes unterstützt mit seinen Stipendien Literaten aus Osteuropa. Manche, wie Kertész, kamen erst nach dem Fall der Mauer in den Genuss von Geld und guten Worten.

Der Ungarische Dissident

"Ja, ich lebe jetzt in einer Unordnung von einer Reise zur anderen. Sie können die Schuhe belassen und sich nicht umschauen."

György Dalos bittet in das kombinierte Wohn- und Arbeitszimmer. Ein großer Raum mit einer Küchenzeile an der Rückwand. Durch die geöffnete Balkontür dringt leiser Straßenlärm. Rechts stehen Schreibtisch und Computer, links Bücherregale. György Dalos zieht vorsichtig ein paar Werke ungarischer Autoren hervor - DDR-Ausgaben.

"Ich habe sie manchmal haufenweise oder mit Freunden im Auto mitgenommen, weil ich wusste, dass diese Bücher für immer verschwinden."

Der Schriftsteller bittet, Platz zu nehmen, an einem alten Holztisch, den ein großes Blatt Papier bedeckt. Darauf hat er eine Tabelle gezeichnet: Sieben Spalten gefüllt in winziger Schreibschrift. Dalos schiebt ein paar Zettel zur Seite.

"Ich hab zunächst eine Zeittafel für die Sowjetunion und die sieben Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes und zwar in der Reihenfolge der Wende aufgebaut."

Der Anfang für ein Sachbuch, das 2009 erscheinen soll. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Dalos schüttelt den Kopf:

"Also, dass die Sowjets mitten in Europa ein Land aufgeben, dass war im Bereich des Fantastischen."

Den Fall der Berliner Mauer hat György Dalos von Wien aus verfolgt, genauer: in seiner Einzimmerwohnung im 18. Bezirk vor dem Fernseher. Plötzlich unterbricht der ORF für einen Eil-Bericht aus Berlin, zeigt Schabowskys Pressekonferenz:

"Ich hab einfach alles gehört und glaubte, ja, Schabowsky macht wieder einen dieser dummen Zugeständnisse. Ich hatte einfach den Eindruck: Das ist Propagandamanöver."

Erst als sein Telefon nicht mehr aufhört zu klingeln, realisiert der ungarische Dissident, was passiert ist:

"Da kamen bereits die Anrufe aus Ungarn, aus der DDR und sie sagten, dass sie jetzt losgehen. Und ich habe eigentlich mehr von diesen Anrufen verstanden. Also, dass solche Typen, diese maßgeschneiderten, diese saturierten DDR-Kader, wenn sie etwas sagen, ich glaubte diesen Worten nicht - nur dann, als die Leute mir sagten, dass sie unterwegs zu Grenzübergang sind."

Für Dalos steht fest: Das ist das Ende der DDR. Große innere Zufriedenheit habe sich in im ausgebreitet, beschreibt er sein damaliges Gefühl:

"Für Leute wie ich, die gegen die Diktatur geschrieben, ich sage nie gekämpft, geschrieben oder gedacht haben, das war doch eine große Sache. Man fühlte plötzlich die Freiheit, man fühlte auch, dass etwas Besseres kommen kann. Und man fühlte plötzlich, dass die Freunde mit denen man Jahrzehntelang sprach, dass sie auch irgendwie neu waren."

Anfang Dezember 1989 fährt Gyögry Dalos zum ersten Mal in die nun ungeteilte Stadt. Schlägt eigenhändig - das ist ihm wichtig - ein Stück Mauer aus dem immer löchriger werdenden Bauwerk:

"Und diese Löcher wurden von Soldaten der Nationalen Volksarmee bewacht. Das fand ich schon enorm grotesk."

Das Mauerstück liegt heute in seiner Budapester Wohnung. Hier, in Berlin, bewahrt er anderes auf:

"Das sind sehr verschiedene Erinnerungsstücke."

György Dalos trägt eine Zigarrenkiste herein, stellt sie auf den Tisch, greift zu einer der beiden Brillen, wühlt suchend durch kleine Steine, Buttons, Ketten, Salzpäckchen, Zuckertütchen.

"In diesen Gegenständen und ihrer Ästhetik schlägt sich vieles nieder, was die Historiker nicht erklärten können."

Der Schriftsteller zieht ein kleines, weißes Tütchen hervor: "25 Jahre DDR. VEB Zuckerfabrik Delitzsch. Träger des Ordens 'Banner der Arbeit'", ist auf demTütchen zu lesen.

"Wenn ein Staat selbst Propaganda macht mit dem Zucker, das heißt, dass dieser Staat außerordentlich wichtig ist für diejenigen, die ihn führen. Oder die glauben, dass dieser Staat auch für die Bevölkerung so wichtig ist."

György Dalos lächelt fein. Leise Ironie statt lauter Töne - das zeichnet auch den Schriftsteller Dalos aus. Nach der Wende rät er seinen Freunden, die DDR noch ein wenig zu behalten. Den Prozess der Wiedervereinigung hinauszuzögern:

"Weil, so lustig wird es in der langweiligen Bundesrepublik nie sein, wie in diesem freien und verrückten Niemandsland, was die DDR ungefähr noch acht Monate lang war."

Immer wieder zieht es Dalos in den folgenden Jahren nach Berlin. Bis er 1995 ganz bleibt. Als neuer Leiter des Ungarischen Kulturinstituts. Die offizielle Anstellung durch den Staat Ungarn ist eine "Wiederherstellung des Arbeitsverhältnisses", wie der Schriftsteller heute formuliert. Hatte ihm die Volksrepublik Ungarn doch 19 Jahre lang verboten zu publizieren. Als 1999 der Vertrag mit dem Ungarn-Haus ausläuft, bleibt Dalos in Berlin.

"Hier ist ees verrückt, hier ist Tempo und deswegen wollen die Ungarn: Jetzt gibt es so eine Berlin-Fieber in Ungarn unter den Intellektuellen und der Jugend."

In Berlin müsse er sich einsperren, um arbeiten zu können.

"Ich bin priviligiert, weil ich in Berlin lebe, weil ich ein ungarischer Autor bin, der nicht auf das Honorar der ungarischen Verlage angewiesen ist, was ich niemandem wünsche. Und ich bin ein ungarischer ehemaliger Dissident, der nicht auf die Dankbarkeit der demokratischen Regierung angewiesen ist, was ich auch niemandem wünschen würde."

Ihm geht es besser als vielen ehemaligen Dissidenten. Natürlich, einigen ist es gelungen, in der Politik Fuß zu fassen. Aber es macht ihn traurig zu sehen, dass viele ihre besten Jahre damit verbracht haben, für ein System zu kämpfen, das sie nun zur Arbeitslosigkeit verdammt.

"Es gibt einfach eine Gruppe von Menschen, die ich immer wieder sehe, die an die Peripherie geraten sind - Menschen, die in den Siebziger, Achtziger Jahren große Risiken auf sich nahmen."

"Denn Berlin ist - für mich durchaus nicht zuletzt - zugleich auch eine literarische Stadt. Im Unterschied zur französischen und englischen Kultur, die sich eher mit sich selbst begnügen, hat die deutsche immer auch eine Rolle als Vermittler zwischen östlichen und westlichen Literaturen gespielt. Die große russische Litertur des 19. Jahrhunderts zum Beispiel ist zuerst ins Deutsche übersetzt worden und hier in den Westen gelangt. Kierkegaard ist aufgrund seiner deutschen Übersetzung bekannt geworden, ebenso wie Strindberg und viele andere Skandinavier. Auch Kafka zog nach dem Ersten Weltkrieg von Prag nach Berlin, nachdem er sich entschlossen hatte, die Lebensform eines Berufsschriftstellers anzunehmen; leider hat ihn dann seine Krankheit daran gehindert. Der Weg osteuropäischer Schriftsteller führt meistens über Berlin in andere Sprachen, in die Weltliteratur weiter. Wir wissen, dass 'Weltliteratur' ein Wort Goethes ist, er hat es zuerst benutzt. Wer aber hat sich wohl den Begriff 'Weltstadt' ausgedacht? Denn auch das ist ein wichtiges Wort, ein großer Trost für die Exilierten, für Weltenbummler und geborene Heimatlose."

Glasnost und Perestroika: Michail Gorbatschow war für die Deutschen der Inbegriff der Öffnung des Kommunismus, in ihn wurden die größten Hoffnungen gesetzt. Im Juni 1989 bereitete die Bonner Bevölkerung Michail Gorbabtschow einen triumphalen Empfang, als dieser die Bundeshauptstadt besuchte. Von Berlin als künftiger Haupstadt eines vereinten Deutschland, mochte da noch keiner träumen. Dass Gorbatschow in Bonn den Fall der Mauer andeutete, blieb zunächst eben dies: Eine Andeutung.

Der Aufbruch in eine neue Zeit lag in der Luft. Auch die russische Jugend spürte, was im Westen so euphorisch gefeiert wurde: Die Politik der "Glasnost", der Offenheit, der Informations- und Meinungsfreiheit. Als die Mauer fiel, brachen auch in Moskau die Dämme. Zeitversetzt zwar, aber sie brachen. Das Ende der Sowjetunion war eingeläutet. Heute steht die Sowjetunion als Erinnerung im Regal. Der Minisatellit als Spieluhr. Erinnerungen an Sputnik eins, den ersten sowjetischen Erdsatelliten auf einer Umlaufbahn, den Startschuss der sojwetischen Raumfahrt 1957.


Mauerfall und Visazwang

Moskau, 9. November 1989. Andrej büffelt für die Medizinprüfung. Im Hintergrund läuft der Fernseher. Dann kommt die Meldung vom Fall der Mauer

"Ich konnte es nicht glauben, ich bin vom Stuhl hochgesprungen, habe gleich meinen Ostberliner Freund angerufen. Er war nicht da, seine Eltern waren nicht da, keiner war da."

Andrej erreicht niemanden, dem er gratulieren kann. Erst am nächsten Morgen wird er seine Glückwünsche los, in der Uni.

"Bei uns in der Seminargruppe war auch eine ostdeutsche Studentin und alle haben ihr dann auch gratuliert und sie umgearmt und alles. Sie haben die alle umarmt. Und sie war etwas schockiert von der Reaktion in der Sowjetunion."

Der drahtige Mittvierziger in schwarzer Jeans und schwarzem Rollkragenpullover muss lachen, wenn er sich daran erinnert. Für ihn war der 9. November der Auftakt zu einer Odyssee Richtung Westen.

"Ich wollte sofort losfahren, ich hatte auch alle Papiere vorbereitet. Ich hatte auch die Reise in die DDR geplant, und dann als die Mauer fiel, dann dachte ich, man kann ich ja gleich in den Westen, das ist viel einfacher jetzt."

Aber erst muss er seine Prüfungen beenden. Zwei Wochen später steigt Andrej in Ost-Berlin aus dem Zug, die Einladung seines Freundes in der Tasche. Er will gleich weiter nach West-Berlin:

"Die Mauer war offen, aber die Passkontrolle wurde wieder eingeführt. Und da durften nur die Ostdeutschen hin. Ich mit meinen Papieren ohne Ausreisevisum von den sowjetischen Behörden nach West-Berlin konnte da gar nicht durch."

Dreimal versucht Andrej in den Westen der Stadt zu kommen. Jedes Mal weisen ihn die DDR-Grenzbeamten zurück. Frustriert steht Andrej eines Tages auf dem Alexanderplatz, unter der Weltzeituhr.

"Da stand ich mit diesem Stadtplan, den ich in Moskau gekauft habe, von Ost-Berlin, wo nach der Mauer alles weiß war, wie Eis."

Der weiße Fleck auf dem sowjetischen Stadt-Plan, das ist West-Berlin, wo er nicht hindarf. Ost-Berlin findet Andrej grau und langweilig. Er beschließt, an einem der nächsten Tage zurückzufahren. Da sprechen ihn plötzlich zwei junge Männer an.

"Die Leute haben mich auf der Strasse angesprochen, weil ich da mit diesem komischen Stadtplan stand, und als die erfahren haben, dass ich aus der Sowjetunion komme, waren die sofort begeistert und wollten, dass ich an einer Party teilnehme von denen."

Einer Party in West-Berlin. Andrej bedauerte, sagt, dass er die Grenze nicht passieren darf. Die beiden West-Berliner protestieren:

"'Nein, nein, wir bringen dich durch. Das ist doch nicht zu fassen. Dann sind wir zur Invalidenstrasse gefahren. Und dann haben sie zwei westdeutsche Reisepässe gezeigt und einen Westberliner Personalausweis. Der Grenzbeamte hat die gar nicht aufgemacht und hat gesagt, los."

Andrej kann es nicht fassen. Er ist im Westen. Mit gerade mal 20 Dollar in der Tasche:

"Ich schrie einfach vor Begeisterung russische Lieder. Eine halbe Stunde lang habe ich alle genervt. Das war für die auch überraschend."

Auf der Party steht er in der Küche, erzählt stundenlang über das Leben in der Sowjetunion. Vor allem die Studentinnen sind fasziniert.

"Bei einer Familie habe ich dann gewohnt in Zehlendorf, die haben mir ein Zimmer zur Verfügung gestellt, die haben mir auch zu essen gegeben und sich ein bisschen um mich gekümmert."

Nach Ost-Berlin traut er sich nicht zurück. Aus Angst, das er dann nicht wieder in den Westen einreisen darf. Von West-Berlin ist Andrej fasziniert, von dem ganz anderen Leben als in Moskau.

"Man konnte vieles machen, was man in Russland nicht machen konnte. Man konnte studieren, wann man wollte, man konnte arbeiten oder nicht. In Russland war jeder verpflichtet irgendwo hinzugehen jeden Tag. Man konnte sämtliche Bücher in den Buchläden sehen, auf Deutsch oder Englisch, zum Teil auch auf Russisch, die in Russland nicht zu kriegen waren."

Andrej lernt viele Studentinnen kennen, wird zum Essen eingeladen, regelrecht herumgereicht, ist als real existierender Sowjetbürger ein Exot in West-Berlin. Einmal aber muss er seine Identität wechseln. Als er mit einer Freundin ihre Eltern besucht.

"Die haben den Krieg miterlebt in Ostpreußen und alles was mit Russland verbunden war fanden die ziemlich negativ. Zuerst sollte ich als Finne da auftauchen, na gut, da hab ich gesagt, ich habe schwarze Haare, das passt irgendwie nicht. Dann sagen wir lieber, ich komme aus Griechenland."

Andrej lächelt, als er daran zurückdenkt. Der Schwindel fliegt später auf, als jemand die Eltern anruft. Und fragt, "ob der Russe da ist". Nach zwei Monaten West-Berlin ist Andrej erschöpft. Er kann einfach nicht mehr. Er will zurück nach Moskau, via Ost-Berlin.

"Dann bin ich zurück über die Friedrichstraße, habe meinen sowjetischen Ausweis gezeigt, dann habe ich gedacht, gut, dann werden sie mich verhören ein paar Stunden. Und der hat mich dann angeguckt, hat gesagt, aha, hat meinen Pass abgestempelt."

Im Juni 1990 kommt er wieder in Ost-Berlin an.

"Dann habe ich verzweifelt die Grenzposten gesucht und habe mich an zwei DDR-Polizisten gewandt und habe gesagt, wo ist der Grenzübergang. Dann haben die gelacht und haben gesagt, es gibt keinen mehr."

Andrej bleibt in Berlin, studiert weiter Medizin, stürzt sich in das andere Leben, das es in Moskau so nicht gibt.

"Ich war bei der Post als Zusteller, Prospektenverteiler, ich war Kellner in einem Hotel als Lakai. Ich war auch Journalist für eine russische Zeitung, dann war ich Dolmetscher, Übersetzer, das war schon ein sehr interessantes Leben."

Heute ist Andrej Arzt, wohnt in einer großen Altbauwohnung im Prenzlauer Berg. In letzter Zeit spürt er öfter wieder diese Unruhe, den Wunsch weiterzuziehen. London, New York oder Paris würden ihn reizen, aber er bezweifelt, ob er loskommt.

"Ich würde schon weggehen, aber Berlin ist dafür bekannt, dass man hier irgendwie festsitzen bleibt. Das Leben ist irgendwie unkompliziert, das Leben ist ziemlich billig in Berlin. Und man bleibt in Berlin oft fest."

"Meine Überzeugung war es immer, dass die betonierte Teilung, und dass die Teilung durch Stacheldraht und Todesstreifen gegen den Strom der Geschichte standen."

Berlin sei eine russische Stadt, schreibt der Historiker Karl Schlögel. Nirgends habe sich der Knoten der deutsch-russischen Beziehungen so dramatisch zusammengezogen wie in Berlin. Alle deutschen Wege nach Russland führten über Berlin, alle russischen Wege nach Europa gingen über Berlin. In der Zeit des Kalten Krieges war Berlin für viele Russen, und nicht nur für sie, die westlichste Stadt Europas, das westlichste Ziel in Zeiten von Stacheldraht und Mauer.

Die russische Kulturszene Berlins gilt als ambitioniert, und obwohl das Statistische Jahrbuch der Hauptstadt gerade knapp 15.000 Ausländer mit Herkunft "Russische Förderation" registriert, ist die gefühlte Zahl der Russen in Berlin deutlich höher. Manche kamen erst nach dem Mauerfall, andere sind schon lange in der Stadt:

Der russische Club Dialog nach dem Mauerfall

Tatjana Forner gibt noch schnell ein paar Anweisungen an eine Mitarbeiterin, dann blickt sie den Besuch fragend an:

"Bestellen wir uns Tee?"

Die zierliche Frau mit dem dunklen Pagenkopf eilt über den breiten Flur, vorbei an dunklen Türen mit der Aufschrift "Kabinett". Das ist russisch und bedeutet so viel wie "Büro". Tatjana Forner steuert einen Raum an, in dem drei Frauen an Telefonen sitzen. Rund 100 Anrufen täglich nehmen die Mitarbeiterinnen des "Clubs Dialog" entgegen.

"Wir machen verschiedene Beratung. Wir machen Beratung für russischsprachige Menschen im Rahmen Berufsorientierung, Ausbildung, Arbeitssuche. Wir haben große Erfolge damit."

Tatjana Forner zieht 1969 nach Ost-Berlin. Mit ihrem deutschen Mann, den sie an der Moskauer Universität kennengelernt hat.

"Schwarzer Tee, Grüner Tee?"

Die Leiterin des "Clubs Dialog" gießt sich einen Becher Grünen Tee ein, balanciert die Tasse über den Flur in ein weiteres Büro, setzt sich auf einen Stuhl am großen Besprechungstisch, schlägt die Beine übereinander und erinnert sich: an die Gründung des Clubs im Jahr 1988 in Ost-Berlin. Als die studierte Chemikerin und Soziologin auf einem Empfang der sowjetischen Botschaft ihren Landsleuten vorschlägt, eine Interessenvertretung zu gründen.

"Ich muss sagen aus 500 Leute, die da zu dieser Versammlung gingen, waren es erstmal nur sieben, die da zu mir gekommen sind und gesagt haben: Gut, wir machen mit."

Zunächst trifft man sich in Parks und Cafes. Dann stellt das "Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur" einen Raum zur Verfügung, nach zweimonatiger Bedenkzeit. Hier veranstaltet der Club Lesungen und Diskussionen. Als Stefan Hermlin hier spricht oder Vertreter der litauischen Bürgerbewegung "Sajudis", stehen die Menschen dicht an dicht:

"Übrigens: Das waren nicht nur russischsprachige Berliner, sondern das waren sehr viele Deutsche. Damals gab es schon sehr viele, die ihre Bekenntnisse zu Perestroika hier öffentlich gegeben haben und dadurch eventuell aus Partei ausgeschlossen waren."

Als die Mauer fällt, sitzt sie mir ihren beiden Töchtern in der Spätvorstellung. Gegen 23 Uhr verlassen sie das Kino - und wundern sich über die Menschenmassen, bis Tatjan Forner einen Bekannten trifft.

"Und er ist absolut euphorisch, sagt: Tatjana, Tatjana, hast du gehört, ja, wir gehen jetzt, ich habe dort ein paar Bekannte. Ich möchte sie besuchen. - Sie: Ja, aber wohin gehst du? - Na, West-Berlin. Es ist, es ist. Er konnte schon nicht mehr richtig sprechen. Ich sagte: Das kann doch nicht wahr sein? Er: Doch."

Tatjana Forner zieht es nicht in Richtung Grenzübergang. Sie geht nach Hause und schaltet den Fernseher ein. Das West-Fernsehen zeigt die ersten Bilder von der Bornholmer Brücke: Ost-und West-Berliner - Wildfremde, die sich in die Arme fallen.

"Zwar konnte ich Mitfühlen, was sie fühlten, aber es waren nicht meine Gefühle. Wissen Sie, ich fühlte mich in der DDR nicht eingesperrt, weil ich nach Osten ein riesen Land hatte. Ich habe meinen Urlaub immer dort verbracht, ich hatte nicht diese Gefühl eingesperrt zu sein, auch nicht in meine Fantasie oder in meinem Denken. Diese Gefühle hatte ich nicht."

Tatjana Forner wird politisch aktiv, schließt sich der neu gegründeten Partei "Unabhängiger Frauenverband an", sitzt im Arbeitskreis für Ausländerfragen und in dem zur neuen DDR-Verfassung.

"So bin ich eigentlich unglaublich schnell und absolut überraschen für mich selbst im Mittelpunkt dieser ganzen politischen Ereignisse der DDR hineingerutscht. Das war natürlich sehr interessant."

Parallel dazu organisiert sie im "Club Dialog" Diskussionsveranstaltungen und Kulturabende, berät die neuen, russischsprachigen Berliner, die es in immer größer Zahl in die Stadt zieht: Soldaten der Sowjetarmee, die desertieren wollen, russische Juden, die als sogenannte "Kontingentflüchtlinge" nach Berlin kommen. Und die Russlanddeutschen: 6000 bis 7000 Aussiedler pro Jahr. Mit der Zahl der Zuzügler wachsen auch die Probleme:

"Sie kamen aus meiner Sicht in einer sehr ungünstigen Zeit nach Berlin, wo es kaum Arbeit gab. Viele kamen vom Lande, ohne sich hier irgendwie heimisch zu fühlen. Sie lebten im 12. oder 14. Stock in irgendwelchen Wohnheimen. Diese Aufnahme hat uns auch sehr viele Kopfschmerzen bereitet."

Vor dem Mauerfall lebten gerade einmal 3500 Russen in Ost-Berlin und noch einmal so viele im Westteil der Stadt.

"Jetzt sind nach unseren Schätzungen etwas 150.000 Menschen hier. Da können Sie sich vorstellen, wie explosionsartig das russischsprachige Berlin sich entwickelt hat."

Und mit ihm der Club Dialog: als Kommunikations-, Informations- und Beratungszentrum für alle Russischsprachigen. Lange Zeit ist der "Club Dialog" die einzig Beratungsstelle. Im Jahr 2000 wird Tatjana Forner mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Gleichzeitig fließen die Gelder immer spärlicher. Das wiedervereinigte Berlin ist pleite. Zunächst behilft sich der Club mit Kreativität und Durchwurschteln, wie Tatjana Forner sagt. In letzter Zeit aber beschleicht sie immer häufiger ein Gedanke: aufhören, den Laden dicht machen.

"Das ist diese permanente Unzufriedenheit mit der Situation. Wenn man merkt, dass unheimlich man viel Kraft investiert ins Nichts. Das man irgendwo Grenzen erreicht hat, wo man noch Verantwortung tragen kann, dass man keine Reserven mehr hat, die man aktivieren kann, dass ich sage, das war eine wunderbare Zeit, wir haben unglaublich viel geleistet."

Schluss machen. Das wäre nur konsequent, sagt der kühl kalkulierende Kopf der studierten Chemikerin. Und der Bauch?

"Der Bauch sagt, das ist natürlich unglaublich schade: schade um diese ganzen Menschen, die hier arbeiten, schade um die Atmosphäre, die hier bei uns herrscht, schade um unsere Besucher, die uns lieben und eigentlich Treue halten noch nach 20 Jahre. Aber da muss ich dann sehen, was dann überwiegt."

Im nächsten Jahr, wenn der russisch-deutsche "Club Dialog" sein 20-jähriges Bestehen feiert.


Die osteuropäischen Schriftsteller, die voller Bewunderung über Berlin schreiben, sind zahlreich. Die Rumänin Carmen-Francesca Banciu nennt Berlin fast hymnisch: "Mein Paris", Imre Kertesz, der Ungar, attestiert Berlin liberale Weltsicht, unerschöpfliche Energie, Neugier und Aufnahmefähigkeit.

"Hier sprechen viele mit den unterschiedlichsten Akzenten, und wie in New York, fragt dich auch hier niemand, woher du kommst. Ich leugne nicht, dass mich mitunter ein Schwindel historischer Absurdität ergreift, andererseits glaube ich, dass es nicht noch eine Stadt in Europa gibt, in der man die Gegenwart und den Weg, der zu ihr geführt hat, so intensiv wahrnehmen kann."

Der Checkpoint Charlie: Heute geht nicht mehr die Angst um am Checkpoint Charlie. Heute werden dort nicht Menschen verfolgt, sondern Souvenirs gejagt. Aus der Stadt der Mauer, der Kontrolltürme, der Grenzübergänge, der getrennten Welten ist eine Weltstadt geworden. Die Gesichter Berlins haben sich verändert:

Die Gesichter haben sich verändert

Ela legt den Kopf in den Nacken, lässt ihren Blick nach oben wandern: Stockwerk für Stockwerk, über eine graue Betonfassade, einen Hauptturm, zwei Nebentürme.

"Hier sind 14 Stockwerke und jedes zweite Stockwerke war eine Wohnung, also, in diesem großen, riesenhohen Haus waren nur sieben Wohnungen."

In dem sogenannten Ateltierturm in der Charlottenstrasse 97 a, gerade einmal 200 Meter von der Mauer entfernt.

"Meine Wohnung hat 19 Fenster gehabt und das bei 30 Quadratmeter. Das Licht kam von Norden, Süden, Westen, Osten."

Ela lächelt, streicht sich durch das lange rote Haar. 1983 kam sie aus Krakau nach West-Berlin. Das Kriegsrecht in Polen und eine Liebe im Westen bringen die 23-Jährige in die Mauerstadt.

"Es sollte meine kleine Welt hier entstehen."

Damals arbeitet Ela als Grafikerin und Designerin für den Ullstein-Verlag gleich um die Ecke. Am Abend des 9. November sitzt sie in ihrer Wohnung über dem Zeichenbrett.

"Mein Bekannter hat mich angerufen und sagte, Ela was ist los bei Dir? Und ich sagte, was, ich sitze am Tisch und arbeite fleißig. Nein, geh zum Checkpoint Charlie, da ist die Grenze offen."

Ela kann es nicht glauben, nimmt ihren Hund Zerberus, verlässt das Haus, biegt einmal links um den Wohnblock, dann rechts in die Friedrichstrasse.

"Und dann habe ich etwas gesehen, was ich nicht verstanden habe: Was soll das, was ist das, diese ganze Menge von Leuten in ständiger Bewegung. Man hat gelacht."

Ela steht erst etwas abseits, beobachtet. Dann traut sie sich näher an die Menschenmasse heran, durch die sich auch noch Trabis Richtung Westen schieben.

"Jemand hat auf den Trabi Sektflaschen geworfen und es knallte, aber der Trabifahrer war nicht darüber empört, dass sein Wagen verletzt war oder gebrochen."

Den Knall hat sie heute noch im Ohr. Ela blickt hinüber zum Checkpoint Charlie: Da parken heute Reisebusse. Touristen umlagern einen nachgebauten Grenzposten. Neben Sandsäcken posieren Statisten in russischen, britischen, farnszöischen und amerikanischen Uniformen. Vier Visastempel kosten fünf Euro, ein Modelltrabbi 5,99 Euro.

Ela lächelt. Der Visastempel erinnert sie an ihre Eltern. Die standen kurz nach dem Mauerfall vor ihrer Tür- unangemeldet. Früher war das undenkbar.

"Kurz danach kamen sie einfach zu mir, ganz spontan ohne sich vorher anzumelden: Ja, ich bin da. Wie geht es Dir?"

Mit ihnen geht sie ins Cafe Adler direkt am Checkpoint Charlie. Das Cafe gibt es immer noch.

Ela sucht sich einen Tisch am Fenster, hängt die Jacke über den Stuhl, darüber die gelbe Stofftasche mit dem "Guggenheim Venice"-Aufdruck, türkisfarbener Rollkragenpullover, eine Kette mit grossen bunten Holzperlen, knallrote Fingernägel, gelbe Schuhe. Die 47-jährige Künstlerin liebt den farbenfrohen Kontrast.

Ela blickt aus dem Fenster auf das Grenzhäuschen und die Touristen, denkt zurück an den Mauerfall.

"Wie reagiert man darauf? Man versteht die Situation nicht, man freut sich, man ist überrascht, man denkt: Ist es ein Witz, ist es ein Experiment, ist es eine politische Taktik? Man weiß es nicht."

Ela lächelt. Damals saß sie hier im Cafe einen Tisch weiter hinten. In der Ecke prosteten sich mit wildfrenden Menschen zu.

"Ich glaube, es war ein Wein, dazu die fremden Leute, die sich umarmen, die sich küssen. Leute, die sich küssen, das ist eine schöne Ausstrahlung von dem Glück. Und die Freude dabei: Wow, jetzt sind wir wieder zusammen."

Ela zündet sich eine Light-Zigarette an, bestellt Latte Machiatto, blickt durch das Cafe.

"Heute ist es etwas ruhiger, heute ist es etwas stiller. Es fehlt etwas an Enthusiasmus und die Kommunikation. Wir sitzen zwar hier und trinken einen Cafe, aber wir gucken nicht die Leute an, die nebenan sitzen. Damals war es unmöglich. Die Leute haben sich in die Augen geguckt, sie haben ssich zugelacht und haben einfach gesprochen."

Damals im November 1989. Zwei Jahre später zieht Ela nach Spanien, folgt wieder der Liebe. Doch nach einigen Jahren zerbricht die Beziehung. Ela kehrt zurück nach Berlin: 1999 - zehn Jahre nach dem Mauerfall.

"Als ich dann nach zehn Jahren zurück nach Berlin kam, war es für mich nichts Neues, nur die Gesichter haben sich verändert."

Mehr Polen sind gekommen, Russen, aber auch Amerikaner und Spanier. Die Stadt ist internationaler geworden, sagt Ela, hauptstädtischer. Aber auch unruhiger, nervöser, hektischer:

"Ich sehe die Müdigkeit, eine gewisse Verzweifelung, Verbitterung in den Gesichtern von den Menschen. Wer weiß, vielleicht habe ich das auch in meinem Gesicht, weil es sehr schwer ist, es zu verbergen, dass man Probleme hat, dass man nicht zurechtkommt mit der Existenz heutzutage. Aber ich glaube, ich bin nicht die Ausnahme, und versuche einfach das Beste weiterzumachen."

Einige ihrer polnischen Freunde haben den Wandel seit der Wende nicht verkraftet: das Ende des alten West-Berlins, der hochsubventionierten Halbstadt. Einer hat sich das Leben genommen. Ein paar haben die Stadt verlassen. "Das Leben ist härter geworden", sagt Ela. Sie versucht sich als Freiberuflerin durchzuschlagen, jeden Tag aufs Neue.

"Man kann gar nichts planen, man kann sich nichts sicher sein. Wir befinden uns in einem Durchgangsperiode. Wir wissen nicht, wie lange es dauern wird, bis wir uns stabilisieren, bis wir einfach wissen, wo wir sind, mit wem wir sind, was wir können."

Ela blickt aus dem Fenster auf den Checkpoint Charlie, auf die Touristen vor dem Grenzhäuschen, zieht an ihrer Zigarette. Die Gegend ist chic geworden. Gleich um die Ecke haben etliche Galerien eröffnet. Ela lebt heute in einem anderen Bezirk, der wieder am Rande liegt.

"Ich wohne jetzt in Neukölln und dort gibt es jetzt eine sehr schöne Gesellschaft, weil es viele Türken, Jugoslawen, Deutsche und auch Polen gibt. Und die jungen Leute sind unglaublich schön, die sind sehr lebendig, und diese Mischung von verschiedenen Sprechkulturen, das ist eine ganz besondere Energie die ausstrahlt, da in diesem armen Neukölln."


Literaturtipp:

Berlin, meine Liebe. Schließen Sie bitte die Augen
Ungarische Autoren schreiben über Berlin
Verlag Matthes und Seitz, Berlin

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