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Ostlehrer im Schul-Wandel

"Ich möchte keine DDR wieder haben. Auf keinen Fall. Weil das politische System in der DDR eben doch ein sehr restriktives war. Aber es gibt eben auch positive Seiten. Wir hatten Schülerzahlen von 24 Schülern bis runter zu 18 Schülern in einer Klasse. Es war ein hervorragendes Unterrichten. Die Klassen sind aus Finanzgründen nicht zusammen gelegt worden. Das war absolut positiv."

Von Jens P. Rosbach |
    Dieter Haase fand - abgesehen vom politischen Drumherum - das Lehrerdasein in der DDR prima.

    "Was für mich ganz wichtig war, war dass die Schulen ja relativ klein waren. Und dass es Kiezschulen waren. Das heißt also, die Lehrkräfte kannten die Eltern, die Eltern kannten die Lehrkräfte. Man hatte die Schüler relativ lange. Also ich hab Klassen von der fünften bis zur zehnten begleitet, da hat man so ein intensives Verhältnis zu den Schülern gehabt, dass die manchmal mit Problemen zu einem kamen, die sie den Eltern nicht erzählt haben."

    Der 52-jährige Geschichts- und Politiklehrer aus Berlin schüttelt den Kopf über die heutigen Debatten um Gesamt- und Einheitsschulen. Nach seiner Erfahrung wurde in der DDR nämlich klar nachgewiesen, dass es gut ist, alle Schüler von der ersten bis zur zehnten Klasse gemeinsam zu unterrichten. Polytechnische Oberschule hieß die Schulform damals, POS.

    "Ich hab es als sehr positiv empfunden, weil in so einer Kiezschule hatte ich in einer Klasse mit 25 Schülern ein, zwei Schüler, die leistungsschwächer waren. Das hat sich ausgeglichen. Die sind durch die anderen mitgenommen worden, man hat gemeinsam Hausaufgaben gemacht. Es war kein Problem, sie auch zu fördern. Auch wenn das von der Struktur her nicht angelegt war."

    (Lehrer) Sport frei! (Chor) Sport frei!

    Der Unterricht in der DDR war durchorganisiert, politisiert und mitunter militarisiert, erinnern sich Ost-Pädagogen. Aber es habe auch Fächer gegeben, die besonders gut auf das Berufs-Leben vorbereitet hätten. Die 51-jährige Lehrerin Petra Seeger erinnert sich etwa an "Werken" und "Produktive Arbeit", die sie bereits als Schülerin spannend fand.

    "Dann hat man richtig auch schon an kleinen Holzdrehbänken gestanden in den Schulen und man hat gehobelt und mit Holz gearbeitet, und ab der siebten Klasse war man dann in den Betrieben mit integriert. Also ich war im Schokoladenwerk oder ich habe für Carl Zeiss Jena so Gewinde gebohrt und man hat einen Einblick in die Praxis bekommen."

    Deutsch- und Ethiklehrerin Seeger lobt auch die strenge Auswahl jener Schüler, die dann auf einer "Erweiterten" Oberschule, kurz EOS, Abitur machen durften.

    "Vorteil war unbestritten, dass in der Regel die Besten an eine Erweiterte Oberschule kamen. Es waren zwei, maximal drei, also in der Regel so zehn Prozent einer Klasse, die ausgewählt wurden. Es waren unsere Besten - und damit war das Unterrichten für Lehrer an einer Erweiterten Oberschule natürlich ein anderes."

    In dieser Frage sind sich die Ostlehrer allerdings nicht einig. Kollege Dieter Haase hielt damals schon die EOS-Zulassungskriterien für ungerecht.

    "Die Selektion war sehr stark auch politisch motiviert. Also wer sagte, ich will Offizier werden oder sagte, ich will Lehrerin werden, die sind auf jeden Fall zur EOS gekommen und andere nicht."

    Thälmannpioniere! Ich begrüße Euch mit unserem Pioniergruß! Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit! (Chor brüllt:) Immer bereit!...
    Umstritten ist unter den Ostlehrern auch die Frage, ob das zentrale DDR-Abitur vorteilhaft war oder nicht. Die einen meinen, die Einheits-Prüfung sei besonders objektiv gewesen - die anderen erklären, die Tests hätten nicht den Unterrichtsinhalten entsprochen. Einig sind sich die Pädagogen aber zumeist in der Frage der Schulbücher. Die Berliner Grundschullehrerin Kersten Hage etwa fühlt sich heute von der reichen Buch-Auswahl überrollt.
    "Das war ja früher so. Machen wir uns nichts vor. Da gab es nur einen Buchverlag. Und ich glaube auch nicht, dass wir dümmer geworden sind. Wir haben auch studiert, wir haben auch Bildung genossen, auch wenn es nur einen Verlag gab, wo also sämtliche Unterrichtsfächer damit abgedeckt worden sind. Und hier mit dieser Vielfalt ... dadurch, dass die Auswahl größer ist, da fällt es einem da noch schwerer, auch das Richtige zu finden. Und dann kann man sich auch mal vergreifen."

    Der Umbruch 1989 führte zu einem großen Durcheinander an den DDR-Schulen. Stasi-Spitzel wurden enttarnt, SED-Funktionäre entlassen, einzelne Fächer abgeschafft und Lehrpläne außer Kraft gesetzt. Zahlreiche Pädagogen berichten von persönlichen Ängsten und Orientierungsschwierigkeiten. Petra Seeger ging es ähnlich. Allerdings freundete sie sich bald mit der neuen Freiheit an.

    "Was ich auch sehr genieße, muss ich ehrlich auch sagen, dass ich eben die Wahl habe bei der Auswahl meiner Lektüre, meiner Methoden. Also dass ich eben nicht so festgelegt bin. Und das ... das möchte ich auch nicht mehr. Also wenn dann einer sagt: Aber wir lesen in unserer Schule das und das, sage ich: Aber ich lese das nicht! Weil ich denke, ein anderes Werk, ein anderes Gedicht, ist dieser Klasse angemessener und ich kenne meine Schüler."

    Zahlreiche Lehrer zeigen sich besorgt, dass ein Großteil der Schüler heute keine - oder eine falsche - Vorstellung hat vom Leben in der DDR. Der Hauptgrund liege in den einzelnen Familien, die das Thema verdrängen, erklärt Geschichtslehrer Haase. Dennoch könne man auch an den Schulen mehr Engagement zeigen.

    "Die Lehrpläne sehen ja auch die Behandlung dieser Zeiträume vor. Muss man nur alles ausschöpfen. Natürlich empfehle ich auch, die Stasi-Gefängnisse sich anzuschauen. Wir haben aber auch das Konzentrationslager Sachsenhausen, wo es ja auch eine Baracke gibt für die Geschichte von '45 bis 1950. Also hier gibt es schon Möglichkeiten."

    Nach Ansicht von Petra Seeger haben allerdings viele Lehrer-Kollegen noch nicht die eigene Anpassung in der DDR aufgearbeitet. Deswegen redeten sie im Unterricht nur ungern über den sozialistischen Staat.

    "Aber es gehört ne Portion Ehrlichkeit dazu und gesunder Distanz zu sich selbst dazu, dass man sagt: Ja, das war so, da habe ich mich instrumentalisieren lassen. Aber soweit muss ich kritisch sagen: Ich war Teil eines Systems. Und wer das abstreitet, ich glaube, der kann schlecht seine eigene Zeit reflektieren."