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Paläontologie Rolle früher Säugetiere unterschätzt

Erst nach dem Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren kam es zum Siegeszug der Säugetiere – soweit die bisherige Expertenmeinung. Jetzt präsentieren Paläontologen in gleich zwei Veröffentlichungen im Fachblatt "Science" neue Fossilien, die diesen Ansatz ins Wanken bringen.

Von Michael Stang | 13.02.2015

Chinas Gesteinsschichten erweisen sich erneut als exzellente Fossilienquelle. Als besonders fundreich erwies sich nun die Tiaojishan-Formation im Nordosten des Landes, sagt Zhe-Xi Luo von der University of Chicago.
"Die Fossilien lagen am Grund eines ehemaligen flachen Sees, wo es kaum Bewegung gab. Feine Sedimente haben die Körper rasch bedeckt und so diese exzellente Erhaltung ermöglicht."
Durch den luftdichten Abschluss wurden alle Verwesungsprozesse unterbunden, so konnten die Kadaver vollständig versteinern. In den Gesteinsschichten haben der Paläontologe und seine Kollegen in den vergangen Jahren nicht nur perfekt versteinerte Dinosaurier, Libellen und Fische ausgraben können, sondern nun auch zwei bislang unbekannte Vorfahren der Säugetiere. Beide lebten vor rund 160 Millionen Jahren.
"Agliodocodon sieht aus wie eine kleine Version eines Spitzhörnchens. Dieses Tier hatte sehr grazile Gliedmaßen und sehr lange Finger und Zehen. Es war damit gut an das Leben in Bäumen angepasst."
Die Zähne des hochgerechnet maximal 40 Gramm schweren Tieres deuten darauf hin, dass es sich hier um einen Allesfresser handelt. Agliodocodon ist damit der älteste bislang bekannte Säugetiervorfahr, der als Baumspezialist angesehen wird. Auch Fossil Nummer zwei war bereits hoch spezialisiert.
"Docofossor hingegen war an das Leben unter der Erde angepasst, er hatte große Klauen, aber nur sehr kurze Handteller. Das sind typische Merkmale für Tiere, die gut graben können."
Docofossors Zähne ähneln denen heutiger igel- oder spitzmausartigen Vertretern der Tenreks auf Madagaskar oder den maulwurfartigen Goldmullen in Afrika. Vermutlich standen damals hauptsächlich Insekten auf seinem Speiseplan. Auch dieses Tier war klein, ohne Schwanz höchstens neun Zentimeter lang. Trotz ihrer geringen Körpergröße ermöglichen beide Fossilen zusammengenommen gewaltige neue Einblicke in die Frühzeit der Ursäugetiere, sagt Zhe-Xi Luo.
"In Bezug auf die frühe Evolution der Säugetiere stellt sich ja immer die große Frage: zeigten Säugetiere auch schon in ihren Anfängen eine große Vielfalt, obwohl die Dinosaurier überall waren oder nicht? Und diese beiden Fossilien helfen uns bei der Antwort. Sie lautet: Ja!"
Und das ist eine große Überraschung, denn dies zeigt, dass die Verbreitung und Vielfalt der Vorfahren heutiger Säugetiere definitiv unterschätzt wurden. Diese Tiergruppe war wesentlich flexibler und artenreicher als bisher gedacht. Es gab schon vor 160 Millionen Jahren viele Spezialisten für einzelne ökologische Nischen, sei es auf Bäumen oder unter der Erde, trotz der Dominanz der Dinosaurier, die nun etwas abgeschwächt werden muss. Auch wenn jetzt in der Paläontologie einige Thesen überarbeitet werden müssen, bewahrheitet sich ein anderer alter Leitspruch aus der Wissenschaft von den Lebewesen vergangener Erdzeitalter: "Die Abwesenheit von Fossilien ist kein Beweis dafür, dass es sie nie gegeben hat".