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StartseiteForschung aktuellPappe, die es in sich hat12.03.2012

Pappe, die es in sich hat

Verpackungen von Lebensmitteln weisen oftmals Mineralöl-Rückstände auf

In Bonn tagen Lebensmitteltechniker, um über das Problem von Mineralöl-Rückständen in Verpackungen zu diskutieren. Denn die Rückstände könnten auch in die Lebensmittel selbst eindringen.

Von Volker Mrasek

Lebensmittelverpackungen auf einer Supermarktkasse  (AP)
Lebensmittelverpackungen auf einer Supermarktkasse (AP)

Noch in diesem Jahr soll neu beurteilt werden, welches gesundheitliche Risiko von Nahrungsmitteln ausgeht, die mit Mineralöl verunreinigt sind. Das planen sowohl die Internationale wie auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, die EFSA. Dabei geht es um ...

"Mineralöl auf Verpackungen, was über Kartonagen, bedruckte Kartonagen, in Lebensmittel gelangt ist wie zum Beispiel in Reis oder in Nudeln."

Tanja Schwerdtle ist Professorin für Lebensmittelchemie in Münster und regelmäßig als Sachverständige bei der EFSA. Die Behörde hat vor, ihre wissenschaftliche Stellungnahme über Mineralöle aus den Druckfarben im Juni abzugeben. Verzögerungen sind aber nicht ausgeschlossen.

"Und damit kann dann die EU-Kommission eben eine Risikoabschätzung wiederum durchführen und drüber nachdenken, ob man Grenzwerte setzen müsste. Oder ob überhaupt erstmal ein Risiko für den Verbraucher besteht."
Nach Studien, die jetzt in Bonn vorgestellt wurden, auf einer Regionaltagung von Lebensmittelchemikern – nach diesen Studien scheinen Verbraucher nicht gefährdet zu sein. Veranlasst hat die Untersuchungen Concawe. So heißt die Fachorganisation für Umwelt- und Gesundheitsfragen der europäischen Mineralöl-Industrie.

Die Studien stellte Juan-Carlos Carrillo vor, Toxikologe bei Shell in Den Haag. Er stammt aus Guatemala und hat in Deutschland promoviert. Die Versuche liefen zunächst mit Ratten und später auch mit neun weiblichen Probanden. Über einen kurzen Zeitraum wurden ihnen geringe Mengen Mineralöl oral verabreicht. Danach bestimmte man den Gehalt im Blut.

"Bei den Ratten sind Mineralöle gemessen worden. Und, interessanterweise: Bei den Menschen sind die Mineralöle eigentlich nicht detektiert worden."

Laut dem Industrietoxikologen lagen die Werte unter der sogenannten Quantifizierungsgrenze. Das ist die kleinste, noch zuverlässig messbare Konzentration eines Stoffes oder Stoffgemisches.

""Und wenn man diese Werte als Grenzwerte nimmt und das mit den Blutwerten von den Ratten vergleicht, die keine Effekte zeigen, dann gibt das eine Distanz zum toxischen Effekt sozusagen von 37 Mal."

Und das, obwohl die gewählte Mineralöl-Dosis in den Versuchen sehr hoch war. Sie betrug ein Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Das sei fünfmal mehr als die tatsächliche durchschnittliche Belastung mit den Ölen, denen Verbraucher heute ausgesetzt seien, so Carrillo

Aus früheren Tierversuchen gibt es Hinweise, dass Mineralöle Leberentzündungen verursachen können. Deshalb wurde in den neuen Experimenten mit Ratten auch der Gehalt der Öle in diesem Körperorgan ermittelt. Wie sich herausstellte, stimmte er mit der Konzentration im Blut weitgehend überein.

Man dürfe davon ausgehen, dass das auch beim Menschen so sei, sagte Toxikologe Currillo in Bonn. Wenig Mineralöl im Blut der weiblichen Studienteilnehmerinnen spreche deshalb auch für niedrige Konzentrationen in der Leber. Mit einer giftigen Wirkung auf das Organ beim Menschen sei deshalb nicht zu rechnen. Tanja Schwerdtle hatte nach dem Vortrag allerdings Einwände:

"Ich denke, die vorgestellten Studienergebnisse sind interessant. Sie zeigen auf jeden Fall, wie beim Menschen Mineralöle aufgenommen werden können. Es reicht aber nicht dazu aus, meiner Meinung nach, eine Risikoabschätzung zu treffen. Zumal die Studie sehr klein war. Es müssten auch Kinder in Betracht gezogen werden und auch männliche Probanden, um wirklich eine Risikoabschätzung treffen zu können."

Die Münsteraner Professorin hebt auch auf das mögliche Krebsrisiko ab, das von bestimmten Mineralöl-Bestandteilen ausgehen könne:

"Eines der größten Probleme könnten die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe sein, die wir auch aus anderen Bereichen kennen, wie aus Zigarettenrauch oder stark gegrillten Lebensmitteln."

Um zu ermitteln, in welchen Mengen diese Giftstoffe in Mineralölen vorkommen und wie schädlich sie sind, seien zusätzliche Experimente nötig, unter anderem Fütterungsversuche mit Blick auf die Krebsentstehung.

"Hierzu wurden leider keine Daten vorgestellt, zur Krebserzeugung."

Die Studien liegen auf jeden Fall der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit vor. Wie sie dort eingeschätzt werden, bleibt abzuwarten. Für eine Entwarnung in Sachen Mineralöl-Rückstände scheint es auf jeden Fall noch zu früh zu sein.

Link zum Thema:

Rohöl am Reisrand (Wissenschaft im Brennpunkt vom 25. September 2011)

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