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StartseiteWissenschaft im BrennpunktFunde von Frühmenschen-Fossilien und ihre Bedeutung15.12.2019

PaläanthropologieFunde von Frühmenschen-Fossilien und ihre Bedeutung

Wann begann die Geschichte der Menschheit? Und wo nahm sie ihren Anfang? Diese Fragen beschäftigen Forscher weltweit. Immer neue Fossilien-Funde aus der Frühzeit ermöglichen ein zunehmend detailliertes Bild von der Evolution des Menschen - und verändern damit auch die Wissenschaft.

Von Michael Stang

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Die Artgenossen der Urfrau «Lucy» gingen vor 3,2 Millionen Jahren mit Sicherheit aufrecht. Das schließen US-Forscher aus dem Fund eines Mittelfußknochens in Äthopien (undatierte Aufnahme). (picture alliance / Carol Ward)
Nicht einfach ein Mittelfußknochen: Der Fund aus Äthopien zeigt, dass der Urmensch bereits vor 3,2 Millionen Jahren aufrecht ging (picture alliance / Carol Ward)
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Früher war die Rekonstruktion der Menschheitsgeschichte einfach und übersichtlich, sagt Bernard Wood.

"Im Grunde war es damals bis zur Entdeckung von Homo habilis noch eine lineare Geschichte. Damals wussten wir nicht, dass Menschenarten sich zeitlich überlagern konnten. Eine Art war entweder ein menschlicher Vorfahr, ein Nachkomme oder beides. Unten im Stammbaum standen die Vorfahren und oben die modernen Menschen als deren Nachkommen."

Nur ein kleiner Einblick in die Evolution des Menschen

Diese Zeiten sind aufgrund vieler neuer Fossilienfunde vorbei, zum Glück, so der 75-jährige Anatom von der George Washington Universität in der US-Hauptstadt. Bernard Wood beschäftigt sich seit mehr als 50 Jahren mit der Evolution des Menschen. Er war nicht nur bei zahlreichen Ausgrabungen unter anderem in Kenia dabei, wo berühmte Frühmenschenfossilien entdeckt wurden, sondern er hat diese Funde auch wissenschaftlich beschrieben. Seit Jahrzenten sei er Zeuge einer sich stetig verändernden Wissenschaft, die äußert anspruchsvoll ist.

Man versucht die Geschichte der Menschheit zu rekonstruieren, hat dazu aber nur Beweise, die alles andere als vollständig sind. Doch die Fundsituation hat sich in den vergangenen Jahren gewaltig verändert. Immer mehr Fossilien aus der Frühzeit des Menschen, vor allem aus Afrika, zeichnen ein zunehmend detailliertes Bild. Dennoch geben die Fossilien weiter nur einen kleinen Einblick in die Humanevolution, eine Entwicklung, die sich über rund sieben Millionen Jahre hingezogen hat, so Bernhard Wood.

"Wenn man alle Ausgrabungsstätten in Ostafrika nimmt, in denen Fossilien von Frühmenschen gefunden wurden und dann alle Gegenden mit solchen Funden im Süden Afrikas und jene Kandidaten aus dem Tschad, dann sind das gerade einmal drei Prozent der Landfläche des Kontinents. Bedeutet das, dass diese Gegenden die einzigen waren, in denen unsere Vorfahren gelebt haben? Nein!"

Viele aufrecht gehende Vorfahren

Zumal es in vielen Regionen in jüngster Vergangenheit kaum große Ausgrabungen gegeben hat, etwa in Ostasien oder Indien. Auch dort könnte es noch viele Fossilien geben. Fragen gibt es viele, Klarheiten wenige. Unbestritten ist, dass es vor der Entstehung unserer Gattung Homo diverse menschliche Vorfahren gab, die aufrecht gingen. Doch welcher von ihnen steht in direkter Verwandtschaft zu uns? Viele Experten gehen davon aus, dass es die Gattung Australopithecus war, aus der vor zwei bis drei Millionen Jahren die ersten Vertreter der Gattung Homo hervorgingen.

Ob es die Art Australopithecus afarensis war, zu der auch die berühmte Lucy aus Äthiopien gehört, darüber herrscht seit Jahrzehnten Uneinigkeit. Und selbst heute, wo es manchen Wissenschaftlern zufolge rund zwei Dutzend Menschenarten gegeben hat, die in dem Stammbaum ihren Platz finden sollten, sei es denkbar, dass vieles noch überhaupt nicht bekannt ist. Deswegen sorgen neue Funde häufig für große Aufmerksamkeit, die mitunter reflexartig schnell in die falsche Richtung geht, mahnt auch Friedemann Schrenk vom Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt - vor allem, wenn es heißt, dass die Geschichte der Menschheit nach einem Fund angeblich direkt umgeschrieben werden muss.

"Es muss nie alles umgeschrieben werden. Also natürlich gibt es ab und zu mal Überraschungen, aber die passen ja dann in ein Bild. Unser wissenschaftliches Weltbild, das setzt sich aus so vielen Einzelheiten zusammen, dass man jetzt nicht sagen kann, durch einen einzigen Fund, der erst erklärt werden muss, bricht alles andere zusammen."

2,4 Millionen Jahre alte Zähne

Der Paläoanthropologe gehört zu den wenigen deutschen Wissenschaftlern, die regelmäßig in Afrika nach dem Ursprung der Menschheit suchen. Seit mehr als 30 Jahren treibt es Friedemann Schrenk immer wieder nach Malawi. Dort, entlang des ostafrikanischen Grabenbruchs, gibt es Gesteinsschichten aus der Frühzeit des Menschen. In diesen Schichten hat er auch mit die bislang ältesten Belege unserer Gattung Homo entdeckt. Ein 2,4 Millionen Jahre alter Unterkiefer mit Zähnen, der der Art Homo rudolfensis zugerechnet wird.

In der Paläanthropologie geht es aber nicht nur um einzelne Fossilienfunde. Bei allen Entdeckungen müssen der Gesamtzusammenhang und früher entdeckte Fossilien beachtet werden. Und: Nicht alle Wissenschaftler können Recht haben. Denn Charles Darwins viel beschriebene "Cradle of Humankind", die Wiege der Menschheit, kann nicht überall gleichzeitig gestanden haben.

Friedemann Schrenk: "Das ist dann so eine Konkurrenz innerhalb von Afrika. Da in Südafrika wird gesagt: Wir sind die Cradle of Humankind und natürlich in Äthiopien wird das auch gesagt, wir sind Cradle of Humankind, in Kenia auch, in Malawi auch, in Tschad, überall."

Die Anfänge der Menschheit liegen in Afrika

Friedemann Schrenk zufolge ist der aufrechte Gang des Menschen vor rund sieben Millionen Jahren entstanden. Der tropische Regenwald, der sich einst von der Westküste Afrikas bis zur Ostküste ausbreitete, zog sich stark zurück. In diesen riesigen Randgebieten entstand mit der afrikanischen Savanne ein neues Ökosystem. Dies war für ihn der Beginn der Menschheit – und die Anfänge der Menschheit liegen in Afrika.

Dem stimmt auch Lee Berger zu, der in den vergangenen Jahren in Südafrika selbst diverse Fossilien entdeckt und mit Homo naledi und Australopithecus sediba zwei neue Menschenarten beschrieben hat. Ob jetzt Südafrika oder Ostafrika die größere Rolle bei der Humanevolution gespielt hat, werden nur weitere und bessere Funde zeigen können. Klar sei für ihn nur eine Sache.

"Es ist keine einfache Geschichte, die sich nur an einem Ort, an einer Zeit abgespielt hat."

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