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StartseiteAls stünde die Zeit still …"Die ganze Straße war ein Bombenkrater"08.05.2005

Otto Schily zum Kriegsende"Die ganze Straße war ein Bombenkrater"

Otto Schily wurde am 20. Juli 1932 in Bochum geboren. Die Eltern waren Anthroposophen und gehörten zur Christengemeinschaft, einer religiösen Erneuerungsbewegung. Am Ende des Krieges war die Not groß. Als Kind erlebte er, wie im Kampf ums Überleben keine Gesetze galten.

Von Käthe Jowanowitsch und Stephanie Rapp

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Als Zehnjähriger erlebte Bundesinnenminister Otto Schily die massiven Bombardements seiner Heimatstadt Bochum mit. (dpa / picture alliance / Ralf Hirschberger)
Als Zehnjähriger erlebte Bundesinnenminister Otto Schily die massiven Bombardements seiner Heimatstadt Bochum mit. (dpa / picture alliance / Ralf Hirschberger)
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Als Zehnjähriger erlebte der Sohn eines Hüttendirektors die ersten massiven Bombardements seiner Heimatstadt.

"Als kleiner Junge, damals war ich noch 13 Jahre, hatte ich schon natürlich auch Furcht und Angstgefühle, was denn jetzt eigentlich auf uns zukommt. Ob uns die Amerikaner alle umbringen oder was da jetzt eigentlich geschehen würde, wenn eine fremde Macht jetzt in das Land einzieht. "

"Papapapam, papapapam – das hat man noch im Ohr, das war das BBC-Radio."

"Da habe ich auch noch die Sirenen im Ohr. Warnung, dann dieses Auf und Ab und dann Entwarnung, der gleich bleibende Ton. Das geht einem natürlich in Fleisch und Blut über. Und wir sind dann immer nachts in den Luftschutzkeller gegangen. Unser Elternhaus war total zerstört. Ich riech’ das auch noch. Ich kann mich noch an den Geruch … das hatte einen speziellen Geruch, dieses zerstörte Haus gehabt, offenbar von der Brandeinwirkung. Und was faszinierend war: die ganze Straße war ein Bombenkrater."

Flucht der Mutter von den massiven Bombarements

Als die Luftangriffe auf das Ruhrgebiet immer heftiger wurden, flüchtete Elisabeth Schily mit ihren Kindern in das großelterliche Haus nach Garmisch-Partenkirchen.

"Es gab irgendwelche Verrückte, die – als die Amerikaner schon weit vorgedrungen waren – diese Stadt noch verteidigen wollten. Da gab es dann einige entschlossene Leute, die haben dann diese Nazi-Leute mit gezogener Waffe aus dem Amt gejagt und den Amerikanern den Einmarsch erlaubt. Und das war für uns praktisch das Kriegsende."

"Diese erste Fronttruppe waren sehr kinderfreundliche Soldaten, die haben das Essen dann mit uns geteilt. Man muss auch wissen, das ist das erste Mal, dass es wieder Schokolade gab. Das gab es ja alles gar nicht mehr. Das war für Kinder schon eindrucksvoll. Die nächste Gruppe war nicht ganz so freundlich."

Als stünde die Zeit still ... Das Bild zeigt das zerstörte Nürnberg, Text: 8. Mai 1945, (imago images / Everett Collection) (imago images / Everett Collection)

Szenen, die man nie wieder vergisst

Die Schilys mussten das Familienhaus für die amerikanische Besatzung räumen und bei Freunden unterschlüpfen.

"Und dann durften wir irgendwann in das Haus wieder zurück. Also, diejenigen, die in dem Haus gewohnt haben, haben ziemlich gehaust, und ich habe meine arme Mutter bedauert, die den ganzen Müll und Dreck und buchstäblich die Scheiße wieder wegräumen musste. Und die Amerikaner waren nach Fotoapparaten aus, und unter dem Dachgiebel gab es so eine Stelle, da habe ich die Rolleiflex versteckt. Meine Mutter wurde aber aufgefordert, die Fotoapparate 'rauszugeben. Und meine Mutter sagte aber: Wir haben keinen und so. Sie können das Haus durchsuchen. Und der Soldat legte die Pistole an die Schläfe meiner Mutter und sagte, entweder erschieße ich Sie jetzt, oder Sie geben mir den Fotoapparat ’raus. So schnell bin ich in meinem Leben noch nicht gerannt, um diesen Fotoapparat zu holen. Das sind so Szenen, die prägen sich einem ein, die vergisst man dann nicht wieder."

In den ersten Nachkriegswochen herrschten Chaos und Anarchie. Im Kampf ums Überleben galten keine Gesetze.

"Ich habe eine Plünderung gesehen zum Ende des Krieges in Partenkirchen. Und wir haben auch versucht, uns – als dieses Warenhaus da gestürmt wurde – irgendeinen Sack zu beschaffen, und ich hatte sogar einen Sack mit Mehl. Und dann war ich mit meinem Bruder unterwegs, und dann kam aber irgendein Soldat und schoss dann erst mal über die Köpfe der Menge hinweg. Und dann habe ich so Angst um meinen Bruder bekommen, dann habe ich den Sack fahren lassen. Dann haben wir gesagt: Na gut, das Mehl ist weg, aber immerhin haben wir keinen Schuss abbekommen."

Leben im absoluten Mangel

Lebensmittel wurden immer knapper. Grundnahrungsmittel gab es nur auf Karten. Die Tagesration für ein Schulkind sah 1945 wie folgt aus: Drei Scheiben Brot, ein Teelöffel Marmelade, eine Gabelspitze Fleisch, 6,6 Gramm Kunsthonig, 5,7 Gramm Rohrzucker, 8,3 Gramm Grieß und 8,2 Gramm Fett.

"Wir haben Kartoffelschalen gegessen und Kaffeesatz und Unkraut aus dem Garten. Und was mich besonders als kleines Kind fasziniert hat: Ich bekam sogenannte Hungerödeme, das heißt das Fleisch wird dann schwarz und man kann es herausschneiden aus dem Körper, und was mich besonders beeindruckt hat, war die Tatsache, dass das nicht sehr schmerzhaft ist. Die Narben habe ich heute noch."

Es dauerte lange, bis sich das Leben Schritt für Schritt normalisierte. Nach zwölf Jahren NS-Regime versuchten die Deutschen, sich neu zu orientieren.

"Nach ’45 war eine Situation entstanden, wo dieses Land völlig daniederlag, in Trümmern war, materiell, aber auch geistig-seelisch. Dieses Land hatte völlig sein Selbstbewusstsein verloren, und ich kann mich noch daran erinnern, dass mein Vater gesagt hat, das Beste, was uns passieren könnte ist, dass wir vielleicht einer der neuen Staaten von Amerika würden. Sozusagen in Amerika eingemeindet würden. Wir waren amerikabegeistert, das Land der Freiheit und der Demokratie.

Natürlich bin ich dankbar dafür, dass ich in einem Elternhaus aufgewachsen bin, die mich nicht in eine falsche Richtung geführt haben. Und ich muss aber ganz offen sagen: Hätte ich ein anderes Elternhaus gehabt, wer weiß, was aus mir geworden wäre. Für die Älteren ist es sicher eine andere Situation gewesen: Die werden sich die Frage gestellt haben, haben wir denn genug getan, um uns dem entgegen zu stellen? Aber auch da empfehle ich keinen Hochmut. Im Nachhinein lässt sich immer gerne der Mut und die Courage und der Einfallsreichtum entwickeln. - Das ist tief, tief in der eigenen Seele, und das wird man auch nicht wieder los. Und deshalb kann man das nicht so vielleicht aus kühler Distanz betrachten, wie das andere können. Und können dürfen."

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