Verpackung, Druck, Hygiene
Welche Rolle spielt Papier noch?

Im digitalen Zeitalter wird immer weniger gedruckt. Und doch wird immer mehr Papier verbraucht. Woran liegt das? Und warum ist Papier in Deutschland weiterhin beliebt?

17.11.2023
    Ein Mann schiebt eine Papierrolle in einer Druckerei
    Ist Papier zum Auslaufprodukt geworden? Keineswegs. Dennoch befindet sich die Papierindustrie im Umbruch. (picture alliance / Westend61 / lyzs)
    Papier ist für die Ewigkeit gedacht. Falls nicht gerade Feuer oder Wasser dran kommt. Jedenfalls galt das Material lange als Konstante: für Werbung, Presse und Verpackung. Im Zuge der Digitalisierung scheint das Papier allmählich zu verschwinden, doch das betrifft nicht alle Branchen und Regionen. Insgesamt nimmt die weltweite Papierproduktion sogar zu. In Deutschland ist die Nachfrage besonders hoch.

    Wie hat sich Papier entwickelt?

    Erfunden wurde Papier etwa 200 Jahre vor Christus in China. Aus dieser Zeit stammt jedenfalls der früheste bekannte Papierfund. Das leichte Material half dabei, das riesige chinesische Reich zu verwalten. Papier war auch ein Alleinstellungsmerkmal: Rund 700 Jahre lang war seine Herstellung ein streng gehütetes Geheimnis. Erst als Chinesen in arabische Kriegsgefangenschaft gerieten und gezwungen wurden, das Geheimnis zu verraten, gelangte das Wissen über den arabischen Kulturraum nach Europa.
    Die erste Papiermühle in deutschen Landen gab es im Jahr 1390, etwa 60 Jahre später druckte Johannes Gutenberg seine erste Bibel, was zu einer Medienrevolution führte. Durch den Druck mit beweglichen Lettern auf Papier konnte Wissen über Bücher und Flugblätter massenhaft, günstig und schnell verbreitet werden. Seitdem nahm die Produktion von Papier und Druckerzeugnissen durch immer effektivere Techniken zu.
    Auf dem Höhepunkt gab es im Jahr 1928 allein in Deutschland insgesamt 3773 Tageszeitungen. Die NS-Diktatur und der Zweite Weltkrieg ließen diese Zahl stark einbrechen. Nach dem Krieg wurde dieses Niveau, wohl auch wegen Konkurrenzmedien wie Radio und Fernsehen, nie mehr erreicht: 2001 gab es nicht einmal halb so viele Tageszeitungen.

    Welche Bedeutung hat Papier noch?

    Durch die Digitalisierung wird immer weniger Papier für Druckerzeugnisse verwendet. In den USA erscheint mittlerweile die Hälfte der gedruckten Zeitungen nicht mehr täglich. Es werden auch weniger Werbeflyer und Prospekte gedruckt. Der Versandhändler Otto hat 2018 seinen Katalog aufgegeben, zwei Jahre später folgte Ikea. Auch andere Handelsketten haben den Druck von Werbung eingestellt.
    Zugleich steigen die Preise für Papier. Befanden sich diese im ersten Quartal 2021 auf einem Allzeittief, liegen sie derzeit auf einem Allzeithoch. Papierhersteller weichen auf andere Produkte aus: Die Firma Schoellershammer aus Düren etwa produziert nur noch Verpackungsmaterial, denn das wird weiterhin stark nachgefragt. Bis 2021 ist die Produktion von Papier, Karton und Pappe für Verpackungen ständig gestiegen. Sie macht immer noch den höchsten Anteil an der Gesamtpapierherstellung aus.

    Wie wichtig ist Papier noch in Deutschland?

    Die Deutschen verbrauchten im Jahr 2022 pro Kopf 211,6 Kilogramm Pappe, Papier und Karton. Damit gehört Deutschland zu den weltweiten Spitzenreitern, allerdings war der Verbrauch auch schon deutlich höher (besonders im Jahr 2006, da waren es 274 Kilogramm). Als Ursachen nennt die Papierindustrie vor allem den hohen Bedarf an Verpackungspapier für den Export. Auch der wachsende Onlinehandel verbraucht immer mehr Papier. Der dritte Grund ist die vielfältige Presselandschaft.
    Deutschland ist laut WWF der viertgrößte Papierproduzent der Welt sowie der größte Exporteur und Importeur von Papier. Die Herstellung von Druckpapier in Deutschland sinkt zwar seit Jahren, die verkaufte Auflage von Tageszeitungen ist seit 1991 kontinuierlich gefallen, von 27,3 Millionen auf 10,9 Millionen Exemplare im Jahr 2023. Das gedruckte Buch ist aber weiterhin sehr beliebt. Zwar werden laut dem Börsenverein des deutschen Buchhandels nicht mehr so viele neue Titel gedruckt wie noch 2007 (rund 86.000 Erstauflagen), dafür mit 64.000 Titeln im vergangenen Jahr immer noch etwas mehr als vor 20 Jahren. Bei rund 270 Millionen verkauften Büchern pro Jahr fallen im Schnitt drei auf jede Person. Im Vergleich dazu spielt das E-Book in Deutschland nach wie vor kaum eine Rolle. Seit 2020 bleibt der Anteil konstant bei etwa sechs Prozent des Gesamtbuchmarkts.

    Verwaltung immer noch abhängig vom Papier

    Auch die Verwaltung verbraucht noch viel Papier. Allein im Jahr 2017 hat die Bundesregierung mit nachgeordneten Behörden rund 1,255 Milliarden Blatt Papier verbraucht. Im selben Jahr wurde die Einführung der "E-Akte" beschlossen, ein Jahr später dann eingeführt. Oder besser gesagt: Es wurde mit der Einführung begonnen. Zunächst in fünf Pilotbehörden. 2020 in weiteren Bundesbehörden. Bis zum Jahr 2025 will sich das Land Berlin damit Zeit lassen, was offenbar auch nötig ist, weil die Umstellung auf die E-Akte sehr aufwendig ist und anscheinend Probleme bereitet. Schnittstellen zu anderen zentralen Programmen funktionieren nicht.
    Bis Ende 2022 sollten laut "Onlinezugangsgesetz" 575 Verwaltungsleistungen digital angeboten werden. Lediglich 114 wurden im Zuge dieser "Offensive" realisiert, wobei das auch nur heißen kann: Das Formular gibt es als PDF und muss trotzdem per Post verschickt werden.
    Inkompatible Systeme, die sich zwischen Bund und Ländern unterscheiden, erschweren die Digitalisierung der Behörden. „Der Weg zum papierlosen Büro ist genauso weit wie der Weg zum papierlosen Klo", sagt Gregor Andreas Geiger, Geschäftsführer des Papierindustrieverbands. "Es gibt heute beides, aber ich glaube nicht, dass Papier als Kommunikationsmittel verschwinden wird." Die deutschen Behörden werden voraussichtlich noch einige Jahre für eine verlässliche Abnahmemenge sorgen, während etwa Estlands Regierung bereits seit Jahren papierlos arbeitet.

    Recycling und Toilettenpapier

    Deutsche verbrauchen zwar das meiste Papier, sie recyceln den Großteil aber auch. Seit der Jahrtausendwende ist die Altpapierrücklaufquote laut Papierindustrie konstant hoch, bei über 70 Prozent. Die Altpapierverwertungsquote steigt seit den 1990er Jahren und liegt mittlerweile bei 95,4 Prozent. Doch die umweltfreundliche Alternative ist nicht in jedem Bereich beliebt.
    Kartons und Stapel mit Altpapier, Altpapiersammlung, Grüne Tonne für Biomüll
    Weltspitze im Verbrauch, aber auch im Recycling: Altpapier wird in Deutschland zu einem großen Teil wiederverwertet. (picture alliance / imageBROKER / Torsten Krüger)
    134 Rollen Toilettenpapier verbraucht jeder Deutsche pro Jahr. Nur die Menschen in den USA überbieten das. Sogenannte Hygienepapiere machen zwar einen geringen Teil der Papierproduktion aus, doch ist der Verbrauch stark gestiegen, was an der zunehmenden Dicke liegt: Statt drei Lagen gibt es mittlerweile bis zu fünf.
    Für das meiste Toilettenpapier werden immer noch Frischfasern verwendet, die aus Holz gewonnen werden. Zwar gibt es auch umweltfreundliches Recycling-Toilettenpapier, doch der Anteil des Altpapiers in der Produktion ist zwischen 2000 und 2021 von 74 auf 47 Prozent gesunken. Der Marktanteil von Hygienepapier mit dem Siegel "Blauer Engel" liegt bei lediglich 11,9 Prozent. "Wir spülen damit unsere Wälder ins Klo", kritisiert das Umweltbundesamt.